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"Peter Grimes" balanciert einsam am Abgrund

(c) APA/MONIKA RITTERSHAUS
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Regisseur Christof Loy deutet Benjamin Brittens verschlüsselte Oper als prononciertes Schwulendrama. Der intensive Joseph Kaiser in der Titelpartie und Tänzer Gieorgij Puchalski als John ragen dabei hervor.

Alles verrutscht: Der Prospekt mit der unruhigen See, die am Horizont in Gewitterwolken übergeht, bildet nicht den Hintergrund, sondern den schrägen Boden. Sonst reichen Bühnenbildner Johannes Leiacker schwarze Wände – und ein zentraler Einfall: Peter Grimes' Bett steht an der Kippe, ragt beängstigend weit in den Orchestergraben hinaus. Ein klares Bild für eine vom ständigen Absturz gefährdete Existenz am Rande der Gesellschaft. Vor deren Gerichtsbarkeit muss sich der eigenbrötlerische Fischer gleich im Prolog verantworten – jedoch nicht an offiziellem Ort: Regisseur Christof Loy lässt das ganze Dorf nachts bei Peter einfallen, ihn für die Untersuchung aus dem Bett holen, mit Taschenlampen in seinem Schlafzimmer herumfuchteln, den letzten Rückzugsort des Privaten – damit auch der Sexualität – verletzen. Am Schluss finden sie alle dort auch ihr nächstes Opfer . . .

Von Winston Churchill heißt es, er sei eines Morgens über einen Skandal informiert worden: Ein Parlamentsabgeordneter und ein Soldat der Palastwache waren nachts im Park beim Sex erwischt worden, großer Wirbel in allen Zeitungen. Es sei doch sehr kalt gewesen, fragte der Premier nach. Ja, eine der frostigsten Februarnächte seit dreißig Jahren, bestätigte der Adjutant. Worauf Churchill anerkennend grunzte: „Makes one proud to be British.“ – Benjamin Britten hat beides erlebt: die selbstverständliche Akzeptanz seiner Homosexualität unter Freunden, Künstlern bis hinauf zur königlichen Familie – sowie den quasi-inquisitorischen Zugriff einer skandalhungrigen Öffentlichkeit und einer verschärft gegen Schwule vorgehenden Exekutive. Schon 1945 aber war es ihm gelungen, das Thema erstmals in verschlüsselter Weise auf die Bühne zu bringen und damit seinen ersten großen Wurf als Opernkomponist zu landen: „Peter Grimes“, geschrieben für seinen Lebenspartner Peter Pears, wurde zu einem der erfolgreichsten Musiktheaterwerke des 20. Jahrhunderts.

Dabei ist die Geschichte vom raubeinigen Außenseiter und seinem von der Gesellschaft (mit-)verursachten Ende faszinierend vieldeutig – und Christof Loy nützt den entstehenden Freiraum nun im Theater an der Wien zu einer alternativen, ja teilweise sogar überraschenden Auslegung, die aber enorme Schlagkraft und emotionale Dichte entwickelt. Brittens starke, aber stets platonisch bleibende Zuneigung zu präpubertären Buben interessiert Loy nicht, stattdessen macht er aus dem Gehilfen John, dessen Einzug bei Grimes scheel beäugt wird, einen jungen Erwachsenen, der sich seiner erotischen Reize wohl bewusst ist: Der Tänzer Gieorgij Puchalski wirkt in der stummen Rolle zunächst wie ein herausfordernder Stricher, entwickelt dann aber eine bewegende Verletzlichkeit.

Bigotterie und ein florierendes Puff

Dass John eine Beziehung mit Peter eingeht, erlaubt dem Regisseur, Homosexualität als einziges Tabu einer bigotten Dorfbevölkerung ins Zentrum zu rücken, in der alle Honoratioren beschädigt wirken, bei den „Nichten“ der Puffmutter Auntie (Hanna Schwarz als fürwahr „frightful old female“) schwach werden, süchtig, religiös eifernd oder auf andere Weise sozial herausgefordert sind. Joseph Kaiser gibt Peter Grimes als kerlig-jungen, etwas tollpatschigen Seebären, der sich seiner Kraft nicht bewusst ist. Mit beeindruckender physischer Präsenz, expressivem Tenor vermittelt er in seinen besten Momenten eine Ahnung von orphischer Klage in seinem Gesang, gerade weil er im Dienste des Ausdrucks manchmal an seine Grenzen geht.

Er träumt vom Coming-Out, redet jedoch selbst im Bett mit John noch von einer Hochzeit mit der burschikosen Lehrerin Ellen. Diese liebt Peter vergeblich, mutet aber ohnehin wie die intellektuelle Schwester des Burschen an – und die lyrische Agneta Eichenholz zeichnet ihre bewegenden Kantilenen mit empfindsam leuchtender Zartheit nach. Am erstaunlichsten aber wirkt der hier enorm aufgewertete Balstrode, kein alter Kapitän und väterlicher Freund, sondern in Gestalt von Andrew Foster-Williams ein angepasster, respektierter junger Mann, der oft mit Peter rangelt und rauft – Vorboten eines schwulen Erwachens, zu dem ihn John dann gleichsam nötigt: Das Passacaglia-Zwischenspiel des zweiten Aktes wird zum Soundtrack einer erotischen Begegnung, einer Art Verrat an Peter, der minuziös im Einklang mit der Musik erarbeitet ist. Gemeinsam mit dem herzzerreißenden Vorspiel zum dritten Akt, in dem John in Peters und unseren Augen zwischen juveniler tänzerischer Freude und Tod mehrfach hin und her taumelt, und Peters verzweifeltem letzten Monolog einer von drei unvergesslichen Höhepunkten dieser packenden Deutung.

An dieser haben auch der imposante Arnold Schoenberg Chor und das ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter Cornelius Meister, trotz kleiner Holperer, ihren bedeutenden Anteil: Mit klaren, starken Farben, harten Konturen und manchmal zugespitzten Tempi durchleuchten sie Brittens geniale Partitur fernab von romantisierender Verbindlichkeit. Dankbarer Jubel für alle.

„Peter Grimes“: Bis 22. 12., www.theater-wien.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.12.2015)