Ausstellung im MAK: Sentiment und Unordnung

AVISO PK 15. Dezember 2015, 10:30 Uhr: MAK zeigt �JOSEF FRANK: Against Design�
AVISO PK 15. Dezember 2015, 10:30 Uhr: MAK zeigt �JOSEF FRANK: Against Design�(c) Svenskt Tenn
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Der Architekt und Designer Josef Frank wird in einer gelungenen Ausstellung ganz unprätentiös als Vorreiter für zeitgenössisches bürgerliches Wohnen enttarnt.

Kann man zu viel über jemanden schreiben, der in seiner Heimat so frappant unter Wert gehandelt wird? Der vertrieben und erst viel zu spät wieder entdeckt wurde? Der mit seinem vor Formen und Farben und Ideen derart sprühenden Geist schließlich eine andere Wohnkultur entscheidend mitprägte, nämlich die schwedische (ja, auch Ikea)? Josef Frank, 1885 in Baden geboren, 1933 nach Schweden emigriert, 1967 dort gestorben, ist ab heute eine große Ausstellung im MAK gewidmet.

Nicht unten, in der repräsentativen Halle, wie er es verdient hätte, die muss sich gerade zur Geldbeschaffung mit „Star Wars“ verdingen. Nein, im Obergeschoß, auch gut, weil intimer, weniger prätentiös, weniger heroisch, weniger pompig, das hätte dem Architekten und Designer sicher gut gefallen. Dass die Schau gerade „Against Design“ heißt, macht sie nicht gerade leichter vermittelbar. War Frank doch beides, in Österreich ist er eher als Architekt bekannt (Werkbundsiedlung, Gemeindebauten), in Schweden eher als Entwerfer bunter, fröhlicher Stoffmuster und gemütlicher Möbel. „Gegen Design“ meint hier eher gegen das gewollte Design, das industrielle, funktionale, „neue“.

Er nahm die an sich konträren Wiener Traditionen von Josef Hoffmann (Dekoration) und Adolf Loos (Intellekt) und wurde Chefdesigner des bis heute, posthum, von ihm geprägten Nobelmöbelhauses Svenskt Tenn (Schwedischer Zinn). Tausende Entwürfe waren es, man verliert die Relationen. In der Ausstellung hängen die Stoffe in langen, mächtigen Bahnen wasserfallartig von der Decke. Auf Podesten reihen sich Stühle aneinander, Hocker, Kabinettschränke, Sekretäre. Manche total dated, manche, vor allem die ausladenden Polstermöbel, möchte man gleich mitnehmen. Der Vergleich mit Ikea drängt sich (auch im Katalog) auf, ist allerdings schwierig. Der Grundgedanke, mix und match, also alle Stile durcheinandermischen, hemmungslos tradiertes Formenvokabular klauen, also zitieren, auch kitschige Dinge mit (künstlichem) Sentiment um sich scharen, dem Zufall alle Chancen geben – das ist Frank pur. Der Gedanke der Massenfertigung aber war ihm zuwider.

Pölster „wie in einem Bordell“

Frank war der Humanist der Moderne, als Mies van der Rohe und Konsorten noch kühle Stahlrohrmännlichkeit zelebrierten, überspitzt formuliert, verteilte Frank geblümte Pölster auf Sofas. So 1927 bei der „Kunstschau“ im MAK. Oder in seinem Musterhaus in der Stuttgarter Werkbundsiedlung Weißenhof – wie ein Bordell, ätzten die Kollegen von der Fraktion Nüchtern. Wer gewonnen hat? Siehe schwedisches Möbelhaus.

Keine Normen, keine Regeln, das Haus als sentimentaler Ort der Selbstvergewisserung (was im Katalog im Hinblick auf Franks jüdische Klientel gedeutet wird) – es sollte das Verdienst dieser Ausstellung sein, diese Aktualität Franks zu belegen. Das hat sich das Kuratorenteam Hermann Czech, selbst Architekt, und sein Kollege aus der MAK-Möbelsammlung, Sebastian Hackenschmidt, vorgenommen. Das soll diese Ausstellung auch von jener vor über 20 Jahren, ebenfalls im MAK, abheben, die Czech für seinen mittlerweile verstorbenen Kollegen Johannes Spalt kuratiert hat. Dass gerade Fachkollegen bei Franks Wiederentdeckung treibend sind, ist ein weiteres Prädikat. Die damaligen Jungen der Nachkriegsgeneration erkannten Franks Bedeutung, erreichten immerhin, dass er kurz vor seinem Tod noch den Großen Staatspreis bekam.

Bei der ersten MAK-Ausstellung wurde der große Antidogmatiker prinzipiell vorgestellt. Das jetzige Pochen auf die Aktualität hätte dafür ruhig ein wenig populistischer ausfallen können als verborgen im bescheidenen Rund der Wandtafeln an den Innenmauern. Schlagwörter wie „Wohnlichkeit“, „Rem Kolhaas“, „Postmoderne“, „Präsenz“ (ohne prätentiös sein zu müssen) werden hier aus Franks Werk abgeleitet. Schön bescheiden ist das. Wie die ganze Ausstellung recht unaufgeregt erscheint.

Für Frank'sche Verhältnisse kommt einem dabei alles ein wenig zu aufgeräumt vor, man würde gern die von ihm den modernen Lebensumständen so sympathisch zugestandene Unordnung hineinbringen, in die Modelle der Villen, die aufgereihten Sessel. Ganze Wohnungen wurden nicht rekonstruiert, eher mit von der Decke abgehängten Fotografien nachgestellt. Dafür hat Czech Franks Vision einer idealen Treppe nachbauen lassen: Sie windet sich zwar mehrfach, auf Begehung auf eigene Gefahr wird hingewiesen, stolpern wird hier aber niemand; denn Frank folgt den Bedürfnissen des Menschen, seinen Maßen, seinen Bewegungsmustern und Erfahrungswerten. Ein Haus müsse sein wie eine Stadt, sagte er. Man müsse sich natürlich zurechtfinden, Hauptplatz, Nebenstraßen, Rathaus finden. Legt man das auf diese Ausstellung um, kann man durchaus sagen: „Well done.“ Oder besser: „Bra gjort.“

MAK: „Josef Frank, Against Design“, bis 3. April 2016

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.12.2015)

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