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Licio Gelli: Italiens großer Dunkelmann ist tot

FILES-LICIO GELLI
LICIO GELLI(c) EPA (Karl Mathis)
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Der berühmt-berüchtigte Freimaurerführer und Kopf fast aller italienischen Verschwörer, vor allem der 1970 und 1980er-Jahre, starb 96-jährig in seiner Villa in der Toskana.

Er war der dunkelste aller italienischen Dunkelmänner, der verschlagenste und der mächtigste. Diesen Dienstag, im gesegneten Alter von 96 Jahren, ist Licio Gelli zwar in seiner Villa nahe der toskanischen Stadt Arezzo gestorben, wie am Mittwoch bekannt wurde – aber sein Geheimarchiv (wenn es denn je ans Licht kommt) wird noch für viel Unruhe sorgen.

Der Unternehmer und Ex-Chef der verbotenen Freimaurerloge Propaganda Due (P2) war kürzlich wegen Beschwerden ins Spital gebracht worden. Gelli, der sich im Freimaurerjargon als „Verehrungswürdiger Meister“ anreden ließ, führte bis in die 1980er-Jahre die P2. Sie war ein Staat im Staat: Sie stellte laut parlamentarischer Untersuchungskommission sogar ein „beständiges Komplott“ dar, bei dem Gelli in Politik, in Wirtschaft, in Militär und Journalismus die Fäden nach Belieben zog.

 

Putschversuch, Bombenterror

An die 1000 Abgeordnete, Geheimdienst- und Armeegeneräle, Richter, Unternehmer – darunter ein gewisser Silvio B., späterer Premier – standen auf der Mitgliederliste der Freimaurerloge. In den bleiernen Zeiten des linken und rechten Terrors in Italien schürten Gelli und seine Mannen systematisch Unruhe, etwa durch die Beteiligung an einem Operetten-Staatsstreich, dem Golpe Borghese 1970. Nach dem offenbar rechts motivierten Bombenanschlag auf den Hauptbahnhof in Bologna (August 1980, 85 Todesopfer), führte der Maestro mit verbündeten Geheimdienst- und Carabinieri-Offizieren die Ermittler in die Irre, indem er einen Koffer mit Waffen, Sprengstoff und falschen Dokumenten füllen und „zufällig“ finden ließ.

Auch im kriminellen Finanzklüngel mischte Gelli hinter den Kulissen an vorderster Stelle mit: Der betrügerische Bankier Michele Sindona, 1986 in Gefängnis an vergiftetem Espresso gestorben, war P2-Mitglied, genauso wie sein Kollege Roberto Calvi von der katholischen Privatbank Banco Ambrosiano, der im Juni 1982 tot an einem Seil von der Blackfriars Bridge in London baumelnd gefunden wurde – „geselbstmordet“, wie man sagte, die Bank war zuvor insolvent geworden und Calvi in damalige Versuche Argentiniens eingebunden, während des Falklandkriegs mit Großbritannien über Umwege französische Exocet-Seezielraketen zu beschaffen. Auch heute ist man bei der Aufklärung all dieser Vorgänge nicht viel weiter.

 

Mit im Spiel: Die Vatikanbank

Vielfach in die Machenschaften verstrickt war auch die Vatikanbank IOR. Und Querverbindungen hielt der Maestro Venerabile auch zum Allzeit-Fuchs der italienischen Machtpolitik, zum Christdemokraten Giulio Andreotti (1919–2013).

„Plan für eine demokratische Wiedergeburt“ hieß das Manifest der P2. Es umfasste Law and Order und ökonomischen Liberalismus. Gelli, immer undurchsichtig, war im Zweiten Weltkrieg Doppelagent, für die Faschisten und für die Widerständler. Er genoss es, Leute dirigieren und erpressen zu können; seine Macht war der geheimnisvolle Nebel, in dem er sich verbarg. Noch 2008 sagte er: „Wir hatten Italien in der Hand.“

Zuletzt saß Gelli eine zwölfjährige Haftstrafe ab, zu Hause in seiner Villa. „Jeden Tag rede ich mit meinem Gewissen“, versicherte er: „Dessen Stimme beruhigt mich.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.12.2015)