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Kann Cannes es noch? Brüll mal wieder, Löwe!

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(c) EPA (ROLAND WEIHRAUCH)
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Die Einreichungen für die Cannes Lions, den wichtigsten Werbepreis der Welt, nahmen im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent ab.

Natürlich haben wir noch Zimmer für die kommende Woche frei“, tönt es am anderen Ende der Leitung. Und was in Zeiten der Prosperität selbst Anfang März ein wahres Wunder gewesen wäre, ist in Zeiten der Wirtschaftskrise traurige Realität: Cannes, das mondäne Hafenstädtchen an der Côte d'Azur, ist zur Zeit des Cannes Lions International Advertising Festivals (21. bis 28. Juni) nicht einmal ansatzweise ausgebucht. Freie Zimmer in sämtlichen Kategorien gibt es noch zuhauf, und auch in den Restaurants am alten Hafen wird man kaum verzweifelt nach einem Tisch für den Abend suchen. Die Cannes Lions 2009, das größte, bedeutendste und wichtigste Werbefestival der Welt, wurden von der Wirtschaftskrise eingeholt.

Lockten die Cannes Lions selbst im Vorjahr noch über 10.000 Delegierte aus aller Welt in die südfranzösische Küstenstadt, so werden heuer gerade mal 5000 bis 6000 Teilnehmer erwartet. Allein aus Österreich werden heuer um rund 50 Kreative weniger die Reise nach Cannes antreten: Waren im Vorjahr noch 120 Österreicher bei den Cannes Lions live dabei, leisten sich heuer nur mehr 70 Werber den in Summe kostspieligen Trip.

Dabei ist zur Zeit des Werbefestivals Cannes das Epizentrum der Werbewelt. Nicht nur Agenturbosse und Kreativdirektoren zieht es alljährlich nach Cannes, sondern auch Texter, Grafiker, Berater, Werbefilmer, Regisseure und Fotografen, aber auch immer mehr Marketing- und Werbeverantwortliche aus Unternehmen. Die Cannes Lions sind Leistungsschau und Marktplatz zugleich: Bei den Cannes Lions wird nicht nur die beste Werbung in mittlerweile elf Disziplinen zur Schau gestellt und mit Gold, Silber und Bronze ausgezeichnet, sondern es werden auch Geschäftsbeziehungen aufgefrischt und Kooperationen angebahnt. Und seit einigen Jahren werden die Lions auch von einem dichten Programm an Vorträgen, Seminaren und Podiumsdiskussionen flankiert. Das Festival ist somit das mit Abstand wichtigste Get-together der weltweiten Werbeindustrie – und einen Löwen zu gewinnen noch immer das Höchste, das einem Werber in seinem beruflichen Leben zuteil werden kann.

Krisen-Fest. Die Geschichte des Werbefestivals nahm vor 56 Jahren ihren Lauf. Und zwar in Venedig, als Wettbewerb für Kinowerbefilme, initiiert von einem Vermarkter von Werbespots in Lichtspieltheatern. Obwohl der Grand Prix für den besten Werbespot noch immer der wichtigste Preis der Cannes Lions ist, ist das Festival doch erheblich gewachsen. In den vergangenen 15 Jahren wurden die Lions stetig erweitert und sind heute ein Festival für sämtliche Spielarten der Marktkommunikation (siehe Infokasten). Und auch heuer feiert wieder ein Wettbewerb eine Premiere: 2009 werden erstmals Cannes-Löwen in Gold, Silber und Bronze für die besten PR-Kampagnen vergeben.

Apropos Sieger: Siegesfeiern und Feste stehen selbst in einem Krisenjahr im Vordergrund. Zwar werden nicht ganz so viele der pompösen Network-, Agentur- und Länderpartys zelebriert wie in den Vorjahren, ganz ohne wird man aber kaum auskommen: Schließlich wären die Cannes Lions ohne Galaempfänge und Feierlichkeiten so entbehrlich wie ein Café au Lait ohne Croissant. Sind doch die ausgelassenen Feiern im Normalfall kein Selbstzweck, sondern Ausdruck der Freude über zukünftige Kundengewinne der Agentur und die Steigerung des persönlichen Marktwerts. Schließlich kann sich, wer einen Cannes-Löwen erbeutet hat, schon mal in aller Ruhe seine Strategie für die kommende Gehaltsverhandlung überlegen oder aber darüber sinnieren, bei welcher Topagentur er oder sie anheuern will. Ein Cannes-Löwe ist mit einem Michelin-Stern in der Gastronomie vergleichbar. Was ein Lion wert ist, versteht man in Singapur oder Oslo genauso wie Los Angeles oder Wien.

Minus bei Einreichungen. Den recht stolzen Einreichgebühren zum Trotz wagen heuer 167 heimische Einreichungen in zehn Cannes-Lions-Wettbewerben den Vergleichskampf mit Arbeiten aus aller Welt. Im Vorjahr hatten Österreichs Agenturen allerdings noch 246 Einreichungen nach Cannes geschickt – macht ein Einreichminus von 32 Prozent binnen Jahresfrist. Insgesamt schaut es für die zum britischen Kommunikationskonzern EMAP gehörenden Cannes Lions heuer nicht ganz so schlecht aus: Statt 28.284 Arbeiten im Vorjahr gehen nur 22.652 – um 20 Prozent weniger – Einreichungen ins Rennen. Die Organisatoren werden es bei einer Einreichgebühr zwischen 200 und 1000 Euro pro eingereichter Arbeit und einer Teilnahmegebühr am Festival von rund 2000 Euro pro Delegiertem verschmerzen. Vor allem, weil die Werbewelt 2010 schon wieder ganz anders aussehen wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2009)