Jakob Pöltl ist Österreichs größte Basketball-Hoffnung. Der Wiener, 20, spielt für das Utah-College in der NCAA, sein Karriereweg weist in die Profiliga NBA. Eine Erfolgsgeschichte.
Sie hatten die Chance, als erster Österreicher einen NBA-Vertrag zu unterschreiben. In Wien träumte man schon von Spielen gegen Superstars wie Bryant, James oder Curry. Sie lehnten ab, wollten lieber noch eine Saison am College spielen. Warum?
Jakob Pöltl: Ich habe gebraucht, um diese Entscheidung zu treffen. Das war nicht ganz leicht. Geld hat dabei nie eine große Rolle gespielt, es geht um Erfahrung, Kennenlernen, Routine. Wenn ich alles richtig mache, kommt das Geld später sowieso. Es war also eine rein menschliche Entscheidung. Ich wäre dann jetzt schon Profi, das ist ein ganz anderes Leben. Es wird ein Jahr vergehen – und dann bin ich bereit. Aber das ist jetzt Zukunftsmusik.
Die Saison hat für Sie jedenfalls brillant begonnen: 21,3 Punkte, 9,9 Rebounds und 2,5 Blocks pro Partie. Im US-Sport steht die Statistik über allem – stimmt das?
Bis jetzt läuft für mich alles sehr gut, so viel ist richtig. Doch der Saisonstart der Utah Utes war etwas holprig, wir können weitaus besser spielen. Wir haben gegen Teams, die nicht so stark sind – laut Papierform –, lang auf den Sieg warten müssen. Im Vergleich zum Vorjahr spielen wir unkonzentriert, vor allem in der Defense. Die Team-Defense muss noch viel besser werden.
Täuscht der Eindruck oder haben Sie jetzt in der zweiten NCAA-Saison eine wichtigere Rolle in der Mannschaft übernommen?
Nein, der stimmt. Ich habe mehr Verantwortung übernommen. Das hat man in den ersten acht Partien auch gesehen. Ich bin sicher in eine Art Leader-Rolle geschlüpft, bin einer der drei Team-Captains. Das liegt mir, von den Mitspielern wird das geschätzt.
Der Überraschungseffekt, dass da ein Wiener unter dem US-Korb lauert, ist weg?
Ja, auf jeden Fall. Die gegnerische Abwehr schaut mehr auf mich, daher müssen andere Wege her, um die Punkte zu machen. Wir passen, müssen mehr laufen, halt andere Freiräume suchen. Den größten Unterschied macht doch immer die Erfahrung aus. In diesem Punkt bin ich ruhiger geworden, ich versuche dabei auch weniger Fehler zu machen.
Sie sind 2,13 Meter groß, das verlangt schon im Alltag eine besondere Koordination, eine Schulung der Motorik. Im Basketball ist Größe hilfreich, doch es bedarf noch härterer Übungen und Kraft.
Wir trainieren jeden Tag, nach Spielen ist jedoch zumeist frei. Vom Gewicht her hat sich nicht so viel geändert, ich wiege 113 Kilogramm. Es ist weniger das Gewicht, sondern eher die Kraft, die den Ausschlag gibt. Ich lasse mich nicht mehr herumschubsen.
Im US-College-Sport muss nicht nur die Leistung top sein, auch die Noten müssen passen. Sie studieren Wirtschaft – wie läuft's?
Die Noten dürfen nicht schlecht sein, sonst verlierst du ja die Berechtigung mitzuspielen. Ich bin aber nicht auf der Uni, um nur durchzukommen. Ich will auch etwas lernen, im Studium weiterbringen. Die Universität hilft mir, meine Kurse sind so angelegt, dass ich nur zweimal pro Woche in den Klassen sein muss. Der Rest geht online. Ich habe also Zeit und kann mich auf Basketball konzentrieren.
Ihr Karriereweg liest sich wie ein Märchen: zweite Liga mit Donaustadt, dann Bundesliga mit Traiskirchen, zuletzt College-Playoff und Sommercamp LeBron James...
Bis zu einem gewissen Grad stimmt das, es ist wunderbar. Es war ein Nike-LeBron-James-Camp, für die besten College-Spieler, die alle eingeladen wurden. Drei, vier Tage intensives Training, zweimal täglich – es war eine tolle Erfahrung. Auch viele NBA-Spieler und Trainer waren da. Die haben mir viel erzählt, die wussten, wer ich bin! Sie haben mir gesagt, was man haben muss, um nicht nur in die NBA zu kommen, sondern auch in der besten Basketballliga der Welt zu bleiben...
Was muss man denn haben...?
Das Schwierige ist, sich dort zu halten, Einfluss im Spiel zu haben. Man darf nie aufhören, an sich zu arbeiten. Es geht erst richtig los, wenn man dort dabei ist. Du musst dich täglich verbessern, darfst dich nicht hängen lassen. Es ist ein Teamsport, mit vielen Reisen. Zusammenhalt, Gemeinschaft, diese Werte sind wichtig. Und deine Leistung, Punkte, jeder Rebound zählt.
Etwas erreichen, sich damit zufriedengeben – Sie schildern das österreichische Phänomen im Sport. Das gibt es auch in den USA?
Offensichtlich. Ich habe es aber nicht vor. Ich arbeite hart an mir.
Sie waren im Sommer auch zu Hause in Wien, spazierten über den Naschmarkt. Hat man Sie da schon erkannt?
Es passiert mir manchmal, wenn ich mit einer Kamera spazieren gehe, dass sich einer umdreht und schaut. ,Ui, der ist aber groß – da läuft eine Kamera. Der muss doch berühmt sein!‘
Es gibt nicht viele so große Österreicher.
Für mich ist es ein Geschenk. Gäbe es noch mehr große Spieler, wäre unser Nationalteam sicherlich noch besser.
Weihnachten naht, und wenn Sie jetzt einen Wunsch frei hätten: Bei welchem NBA-Klub möchten Sie spielen – wen würden Sie am liebsten blocken?
Mein Lieblingsklub waren schon immer die Celtics, sie haben eine tolle Halle. Boston soll auch eine wunderschöne Stadt sein. Aber wen würde ich blocken wollen? Ein Blockshot, wen mag ich denn nicht? Da fällt mir jetzt wirklich keiner ein...
Steckbrief
1995
Am 15. Oktober wird Jakob Pöltl in Wien geboren, er ist der Sohn ehemaliger Team-Volleyballer.
2006
Als Elfjähriger steigt er bei den Donaustadt Timberwolves ein, sieben Jahre später dribbelt er eine Saison lang für Traiskirchen in der Basketball-Bundesliga.
2014
wechselt Pöltl zu Utah, das College stattete ihn auf Wunsch des Trainers, der den Wiener bei der U18-B-EM gesehen hatte, mit einem Stipendium aus.
2015
bestreitet er seine zweite Collegesaison.
2016
könnte er der erste Österreicher werden, der in der NBA, der besten Basketballliga der Welt, spielt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2015)