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Virtuose Nabelbeschau der Bellboys

"Hotel Europe oder der Antichrist"(c) APA/HANS KLAUS TECHT
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Regisseur Antú Romero Nunes hat sehr viel Joseph Roth gelesen. Sein Digest "Hotel Europa" ist eine teils witzige, teils traurige, teils läppische Bastelarbeit. Das Publikum freute sich über die köstliche Kleinkunst der vier Schauspieler.

Alkohol, du böser Geist, der du mich zu Boden reißt . . .“ Es mag unzart sein, angesichts des furchtbaren Schicksals des Emigranten und genialen Schriftstellers Joseph Roth (1894–1939) an diesen Kinderreim zu erinnern. Wie es überhaupt unpassend ist, ständig auf die Trunksucht dieses armen Mannes hinzuweisen. Wahr ist aber, dass Alkohol jene Depressionen verstärkt, die mit ihm bekämpft werden sollen.

Im Akademietheater, wo seit Freitag „Hotel Europa oder Der Antichrist“, „ein Projekt frei nach Joseph Roth“ zu erleben ist, wird nur Kaffee getrunken: Ein Ritual, das der Emigrant, der später als „verlängerter Schwarzer“ verspottet wird, ankündigt. Antú Romero Nunes, deutscher Regisseur mit portugiesischen und chilenischen Wurzeln, hat inszeniert. Er kultiviert wie schon in früheren Aufführungen („Die Macht der Finsternis“ von Tolstoi, „Das Geisterhaus“ von Isabel Allende) seinen Hang zur Groteske, zu Stummfilm und Laisser-faire-Improvisation.


Buchstabensuppe

Vier Bellboys illustrieren die zweistündige Aufführung, in der viele, allzu viele Werke Roths zusammengeworfen sind: „Hotel Savoy“ über einen Kriegsheimkehrer, der die Russische Revolution erlebt; „Der Radetzkymarsch“, „Die Kapuzinergruft“, über 600(!) Seiten, im Wesentlichen eine Geschichte vom Untergang der österreichisch-ungarischen Monarchie; „Stationschef Fallmerayer“, der sich in eine russische Gräfin verliebt; dazu kommen noch: „Der Antichrist“, eine Polemik über das der Welt unausrottbar immanente Böse, „Die Beichte eines Mörders“, „Die Geschichte von der 1002. Nacht“, „Die Flucht ohne Ende“, Stefan Zweigs „Die Welt von Gestern“. Und dann noch eine Prise Rilke! Gut vorstellbar, dass der Regisseur mit rot geäderten Augen und ganz ohne Schnaps nach nächtelanger Lektüre und strapaziösen Proben tagsüber, wenn er versuchte, die Lesefrüchte in seiner Installation zu verstauen, so fix und fertig war wie der Dichter nach seinen Schreibmarathons. Irgendwann resigniert man und lässt den Dingen ihren Lauf. Zum Glück sind die Schauspieler da. Sie machen das scheinbar ganz von allein, sobald man sie auf die Reise schickt.


Ein paar starke Bilder

So erzählt Aenne Schwarz von Schrecken und Seligkeit der Soldaten, die Schokolade und Zigaretten erhalten, bevor sie in den Schützengraben müssen, wo ihnen nach ihrem Tod die guten Gaben aus den Taschen hängen. Schwarz schwingt sich auf die Glockenstricke, Geschützlärm ertönt, ein starkes Bild, das vollendet wird, wenn sich am Schluss tatsächlich der Glockenklang wie Donner anhört.

Fabian Krüger zieht kunstvoll, wenn auch schon ein wenig zu routiniert seine Transvestitennummern ab. Katharina Lorenz zeichnet so lautmalerisch einen Bahnhof, dass man glaubt, die Züge fahren zu sehen. Michael Klammer, der Neuzugang aus Deutschland mit südtirolerisch-nigerianischen Wurzeln, erweist sich als charismatische Erscheinung, ob er stotternd einen Emigrantentext abliest oder Stammtisch-Geplapper zur Flüchtlingskrise zum Besten gibt. Diese Passage ist – neben der doofen Verballhornung von Wiener Dialekt – eine der ärgerlichsten. Wenn dem Theater zur Politik nichts einfällt, sollte es auf Beiträge zu diesem Thema verzichten.

Die Mischung aus Naivität und Rechthaberei, mit der Künstler auf Europa eindreschen, wirkt deplatziert. Man muss Europa nicht lieben, aber wenn man nichts Kluges zu seinen Problemen zu sagen hat, sollte man es lassen. „Hotel Europa“ ist eine virtuose Nabelbeschau aus der Piccolo-Perspektive, die weder Roth noch Europa gerecht wird und zeigt, wie Theater zuweilen sich selbst marginalisiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2015)