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Krieg im Internet: Die Twitter-Revolte und ihre Feinde

Chinesische Oppositionelle kommen iranischen Internetnutzern im gefährlichen Katz-und-Maus-Spiel mit dem Regime zu Hilfe. Und Google übersetzt Persisch.

WIEN. Was haben Irans Demonstranten und die chinesische Falun-Gong-Sekte gemeinsam? Beide haben es mit repressiven Regimen zu tun, beide vernetzen sich online. Jetzt kommt Falun Gong den iranischen Oppositionellen zu Hilfe: mit Proxyservern.

Denn dass sich die Iraner online organisieren und ihren Widerstand in die Welt hinausposaunen, nimmt die Regierung nicht tatenlos hin. Sie schlägt auch im Internet zurück, blockiert Webseiten und merkt sich IP-Adressen, die „Spuren“ der Nutzer im Internet. Gleiches tut das chinesische Regime seit Jahren – weshalb in Amerika lebende Chinesen für die religiöse Falun-Gong-Bewegung technische Umwege ersonnen haben, um der kommunistischen Zensur zu entgehen.

Bereits im Juli letzten Jahres stellte ihre Organisation, das „Global Internet Freedom Consortium“, seine ausgeklügelten Werkzeuge – Proxyserver und Programme – den iranischen Nutzern erstmals in einer persischsprachigen Version zur Verfügung: Worauf die Zahl der Anwender explodierte und die Server der Organisation ins Wanken brachte. Das Angebot wurde gesperrt – und jetzt wieder geöffnet. Und auch Google eilt den Oppositionsiranern zu Hilfe: Seit Donnerstag kann das Übersetzungsprogramm der Suchmaschine Persisch.

 

Spione im Netz

Doch die Regierung gibt sich nicht geschlagen: Sie hackt um sich und verlangsamt den Datenfluss (am Tag nach der Wahl kam er fast zum Stillstand – Vermutungen liegen nahe, dass neue Filter installiert wurden). Und sie nützt die Anonymität der Cyberwelt für sich: Immer wieder tauchen Berichte auf, dass sich Regierungsmitarbeiter im Mitteilungsdienst Twitter als Oppositionelle oder ausländische Journalisten ausgeben.

Die Opposition wehrt sich: Mittlerweile gibt es eigene Seiten, die die Twitter-Namen vermutlicher Regierungsspione auflisten. Auch legt die Opposition Regierungsseiten lahm, indem sie mit einem koordinierten Ansturm deren Server zum Streiken bringt. Die junge Generation ist im Umgang mit dem Internet längst gewieft. Internetnetzwerke wurden seit Jahren verwendet, um Lesungen zu organisieren oder auch Rockkonzerte – da war es nur noch ein Schritt zum politischen Protest. Insbesondere Twitter ist für Massenproteste ideal. Es funktioniert online ebenso wie via SMS, man kann überall in kürzester Zeit Nachrichten verschicken, die Gleichgesinnte verfolgen und weiter verbreiten können. Und man kann die Nachrichten mit „Hashtags“ (einem Schlagwort samt Rautezeichen, zum Beispiel #Iranwahl) versehen, über das die „Tweets“ gruppiert und gesucht werden können. Und im Gegensatz zu anderen sozialen Netzwerken wie Facebook ist Twitter für alle öffentlich. Wer will, kann die Tweets verfolgen – ohne erst mit dem Verfasser Freundschaft schließen zu müssen.

 

Falsch gezwitschert

Twitters Stärken sind aber gleichzeitig seine Schwächen. Die Informationsmenge ist chaotisch, subjektiv – und unmöglich nachzuprüfen. Moussavi sei unter Hausarrest gestellt, hieß es einmal, oder auch die Wahl sei bereits annulliert.

Zweifel besteht auch an der Rolle, die Twitter tatsächlich für die Organisation der Revolte im Land spielt. Wäre Koordination der Hauptzweck der Twitter-Kanäle, wären sie „in Farsi gehalten, um möglichst viele Iraner zu erreichen“, gibt Jens Berger im Onlineportal Telepolis zu bedenken.

 

Regierung droht mit Verfolgung

Mittlerweile fühlt sich die Regierung jedenfalls so bedroht, dass sie alle User aufgefordert hat, „unruhestiftende Inhalte“ aus dem Netz zu nehmen, andernfalls würden sie strafrechtlich verfolgt. Doch die User bleiben standhaft: „Wir twittern weiter“, versichert ein Schreiber in einem Interview mit der „Zeit online“. „Es gibt ja außer uns niemanden mehr, der die Welt darüber informieren kann, was hier wirklich geschieht.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2009)