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"Nimm uns mit nach Deutschland"

In den Lagern der libanesischen Bekaa-Ebene rüsten sich kleine und große Flüchtlinge für den Winter, der hier kälter ist als in anderen Landesteilen.
In den Lagern der libanesischen Bekaa-Ebene rüsten sich kleine und große Flüchtlinge für den Winter, der hier kälter ist als in anderen Landesteilen.(c) APA/AFP/JOSEPH EID
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Müll stapelt sich, der Strom fällt aus: Im Jahr fünf der Syrien-Krise kann der Libanon nicht mehr. Mindestens jeder vierte Bewohner ist hier syrischer Flüchtling. Eine Reportage aus einem Land in Angst.

Der Weg zu dem Syrer Hassan führt vorbei an Villen, an deren Fassaden etwas kitschig geratene Weihnachtsbeleuchtung hängt. Teure Geländewagen parken in den Ausfahrten. Ein paar hundert Meter weiter löst Elend den Luxus ab. Hunde streunen. Rauchschwaden ziehen auf und tragen den bestialischen Gestank des brennendem Müllbergs ganz in der Nähe in die Holzbaracke, die eine Plane notdürftig bedeckt. Hassan sitzt hier im Libanongebirge vor einem Fass mit Heizöl. So einen Behälter mit Sprengstoff habe sein Haus zerstört. Eine Fassbombe.

In Syrien lebte der Analphabet und Landwirt gewiss in Armut. Aber das hier ist Elend. Die paar Dollar pro Tag als Helfer in der Landwirtschaft reichen für die 200-Dollar-Miete nicht. Monat für Monat häufen sich die Schulden. Er muss wohl bald ausziehen. Dem Krieg ist er zwar entkommen. Doch vor „shita“, wie der Winter auf Arabisch heißt, gibt es kein Entrinnen. Bald herrschen hier Minusgrade, dann wird die Kälte unter der zu kurz geratenen Plastikplane in die Holzbaracke vordringen. Im Vorjahr sind hier im Libanon Flüchtlinge erfroren. Hassan bringt die Caritas Decken. Eine Perspektive hat für ihn niemand.

Keine Chance auf Bildung.
Der 48-Jährige will zurück nach Syrien. Also schaut er auf den alten Fernseher. Es läuft der Krieg, Bilder von Leichen, Panzern und Bashar al-Assad lösen einander ab. Das sehen auch die sieben Kinder, die mit ihm in der Baracke auf weniger als 20 Quadratmetern leben – oder besser überleben. Zur Schule gehen sie nicht, ein Schicksal, das sie mit zwei von drei Flüchtlingskindern teilen. „Ich kann mir die Fahrtkosten einfach nicht leisten“, sagt Hassan. Und so wächst hier in den Rauchschwaden des brennenden Mülls eine verlorene Generation heran – ohne Bildung, isoliert von der libanesischen Gesellschaft und wohl auch verstört durch die Kriegsbilder.

Die humanitäre Tragödie der Flüchtlinge vermengt sich dabei mit dem Schicksal eines Staats, der nicht mehr kann. 1,1 Millionen registrierte syrische Flüchtlinge drängen sich in dem 4,5-Millionen-Einwohner-Land, die Dunkelziffer liegt bei 1,5 bis zwei Millionen. Umgelegt auf Österreichs Bevölkerungsgröße wären das also um die drei Millionen Flüchtlinge. Bloß, dass der Libanon flächenmäßig etwa so groß wie Oberösterreich ist und die politische Situation in dem kriegsgeschundenen Zedernstaat notorisch instabil. „Hier sind die physischen Grenzen erreicht“, sagt Caritas-Präsident Michael Landau. „In Österreich sind die Grenzen im Kopf.“

Krankenhäuser sind überfüllt. Die Schulen auch. Trotz Schichtbetriebs reicht der Platz nicht für alle libanesischen geschweige denn für alle syrischen Kinder. Die Wirtschaft ist eingebrochen, von den acht Prozent Wachstum zu Beginn des Syrien-Kriegs ist nichts mehr übrig. Nur die Arbeitslosenrate schnellt in die Höhe. In Beirut, einst als „Paris des Orients“ umschmeichelt, tauchen immer wieder Berge von blauen und weißen Müllsäcken vor den Palmen am Straßenrand auf. Die Abfallversorgung ist im Sommer zusammengebrochen. „Hier tobt ein Kampf um Ressourcen“, sagt ein Caritas-Mitarbeiter. Kurz darauf fällt das Licht aus. Auch Strom gibt es hier je nach Region nur sechs bis 16 Stunden am Tag.

