Wie aus Kindern Wunderkinder werden

(c) Clemens Fabry
  • Drucken

Sie sind bereit zu üben, zu trainieren und auf Dinge zu verzichten, die für ihre Altersgenossen selbstverständlich sind. Der Erfolg vieler kleiner Genies besteht dennoch zu 80 Prozent aus der Förderung durch ihre Eltern.

Ein musikalisch hochbegabtes Kind ist ein Glücksfall. Zwei sind eine Fügung. Drei sind ein Muster. Dieses Muster findet sich in der Familie Kropfitsch, bei den Geschwistern Marie Isabel, Clemens und Paul. Die Schwester, mit zwölf die Älteste, spielt bereits Konzerte in Italien, Wien, Berlin und im elterlichen Wohnzimmer, umgeben von Jugendstilmöbeln. Wenn Marie Isabel zur Geige greift, fällt es schwer zu glauben, dass die Kropfitschs wegen der Musik nie Ärger mit den Nachbarn haben. Der achtjährige Paul auf der Violine und der elfjährige Clemens auf dem Cello reichen bei weitem nicht an die Klangwucht der Schwester heran.

Drei Hochbegabte in einer Familie – das kommt vor. Selten, aber doch. Auch Wolfgang Amadeus Mozarts Schwester und der Vater waren hochmusikalisch. „Es gibt eine griffige Formel dafür“, sagt Andreas Weber, künstlerischer Leiter des Instituts für Hochbegabungsförderung am Mozarteum – nicht zufällig nach Leopold Mozart benannt: „Musikalische Hochbegabung besteht zu 80 Prozent in der Förderung durch die Eltern.“ Das Elternhaus sei die Urzelle, in der der Reiz, selbst Musik zu machen, ausgelöst werde, sagt Weber.

Diese Faustregel gilt nicht nur für die Musik. „Wunderkinder“ – die sich schon in ganz jungen Jahren als Ausnahmetalente offenbaren und anderen Kindern ihres Alters in einem Fach haushoch überlegen sind – gedeihen am besten in einem Umfeld, in dem man ihre Begabung so früh erkennt, beurteilt und so weit fördert, dass sie auch für andere sichtbar wird. Diese günstige Konstellation tritt aber im Normalfall nur dann ein, wenn die Eltern einen geschulten Blick für die Fähigkeiten ihres Kindes haben.

Saiten-Virtuosen. Wie die Eltern von Jan Silva (7), ebenfalls ein kindlicher Virtuose auf einem „Saiteninstrument“. In seinem Fall geht es allerdings nicht um Geige oder Cello, sondern um das Tennisracket. Seine Mutter, Mari Maattanen-Silva, ist selbst Tennisspielerin und erzählt, dass sie direkt vom Tennisplatz zu Jans Geburt ins Krankenhaus fuhr. Ihrem Sohn drückten die Silvas zum ersten Mal im Alter von einem Jahr ein Tennisracket in die Hand. Und staunten. Denn schon damals ließ Jan erahnen, was seinen Vater später zu einer selbstbewussten Prophezeiung animierte: „Jan ist ein ganz besonderes Kind. Er wird die Welt mit seinem Talent schockieren und eines Tages zu den besten Tennisspielern der Welt gehören.“ Heute ist Jan Silva der bei weitem jüngste Schüler der Mouratoglou Tennis Akademie. Die Familie brach ihre Zelte in den USA ab und übersiedelte nach Frankreich, wo alle Kosten vom Besitzer der Tennisschule getragen werden.

Diesen geschulten Blick für das besondere Talent gibt es auch in der Familie Kropfitsch. Vater Stefan Kropfitsch leitet das Institut für Streich- und andere Saiteninstrumente an der Wiener Musik-Uni, gibt nebenher Konzerte und zwischendurch seinem Sohn Clemens auch noch Stunden. Elisabeth Kropfitsch, Stefans Schwester, ist ebenfalls Musikprofessorin, sein Bruder spielt Klavier. Gemeinsam bilden die drei Erwachsenen das Jess-Trio. Nur die Mutter der Kinder, Doris Kropfitsch, beherrscht kein Instrument – „bis auf ein bisschen Klavier“.

Musikalisch zu sein, das scheint Marie Isabel, Clemens und Paul ebenso in die Wiege gelegt wie Jan Silva das Gefühl für Ball und Schläger. Aber gibt es allgemein gültige Maßstäbe, nach denen man erkennen kann, ob ein Kind nicht nur talentiert, sondern hochbegabt ist – egal auf welchem Gebiet?

„Es gibt dafür keine Tests“, sagt Regina Pauls, Leiterin der Beratungsstelle am Leopold-Mozart-Institut. „In unserem – musikalischen – Fall prüfen wir die Lernfähigkeit der Kinder. Wie bewegt sich, wie singt ein Kind? Wie geht es experimentell mit Musik um?“ Indizien für eine Hochbegabung auf musikalischem Gebiet seien etwa, wenn ein Kind ein besonders gutes Rhythmusgefühl habe, Melodien – auch in einer anderen Tonart – sofort nachspielen könne, so Weber. Im strengen Sinn – und der gilt wiederum vom Sport bis zur Kunst – sei ein Kind dann hochbegabt, wenn es einen in Staunen versetze.

