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Pop

Hans Zimmer: „Gedimmtes Licht, mein alter Synthesizer“

Composer Zimmer, nominated for best original score for the movie ´Interstellar,´ arrives at the 87th Academy Awards in Hollywood
Hans Zimmer(c) REUTERS (� Robert Galbraith / Reuters)

Hans Zimmer geht jetzt auf Konzerttournee. Der „Presse“ erklärt er, wieso er so lang davor zurückgeschreckt ist – und warum ihm noch immer etwas Deutsches anhaftet.

Es ist selten, dass einem Deutschen im englischen Sprachraum nicht bloß Respekt, sondern echte Zuneigung entgegengebracht wird. Hans Zimmer, 1957 in Frankfurt geboren, hat sie sich in Hollywood verdient. Nach abgebrochener Klassikausbildung zog er als Teenager nach London. Dort dockte er an die Popszene an: Er spielte unter anderem in der Experimentalpopformation Krisna und arbeitete mit Warren Cann, dem späteren Schlagzeuger von Ultravox. 1978 traf er den damals noch erfolglosen Produzenten Trevor Horn und gründete mit ihm The Buggles. Auf deren Hit „Video Killed the Radio Star“ bedient er den Synthesizer. Für „Euraca“von Nicolas Roeg (1984) schrieb er seinen ersten Filmsoundtrack. Seinen Durchbruch in Hollywood hatte er 1988 mit der Musik zu Barry Levinsons „Rain Man“. Für „King of Lion“ erhielt er 1995 seinen bislang einzigen Oscar. Die computeranimierte Filmadaption von Antoine de Saint Expupérys „Le Petit Prince“ – derzeit im Kino – ist der jüngste Blockbuster, der durch seine dramatischen Sounds geadelt wurde. Jetzt zieht es Hans Zimmer auf die Bühne – die er bisher weitgehend gemieden hat.

 

Die Presse: Die meiste Zeit Ihres Musikerlebens haben Sie sich im Studio verschanzt. Fürchten Sie das Lampenfieber?

Hans Zimmer: Auf jeden Fall! Jüngst traf ich Paul McCartney in Los Angeles und sprach mit ihm darüber. Ich war ganz überrascht zu erfahren, dass selbst er darunter leidet. Er sagte mir den schönen Satz: „Du musst dir darüber im Klaren sein, dass das Publikum auf deiner Seite ist.“ Ich werde also versuchen, locker zu bleiben.

Kann man sich das einfach vornehmen?

Angst darf nie das eigene Leben leiten. Für mich kam jetzt einfach der Punkt, an dem ich dem Publikum direkt in die Augen schauen will. So ein Konzert ist ja die älteste Form der Darreichung von Musik.

Und wie konnten Sie dieser Form so lang widerstehen?

Ich liebe die Studioarbeit über alles. Aber mein Musikerleben wäre ohne Liveauftritte nicht komplett. Wenn man auf der Bühne alles richtig macht, dann ist es eine unersetzliche Form von Konversation.

Wird es sehr opulent werden?

Fürs Ohr vielleicht, aber fürs Auge nicht. Es wird keine Bilder geben und keinen Dirigenten. Bloß ein Orchester und eine Band, in der übrigens Johnny Marr von The Smiths Gitarre spielen wird.

Richard Strauss hat einmal gesagt, er könne mit der Selbstverständlichkeit komponieren, mit der eine Kuh Milch gibt. Wie weit sind Sie an Ihren guten Tagen von diesem Zustand entfernt?

Sehr, sehr weit. Das Komponieren fällt mir immer schwer. Diese Leichtigkeit habe ich nicht. Ich bevorzuge ein anderes Richard-Strauss-Zitat: jenes, in dem er von sich sagt, dass er nichts mehr als ein erstklassiger zweitklassiger Komponist sei.

Sie werden von Ihrem Promotor Harvey Goldsmith als erfolgreichster Filmkomponist unserer Tage gehypt. Wie gehen Sie mit solchem Lob um?