Und so wachsen die Spannungen. Die junge Wadaa betreibt einen kleinen Honigladen vier, fünf Kilometer vor der Grenze zu Syrien. „Durch die große Zahl an Flüchtlingen steigen die Mieten“, klagt die Libanesin. Die Kriminalität nehme zu. „Früher sind wir abends ausgegangen, aber jetzt traue ich mich nachts nicht mehr auf die Straße“, sagt sie, um dann gleich zu ergänzen: „Aber nicht, dass das alles schlechte Menschen wären.“

Die Stimmung kippt.
Die beispiellose Gastfreundschaft der Libanesen, sie ist nun im Jahr fünf des Syrien-Kriegs zu Ende, die Stimmung gekippt. Und deshalb erhöhen sie den Druck auf die Syrer: In einigen Dörfern wurden nächtliche Ausgangssperren über Flüchtlinge verhängt. Die Grenze zu Syrien ist praktisch dicht, neu ankommende Flüchtlinge werden nicht mehr registriert, der Rest muss mittlerweile 200 Dollar pro Jahr für eine Aufenthaltsgenehmigung zahlen – und sich schriftlich verpflichten, nicht zu arbeiten. Die Errichtung betonierter Unterkünfte ist den Syrern seit jeher verboten. Die libanesische Regierung untersagt alles, was auf einen Dauerzustand hinauslaufen könnte. Eine Lektion der Palästinenserlager. Noch immer leben 300.000 bis 500.000 Palästinenser im Land. Ihre Lager haben sich über die Jahrzehnte zu kleinen Städten ausgewachsen, die selbst für die Polizei Sperrgebiet sind.

Und so müssen die Syrer hier in Zelten, angemieteten Garagen und Gewächshäusern offiziell von der Hand in den Mund leben, also von den internationalen Hilfsprogrammen, die notorisch unterfinanziert sind.

Kinderarbeit nimmt zu.
Das Arbeitsverbot wird freilich gebrochen. „Viele syrische Feldarbeiter trauen sich zwar wegen der verschärften Bestimmungen nicht mehr, auf die Felder zu fahren. Sie haben Angst, an den Checkpoints der Armee festgenommen und abgeschoben zu werden. Aber sie schicken ihre Kinder, die seltener kontrolliert werden. Die Kinderarbeit ist dramatisch angestiegen“, sagt Annabella Skof von der Internationalen Arbeitsorganisation, ILO, zur „Presse am Sonntag“.

Vor dem Honigladen der jungen Libanesin Wadaa verkaufen zwei syrische Buben Kaugummi an Passanten. „Du bist doch aus Europa“, sagt der ältere der beiden und grinst spitzbübisch. „Nimm uns mit nach Deutschland!“ Wer es sich leisten kann, verlässt den Wartesaal Libanon. So wie Fatimas Mann. Er hat sich nach Deutschland durchgeschlagen. Und nun treibt die Frau in ihrer Notunterkunft in einem Rohbau die Frage um: Soll sie mit den vier Kindern nachkommen, wie vereinbart – oder doch auf das Kriegsende warten und dann zu ihren beiden weiteren, bereits verheirateten Töchtern zurück, die noch immer in Syrien sind? Ein paar Räume weiter sitzt eine Frau und trauert. Auch ihr Mann wollte nach Europa und die Familie nachholen. Hochschwanger war sie damals. Das Kind ist nun Halbwaise. Sein Vater ertrank vor der Küste Libyens. Er hat es nicht geschafft.

Belastbare Zahlen, wie viele Flüchtlinge nach Europa aufgebrochen sind, gibt es nicht. Das Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) erreicht aber knapp 150.000 registrierte Flüchtlinge im Libanon nicht mehr. Ein Teil ist wohl in der Schattenwirtschaft abgetaucht. Viele kehrten aus Mangel an Perspektive nach Syrien zurück. Doch die meisten dürften sich in ein Flugzeug gesetzt oder eine der Fähren bestiegen haben, die vom libanesischen Tripoli Richtung Türkei auslaufen. Man hört hier, dass sich selbst Libanesen mit gefälschten syrischen Pässen auf den Weg machen. „Die Flüchtlinge haben hier keine Perspektive. Man kann es ihnen nicht vorwerfen, wenn sie gehen“, sagt Österreichs Botschafterin im Libanon, Ursula Fahringer.