Zwei Wochen zur Konzertreife. Die 13 Auszeichnungen im Hause Kropfitsch zeugen von der Hochbegabung der Kinder. Die meisten stammen von Marie Isabel. Mit vier begann sie Geige zu spielen, als Sechsjährige wurde sie in die Hochbegabtenklasse von Marina Sorokova an der Musik-Uni Wien aufgenommen, mit zehn gab sie ihren ersten eigenen Soloabend. Inzwischen lässt sich ihr musikalischer Lebenslauf – eng beschrieben – gerade noch auf einer Seite unterbringen. Zwei Wochen müsse sie üben, um ein Stück zu beherrschen, sagt Marie Isabel. Dann sei es aber „konzertreif“.

Musikpädagogin Pauls hält nicht viel vom reinen Vor- und Nachspielen von Stücken. „Notenständer-Pädagogik“, nennt sie das. „Das ist antiquiert und das Kind bleibt nicht dabei“, sagt sie. „Kinder sollten nicht bloß Klassik nachspielen, sondern auch selbst komponieren und dirigieren.“

Experimenteller Umgang mit Musik scheint bei Marie Isabel, Clemens und Paul nicht im Vordergrund zu stehen. Zumindest nicht, wenn es um das Vermischen von Musikstilen geht. Rock- oder Popmusik hören sie kaum. „Klobesenmusik“ nennt Clemens das, was im Radio gespielt wird. Den Ausdruck habe er von seinem Vater übernommen. Marie Isabel verlässt schon mal die „Schüler-Disco“ am Skikurs, weil sie die Musik nicht aushält. Klassik ist das bestimmende Element im Hause Kropfitsch.

„Der Ehrgeiz der Eltern: Das ist das große Problem“, sagt Pauls. Vor allem jener Eltern, die ihre Kinder um jeden Preis fördern wollen und sie dadurch einem Leistungsdruck aussetzen. „Es gibt Kinder, die täglich drei bis fünf Stunden üben müssen. Und es gibt Kinder, die drei bis fünf Stunden üben wollen. Wenn sie es müssen, dann hassen sie das Instrument später.“ Selbst in Spitzenorchestern gebe es Musiker, die ihr Instrument ablehnen, die Pillen nehmen, um weitermachen zu können. Auch Kinder, die nicht mehr spielen wollen, würden nicht damit aufhören, so Pauls. Ihre „Droge“ ist allerdings eine andere, eine weit subtilere: das Lob der Eltern.

Andreas Weber nimmt die Eltern hingegen in Schutz. Natürlich gebe es „Tennisväter“ und „Eislaufmütter“, die ihre Kinder zu Leistungen drängten, sagt Weber. Ihn stört aber die „ständige Beargwöhnung der Eltern“. Die Eltern seien auch eine große Chance, wenn sie eine positive Einstellung dazu haben, dass ihr Kind etwas Besonderes kann, und es durch ehrliches Lob motivieren. Ein musikalisch hochbegabtes Kind entwickle selbst „einen Sog zum Instrument“.

Kein Tag ohne Tennis. Genauso wie Jan Silva, der keinen Tag ohne seinen Tennisschläger sein will. Der Tennis liebt und gerne spielt. Und deshalb freiwillig trainiert, wo andere Kinder längst raunzen würden. Genauso wie Marie Isabel, Clemens und Paul freiwillig üben. Zwischen vier und fünf Stunden sind es bei den Älteren täglich. Der Jüngste, Paul, übt zwei bis drei Stunden. Vor den Hausaufgaben. Auch die Ferien werden genützt. Dann geht es vor allem darum, wer mit dem Papa spielen darf. Er frage nur einmal, wer mit ihm üben wolle, erzählen die Kinder. Wenn sie nicht gleich ja sagen, dann übe er alleine.

Bei Kindern, die auf einem Gebiet hochbegabt sind, können sich die Bereiche, die nicht gefördert werden, zu einem Problem entwickeln, sagt Musikpädagogin Regina Pauls. Dass ein Kind hochmusikalisch ist, heißt nicht, dass es generell hochbegabt ist, auch wenn die Wahrscheinlichkeit höher liegt. Die Diskrepanzen zwischen den Gebieten, auf denen Kinder begabt sind und denen, in denen sie durchschnittlich oder gar unterdurchschnittlich seien, die gelte es auszugleichen.

Marie Isabel, Clemens und Paul gehen auf ein „normales“ Gymnasium und Volksschule, keine mit Schwerpunkt Musik. „Die Kinder sollen lieber Sprachen lernen“, sagt Doris Kropfitsch. Musik machen sie ohnehin genug, meint sie. Der Direktor des Akademischen Gymnasiums, das Marie Isabel und Clemens besuchen, ist „höchst kompromissbereit“, wenn es um Konzertreisen geht.

Der Berufswunsch der drei Kinder steht schon fest: Musiker. „Es ist einfach schöner, wenn man selber spielt“, sagt Marie Isabel. Sie halte es keinen Tag ohne ihre Geige aus. „Das Leben ohne Musik wäre fad“, pflichtet Clemens bei, sein kleiner Bruder nickt. Für das Ziel, Berufsmusiker zu werden, muss man auch Opfer bringen. „Marie muss auf Sachen verzichten“, sagt Doris Kropfitsch. Etwa die Party einer Freundin. Das mache ihr aber nichts aus, meint die Mutter. Marie verzieht den Mund, schaut zu Boden. „Das Konzert ist wichtiger“, sagt sie dann.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2009)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.