Ich ignoriere es. In dem Ruhm, den er mir zuschreibt, kann ich nicht baden. Ich bin ganz rasch auf dem Boden der Tatsachen zurück, wenn ich beim nächsten Auftrag eine Schreibblockade habe. Nichts lehrt dich Bescheidenheit besser als diese Momente der Leere im Kopf. Dann fragt man sich: Was bedeuten all die mir verliehenen Preise?

Gehören diese Blockaden nicht längst zum Ritual Ihres kreativen Prozesses?

Ritual? Das klingt so, als wäre ich sicher, dass ich diese schrecklichen Perioden locker zu überwinden wüsste. Aber so ist es nicht. Es klingt vielleicht katholisch, aber bei mir muss der Kreativität immer ein gewisses Leiden vorangehen. Selten ist es anders. Und falls, dann macht sich meine Frau Sorgen. Sie glaubt dann, dass die Arbeit nicht gut wird.

Haben Sie spezielle Strategien, den Ideenfluss anzuregen?

Erst lade ich die Regisseure in mein Studio ein. Gedimmtes Licht, ein großes Weinregal, mein alter modularer Synthesizer – das flößt ihnen Vertrauen ein. Es ist selten, dass wir direkt über das Projekt sprechen. Wir reden drum herum. Am Ende habe ich aber ein Gefühl dafür, worum es unterschwellig geht. Es ist ja weniger der Plot als der Subtext der Filme, der wesentlich für die Musik ist.

Sie haben die längste Zeit Ihres Lebens im Ausland verbracht. Haftet Ihnen noch etwas Deutsches an?

Ich glaube schon. Einerseits ist mein musikalischer Wortschatz ziemlich deutsch, andererseits plagt mich oft ein tief sitzendes Schuldgefühl. Dann denke ich, dass ich an keinem einzigen Tag in meinem Leben gearbeitet habe. Wenn es nämlich einmal läuft, dann ist das, was ich tue, ein einziges Spiel.

Vermissen Sie Ihre Heimat?

Auf gewisse Weise schon. Aber ich muss der Realität ins Auge sehen, die meiste Zeit verbringe ich im Studio. Und das könnte auch am Nordpol stehen.

Sie haben früh mit dem Instrument experimentiert, haben es modifiziert . . .

Meine Mutter würde eher sagen, dass ich das Klavier ruinierte. Mein Antrieb war die Suche nach neuen Klängen, von deren Existenz die Hersteller von Steinway-Pianos keinen blassen Schimmer haben.

Was waren die Schwierigkeiten zu Beginn Ihrer Tätigkeit?

Ich konnte mir kein Orchester leisten, also machte ich aus der Not eine Tugend und lernte, wie man ganz ähnliche Sounds aus dem Synthesizer zaubert. Diesen Schwindel beherrsche ich perfekt.

Können Sie sich ein Komponieren ohne Ihren digitalen Sampling-Synthesizer Fairlight CME vorstellen?

Nein. Ich wäre kein Filmkomponist, würde ich nicht gern Geschichten erzählen. Und meine große Bibliothek an Samples ist da sehr hilfreich.

Noch ein Zitat: Aaron Copland hat gesagt, dass 90 Prozent der Filme, die er für Hollywood vertont hat, die Musik haben, die sie verdienen. Sehen Sie das auch so negativ?

Nur teilweise. Ich habe zuweilen wirklich gute Musik für schlechte Filme gemacht und umgekehrt. Wichtig ist, dass man stets sein Bestes gibt. Niemand nimmt sich vor, einen schlechten Film oder schlechte Musik zu machen. Aber es gibt Umstände, die die höchste Qualität verhindern können. Der einzige Weg zu mehr Wissen ist das Versagen. Bei mir ist es zumindest so. Aus Erfolgen lerne ich nichts.

Hans Zimmer live in Österreich: 12. Mai 2016 in der Stadthalle Graz, 13. Mai in der Stadthalle Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.12.2015)