In der Bekaa-Hochebebene verdichtet sich die Krise des Libanons dieser Tage: die humanitäre Tragödie, aber auch die Kriegsgefahr. Checkpoints der Armee und informelle Flüchtlingslager lösen sich hier ab. 400.000 Flüchtlinge sind in der Hochebene gestrandet, in der die Winter mit zweistelligen Minusgraden kälter sind als im Rest des Landes: Und so schaufeln etwa in einem Lager von Flüchtlingen aus dem vom IS überrannten Deir el-Zor kleine und große Bewohner, um ihre Baracken vor dem Winter abzudichten. Zelt an Zelt reihen sich hier die Dramen: Da sitzt die schwangere Frau, die ihr Kind wohl in einer Badewanne in einem Zelt zur Welt bringen wird. Ein paar Schritte weiter empfängt der Vorsteher des Lagers und stolze Schwiegervater – einer 13-jährigen. Nebenan lugt ein Bub über einer Zeltplane hervor, der eine Windel trägt und dem das Wasser aus dem Mund läuft. Inzucht. Bald wird er hier in offenen Sandalen durch den Schnee waten.

Mitunter löst die Armee diese Lager auch auf – weil sie zu nahe an einem Checkpoint errichtet wurden. Es gibt Gerüchte, wonach Extremisten sich unter die Flüchtlinge gemischt haben und nun in den Lagern Anschläge auf die Checkpoints planen. Also hält die Armee die Flüchtlinge auf Distanz. Und dann ist da noch dieses eine Lager, das als Einziges eine Mauer umgibt: Private arabische Geldgeber haben es errichtet. Angeblich wohnen dort vor allem Frauen sunnitischer Islamisten, die in Syrien gegen das Regime kämpfen. Dabei herrschen hier die Feinde ihrer Männer: Die Bekaa-Ebene ist Hisbollah-Land, der bärtige Anführer der Schiiten-Miliz, Hassan Nasrallah, lacht hier von den Plakaten. Im Osten der Hochebene erhebt sich der Antilibanon. Dahinter ist der Krieg, also Syrien. Und wer genau hinsieht, bemerkt einen neuen Weg, der in den Gebirgszug gepflügt wurde. „Über diese Straße bringt die Hisbollah Waffen und Kämpfer nach Syrien“, erzählt man sich hier. Für den Krieg an der Seite Assads.

Vereinzelt ist der Konflikt bereits diesseits des Grenzgebirges angekommen: In Arsal, einer Stadt im Norden, herrschen die Schergen des IS und der al-Nusra-Front. Immer wieder werden im Land extremistische Zellen ausgehoben. Vor vier Wochen trug der IS den Terror in Libanons Hauptstadt: Mehr als 40 Menschen rissen Selbstmordattentäter in einem Schiiten-Viertel Beiruts in den Tod, der schwerste Anschlag seit Ende des Bürgerkriegs 1990.


Land ohne Präsident.
Dass der Syrien-Krieg noch nicht vollends auf den Libanon übergegriffen hat, nennt Paul Karam, Präsident der Caritas Libanon, also ein Mann der Kirche, ein „Wunder“. Zumal sein Land tief gespalten ist: Die Sunniten unterstützen die Rebellen in Syrien. Die schiitische Hisbollah kämpft an der Seite Assads – und die Christen teilen sich auf beide verfeindeten Lager auf.Und nun wankt durch die vorwiegend sunnitischen Flüchtlinge auch das religiöse Gleichgewicht, das die Realverfassung widerspiegelt: Der Parlamentspräsident ist immer Schiit, der Premier Sunnit und der Präsident Christ, wobei dieser Posten seit mehr als 550 Tagen vakant ist. Zwei alte christliche Rivalen aus dem Bürgerkrieg streiten um das höchste Amt – entweder mit Rückendeckung von Saudiarabien oder des Irans, den verfeindeten Regionalmächten, die hier im Libanon immer ein Wörtchen mitzureden haben. Inmitten dieses Ausnahmezustands ist der Zedernstaat also auch noch politisch gelähmt.

„Dieses Land kann jederzeit zusammenbrechen“, sagt Bruno Atieh, Direktor des Caritas Migration Center Libanon. Während der Libanon dem Abgrund entgegentaumelt, sitzt Hassan in seiner Baracke und hofft, dass irgendein Friedenssignal über den Fernseher flimmert. Ob Assad bleibt oder geht, ist ihm egal. Trotz der Fassbombe des Regimes, die sein Haus traf. Auch über Religion will er nicht reden. „Gott“, sagt Hassan „hat mich verlassen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2015)