New Yorks Vitalität erinnert an das politische Versagen der Monarchien des "Alten Europa", seine Minderheiten und Armen zu schützen.
Wer New York besucht, kommt um die Fahrt zur Freiheitsstatue nicht herum. Vier Millionen Touristen lösen Jahr für Jahr die Fahrkarte für die Überfuhr von der Südspitze Manhattans nach Liberty Island, doch viele von ihnen lassen den zweiten Halt aus, der im Preis inbegriffen ist, nämlich Ellis Island. Dort, ein paar hundert Meter von der Freiheitsstatue entfernt, wurden von 1892 bis 1954 mehr als zwölf Millionen Einwanderer in die USA von den Behörden erfasst. So gut wie jeder, der über den Atlantik in die Neue Welt auswanderte, ging in diesen Jahrzehnten durch die Hallen von Ellis Island.
Man darf hier nichts romantisieren: Die Einwanderung nach Amerika war eine beinharte Sache, ehe sich mit dem Immigration Act von 1924 als Folge einer ausländerfeindlichen Kampagne, die stark vom Ku Klux Klan vorangetrieben wurde und sich besonders gegen die katholischen und jüdischen Neuankömmlinge richtete, die Türen für fast alle Einwanderer schlossen. Sechs Sekunden hatten die Beamten der US-Gesundheitsbehörde durchschnittlich für die Untersuchung eines Einwanderers Zeit; mit Metallhaken zogen sie die Augenlider jedes und jeder Einzelnen hoch, um nach Symptomen der damals nicht behandelbaren Infektionskrankheit Trachom zu suchen. Wer nicht nachweisen konnte, dass er in Amerika selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen konnte, wurde auf dem nächsten Dampfer heimgeschickt; so verloren viele Familien ihre Großeltern, und zwar für immer.
Und dennoch mahnen Ellis Island und der prachtvolle Blick von dort auf das vitale New York, diese Weltmetropole der Zugereisten und Tatkräftigen, an das politische Versagen der monarchischen Imperien unseres „Alten Europas“, die Bürgerrechte ihrer Minderheiten zu schützen und ihnen persönliche und wirtschaftliche Freiheit zu ermöglichen. Angesichts der Bilder, Filme und Tonaufnahmen, die man auf Ellis Island studieren kann, wird selbst kakanisch sentimentalisierten Liebhabern der „guten alten Zeit“ bewusst, wovor diese Menschen aus Schytomyr, Kerry, Iglau, Smyrna oder Catania flohen. Das sollte man auch 2015 im Kopf behalten.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2015)