Ferrari, McLaren, Brawn GP, Red Bull, Toro Rosso, Renault, BMW-Sauber und Toyota wollen eine eigene Rennserie gründen. Die „neue“ Formel 1 soll bereits 2010 starten.
SILVERSTONE. Dort, wo am 13. Mai 1950 die Geburtsstunde der Formel 1 geschlagen hat, könnte auch ihr Totenschein ausgestellt werden: in Silverstone. Wenige Stunden vor dem letzten Großen Preis von Großbritannien auf der Traditionsrennstrecke morgen Sonntag (14 Uhr/ live ORF1, RTL, Premiere) machte die FOTA Ernst: Die Formula One Teams Association, die Vereinigung der Rennställe mit Ferrari-Chef Luca Cordero di Montezemolo an der Spitze, kündigte an, dass sich ihre Mitglieder von der bisherigen Formel 1 abspalten werden. Schon ab 2010 wollen Ferrari, McLaren, Brawn GP, Red Bull, Toro Rosso, Renault, BMW-Sauber und Toyota in ihrer eigenen Liga, einer Art Version 2.0 der bisherigen Formel 1, unterwegs sein. Im Hauptquartier von Renault in der Nähe von Oxford hatte man nach langen Beratungen diesen Beschluss gefasst.
In einer Erklärung verwies die FOTA darauf, sie habe seit ihrer Gründung im September 2008 versucht, „den Sport weiterzuentwickeln und zu verbessern“. Die FOTA habe „die umfangreichsten Maßnahmen zur Kostenreduktion in der Geschichte unserer Sports erreicht“, besonders die Herstellerteams hätten den unabhängigen Rennställen Hilfe geleistet und sich selbst beträchtliche freiwillige Kostenreduktionen auferlegt.
Mosley elegant loswerden
Einer Budgetobergrenze in der Höhe von rund 45 Millionen Euro, wie sie von Formel-1-Rechtevermarkter Bernie Ecclestone und dem Präsidenten des Automobil-Weltverbandes, Max Mosley, gefordert werden, könne man nicht zustimmen. Das blockiere vorsätzlich die Innovationskraft der Hersteller und mache ein weiteres Engagement für die Automobilhersteller unattraktiv.
Wäre diese Obergrenze seitens der FIA fallen gelassen, hätten sich die FOTA-Mitglieder eine Bindung an Ecclestones Formel 1 bis 2012 vorstellen können. Hätten. Denn dieser Kompromissvorschlag ist mit der Abspaltungsabsicht nun Makulatur.
Mehr noch: Die FOTA geht ihrerseits in die Offensive und wirft Ecclestone vor, einigen Teams „seit 2006 mehrere zehn Millionen Dollar“ aus den Übertragungs- und Vermarktungsrechten vorenthalten zu haben. Überhaupt waren die Rennställe mit dem Verteilungsschema der TV-Gelder nicht einverstanden gewesen.
Geldfragen sind die offizielle Argumentationsschiene, tatsächlich sehen einige Rennstallchefs auch eine günstige Gelegenheit, Ecclestone und den – im Vorjahr in einen Sexskandal verwickelten Mosley – elegant loszuwerden.
Die FIA nahm die Erklärung zur Kenntnis, gab sich „enttäuscht, aber nicht überrascht darüber, dass die FOTA nicht in der Lage gewesen sei, einen Kompromiss einzugehen“ und kündigte rechtliche Schritte an. Ecclestone meinte: „Die Formel 1 besteht seit 60 Jahre und sie wird weitere 60 Jahre Bestand haben – auch wenn ich vielleicht eines Tages nicht mehr dabei bin.“ Es habe in der Vergangenheit 73 Teams gegeben, „ab 2010 werden wir neue sehen.“
Eine Abspaltung hatte der Motorsportkönigsklasse zuletzt 2005 gedroht, als die Herstellervereinigung GPMA im Streit um ein neues Concorde Agreement eine eigene Serie aufziehen wollte. Durch Zugeständnisse, besonders an Ferrari, wurde diese abgewendet.
Juristen wetzen die Messer
Momentan geht die FIA weiter davon aus, dass neben den suspendierten FOTA-Mitgliedern Force India und Williams auch Ferrari, Red Bull und Toro Rosso 2010 in ihrer Serie starten, weil sie nach FIA-Ansicht keine Vorbehalte angemeldet haben. Die drei betroffenen Teams sehen das gänzlich anders, sehen sich nicht gebunden und wollen ihr Recht notfalls juristisch durchsetzen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2009)