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Mir Hussein Moussavi: Ein Jünger Khomeinis als Bannerträger der Freiheit

(c) EPA (Hamed Saber)
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Mir Hussein Moussavi ist die letzte Hoffnung derer, denen das Korsett des iranischen Systems längst zu eng ist. Doch er war stets Teil dieses Systems.

Es war die Zeit der Märtyrer. Die Zeit, als die Anhänger von Revolutionsführer Ruhollah Khomeini durch die Straßen zogen und versprachen, ihr Leben zu geben im Kampf gegen die Invasoren. Die Armee des irakischen Diktators Saddam Hussein hatte 1980 den Iran überfallen. Saddam wollte im Handstreich Erdölgebiete des Nachbarn besetzen, in der Hoffnung, der von der Revolution zerrüttete Iran könne keinen Widerstand leisten. Doch Saddam hatte die Zähigkeit seines Gegners unterschätzt.

Dafür, dass die Islamische Republik Iran in jener Zeit der „Märtyrer“ trotz enormer Kriegsanstrengungen wirtschaftlich überleben konnte, sorgte vor allem einer: Mir Hussein Moussavi. Der Mann, der in diesen Tagen als Idol vieler gilt, denen das gesamte Regime des Iran suspekt ist, hatte damals maßgeblich daran mitgewirkt, genau diesem Regime den Fortbestand zu sichern. Moussavi war in den Jahren des Krieges Premierminister. Und als solcher steuerte er mit einem strengen Rationalisierungsprogramm das Land durch alle Schwierigkeiten. Moussavi stammt aus der Mitte des Establishments der islamischen Republik. Begeistert kämpfte er an der Seite Khomeinis für die Revolution: zuerst gegen die Diktatur des Schahs, dann gegen die einstigen Mitrevolutionäre, die von einer islamischen Verfassung nichts wissen wollten. Mit Folter und Massenhinrichtungen verteidigte das Regime Khomeinis damals die neu erkämpfte Macht gegen alle, die ihnen diese hätten streitig machen können.

 

Konflikt mit Khamenei

Moussavi selbst wirkt auf den ersten Blick nicht wie der typische Revolutionär – weder damals noch heute. Der freundliche Herr mit den Brillen und dem mittlerweile ergrauten Bart- und Haupthaar widmete sich zunächst auch mehr der Kunst als dem Kampf. Er studierte in Teheran Architektur und Stadtplanung und beschäftigte sich mit der Malerei. Auch seine Frau, die Politikwissenschaftlerin Zahra Rahnavard, ist im Iran eine bekannte Bildhauerin.

Nach der Revolution leitete Moussavi eine regimetreue Zeitung. 1981 rückte er als Außenminister und nur einige Monate später als neuer Premier in die höheren Ränge des Systems auf. Bereits in seiner Zeit als Regierungschef geriet er in Konflikt mit einem Mann, der ihm noch heute nicht freundlich gesinnt ist – mit Sajjed Ali Khamenei. Khamenei bekleidete in den Achtzigerjahren das Amt des iranischen Präsidenten. Und Premier Moussavi schnipselte an der Macht Khatamis, verschob Kompetenzen vom Präsidentenamt hin zu seinem eigenen Amt des Regierungschefs.

1989 fand Moussavis Karriere in der Spitzenpolitik ein Ende: Mit einer Verfassungsreform wurde der Posten des Premiers abgeschafft, Moussavi verlor seinen Job. Rivale Khamenei machte zugleich einen gewaltigen Karrieresprung: Er wurde nach dem Tod Khomeinis neuer Oberster Rechtsgelehrter, und damit eigentlicher starker Mann im Staat.

Zugleich übernahm aber Akbar Hashemi Rafsandjani, eigentliches Mastermind hinter Moussavi, das aufgewertete Präsidentenamt.

 

Mehr Freiheiten für Bürgertum

Rafsandjani war es auch, der gemeinsam mit dem einstigen Reformpräsidenten Khatami nun Moussavi in der Schlacht um das Präsidentenamt vorschickte. Die gesamte Gruppe um Rafsandjani, Khatami und damit auch Moussavi ist ein integraler Bestandteil des stets in interne Machtkämpfe verstrickten iranischen Regimes. Wie früher Khatami versucht nun aber auch Moussavi, diesem Regime ein menschlicheres Antlitz zu verleihen. Er will mehr persönliche Freiheiten zulassen, vor allem für das städtische Bürgertum des Iran, das schon seit vielen Jahren nach diesen Freiheiten dürstet.

An den Grundfesten des islamischen Systems wollte und will Moussavi freilich nicht rütteln. Auch wenn er mittlerweile zum Idol und zur letzten Hoffnung all jener geworden ist, denen das Korsett dieses Systems längst viel zu eng ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2009)