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IBM befeuert „Silicon Schwabing“

M�nchen mit Alpenkulisse, 2008
Abendstimmung über München: In die beiden Highlight Towers zieht IBM mit seiner neuen Division, Internet der Dinge, ein.(c) Heddergott, Andreas / SZ-Photo / picturedesk
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Der US-Konzern siedelt seine weltweite Zentrale für Zukunftsthemen in München an. Immer mehr wird Bayerns Hauptstadt zu einer Drehscheibe der Digitalisierung.

Wien/München. Watson weiß, was Menschen wollen. Er versteht den Sinn von Fragen, die man ihm in natürlicher Sprache stellt, durchforstet riesige Datenmengen nach der Antwort und lernt dabei selbst laufend dazu. Schon vor vier Jahren hat die schlaue Suchmaschine von IBM in einer Quizsendung alle menschlichen Kandidaten geschlagen. Im Grunde ist Watson nur eine Künstliche-Intelligenz-Software mit einem angeschlossenen Superrechner. Aber für IBM ist er weit mehr.

Nicht zufällig ist er nach jenem legendären Firmenchef benannt, der einst den Büromaschinenhersteller zur Weltmacht aufgebaut hat. Am digitalen Watson hängen, nach viereinhalb Jahren schrumpfender Umsätze, die Hoffnungen des US-Konzerns: Big Data, das Internet der Dinge, Industrie 4.0 – bei diesen Themen einer immer näheren Zukunft will IBM wieder ganz vorn mitmischen. Dazu hat Watson am Dienstag eine neue Heimat bekommen. Nicht etwa am Stammsitz bei New York, sondern in München. In der Parkstadt Schwabing siedelt IBM den globalen Hauptsitz seiner Zukunftsdivision an. In den Highlight Towers, den beiden höchsten Hochhäuser der Stadt, ziehen vom Frühling an 1000 hoch bezahlte Entwickler, Designer, Berater und Softwareingenieure ein.

Für München ist die größte IBM-Investition in Europa seit zwei Jahrzehnten ein festlicher Paukenschlag. Im Wettrennen der großen Tech-Konzerne ist es nur eine Episode. Andere sind ähnlich nah oder näher dran am künftigen Billionenbusiness mit den im Internet vernetzten Maschinen und Sensoren.

 

Die Konkurrenten als Nachbarn

Aber Bayern zieht auch sie an. In Kürze bekommt IBM einen honorigen Nachbarn: Microsoft übersiedelt sein deutsches Hauptquartier in den Technologiepark. In Garching, wenige Kilometer nördlich, steht das europäische Forschungszentrum von General Electric. Auf dem Campus der dortigen TU will der Konkurrent Siemens schon bald, zusammen mit Professoren und Studenten, an Robotik und IT-Sicherheit forschen – jener engen Verzahnung von Industrie und Wissenschaft, die heimische Ökonomen so dringlich für Österreich fordern. Auch das Fraunhofer-Institut baut groß aus. Unversehens ist München zu einer Drehscheibe der Digitalisierung geworden. Und der abgedroschene Polit-Slogan von „Laptop und Lederhose“ gewinnt neue, ungeahnte Aktualität.

Warum aber ausgerechnet München? Die Stadt soll sich bei IBM gegen alternative Standorte in Italien und der Schweiz durchgesetzt haben. Zu verdanken ist der Zuschlag aber weniger dem Bürgermeister als der deutschen Wirtschaft. Firmen wie Bosch und Siemens sind früh auf den Zug der Industrie 4.0 aufgesprungen, der gezielten Auswertung der im Produktionsprozess gewonnenen Daten. Deutschland bietet, wie Harriet Green als Chefin der Division erklärt, beides: Es „macht so viel von dem Zeug, das Forscher künftig im Internet verbinden wollen – vom Geschirrspüler bis zu riesigen Druckerpressen“. Und es sei „ein großartiger Platz für die Art von Talenten, die wir brauchen“.

Dahinter steht freilich noch ein anderes Motiv. Vor allem die Deutschen fürchten, dass amerikanische Datenwolken die wertvollen Informationen aus ihrem Business verschlingen und ihnen damit die Butter vom Brot nehmen. Die Ortswahl der IBM-Manager soll signalisieren: Wir kommen zu euch, arbeiten eng zusammen und sind bereit, den Profit zu teilen. Damit versuchen sie, jene Kunden zurückzugewinnen, denen sie früher ihre Großrechner verkauft haben: wichtige Industrieunternehmen und Firmen mit hohen Sicherheitsanforderungen.

In das Hochhaus zieht auch ein Team der Allianz ein, die schon mit Watson-Anwendungen arbeitet. Der Versicherer will damit auch Beschwerdebriefe nach Themen sortieren. Angeblich versteht Watson nicht nur Schimpfwörter und die im Bayerischen übliche, aber semantisch knifflige doppelte Verneinung. Er soll sogar Ironie durchschauen, wenn sich etwa ein Kunde für die rasche Bearbeitung bedankt und das Gegenteil meint. Sollte das stimmen, hat die Zukunft an der Isar tatsächlich schon begonnen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.12.2015)