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Für China wird US-Zinswende teuer

CHINA AIR CONDITIONER INDUSTRY
Chinas Industrie befindet sich in einem schmerzlichen Umbauprozess.(c) EPA (Adrian Bradshaw)
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Fast ein Jahrzehnt lang haben die Chinesen von der Nullzinspolitik der USA profitiert. Nun dreht sich der Spieß um. Der zweitgrößten Volkswirtschaft drohen gewaltige Kapitalabflüsse.

Peking. So weit ist es mit der Globalisierung gekommen. Obwohl es bei der US-Wirtschaft schon seit einiger Zeit rund läuft und die Notenbanker der Fed schon mehrfach angekündigt hatten, die Wende ihrer fast zehnjährigen Nullzinspolitik einzuläuten, blieb sie zumindest auf ihrer letzten Sitzung aus. Der Grund: In China war in den Sommermonaten eine gewaltige Aktienblase geplatzt. US-Notenbankchefin Janet Yellen befürchtete, eine Zinswende in den USA könnte für noch mehr Unruhe in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt sorgen. Yellen beließ den Leitzins daher vorerst bei nahe null.

 

Geld fließt wieder in die USA

Inzwischen haben sich die Turbulenzen in China gelegt, und es gibt sogar Lichtblicke. Die Industrie in der Volksrepublik produzierte im November mehr, als die Ökonomen erwartet hatten, und auch im chinesischen Einzelhandel lief es zuletzt wieder etwas besser. Das dürfte den US-Notenbankern am Mittwoch die Entscheidung erleichtern, mit ihrer lang angekündigten Zinswende zu beginnen.

Die Schwellenländer und federführend die Volksrepublik China gehörten in den vergangenen Jahren zu den großen Profiteuren der Nullzinspolitik in den USA. Für Anleger aus aller Welt lohnte es sich nicht, ihr Kapital in großen Summen in den USA anzulegen. Umso mehr pumpten sie ihr Vermögen in die Schwellenländer, in denen aufgrund besserer Wachstumsaussichten auch die Zinssätze höher lagen. Gerade nach China floss sehr viel Geld.

Nun hat sich der Spieß umgedreht. Die chinesische Wirtschaft läuft nicht mehr rund, die Industrie befindet sich in einem schmerzhaften Umbauprozess. Viele Investoren sind unsicher, wie es mit der Volksrepublik nach zwei Jahrzehnten zweistelliger Wachstumsraten sowohl ökonomisch als auch politisch weitergeht. Die chinesische Zentralbank musste mehrfach ihre Zinssätze senken, um Investitionen ins Reich der Mitte zurückzulocken. Hebt die US-Notenbank ihren Zinssatz nun schrittweise an, droht noch mehr Geld abzufließen.

Damit werden auch in China und anderen Schwellenländern geldpolitisch neue Zeiten anbrechen, prophezeit Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer: „Mit der Zinserhöhung endet eine Dekade des billigen Geldes, auch in vielen aufstrebenden Volkswirtschaften.“ Die Zinswende in den USA wird andere Schwellenländer wie Brasilien und die Türkei sehr viel stärker treffen. Denn China hat einen Vorteil: Das Land ist nicht im Ausland verschuldet. Im Gegenteil: Chinas Reserven in ausländischen Devisen liegen bei stattlichen 3,5 Billionen Dollar, rund dreimal so viel wie die vermuteten Auslandsschulden.

 

Verschuldete Unternehmen

Trotzdem haben auch die Chinesen ein Problem: Ihre Unternehmen haben hohe Schulden angehäuft. Schätzungen zufolge halten Chinas Unternehmen rund ein Viertel ihrer Kredite in Dollar. Eine Zinserhöhung in den USA und eine damit verbundene Aufwertung des Dollars wird es für diese Unternehmen somit teurer machen, diese Schulden zu bedienen.

Ein Massensterben chinesischer Unternehmen wird die Führung in Peking nicht zulassen. Sie ist in der jüngeren Vergangenheit schon häufig eingesprungen, um ihre häufig auch staatseigenen Konzerne vor dem Untergang zu bewahren. Doch das wird teuer. Und es wird dazu führen, dass noch weniger in China investiert wird. Das Wachstum dürfte damit noch stärker zurückgehen. Der „Economist“ schreibt denn auch von einem „ausgedehnten Hang-over“. Ein Herzinfarkt drohe dem Reich der Mitte aber nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.12.2015)