Ärzte als Leiharbeiter: Bis zu 1700 Euro pro Nacht

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SymbolbildDie Presse

Weil ihre psychiatrischen Abteilungen chronisch unterbesetzt sind, bieten Wiener Spitäler niedergelassenen Fachärzten an, für viel Geld einzelne Nachtdienste zu übernehmen.

Wien. Dass in Wiener Spitälern sogar schwer kranke Patienten, die beispielsweise kurz vor einer Transplantation stehen, trotz eines zuvor vereinbarten Termins weggeschickt werden, weil die Ambulanzen unterbesetzt sind und kein Arzt Zeit für sie hat, ist keinesfalls die Ausnahme. Solche Fälle gehören seit Monaten zum Alltag und sind hauptsächlich Folgen des neuen Arbeitszeitgesetzes mit dem daraus resultierenden Fachärztemangel. Betroffen sind nicht nur Spitäler des Wiener Krankenanstaltenverbundes (KAV), sondern auch das AKH.

Das neue Gesetz trat Anfang des Jahres in Kraft und schreibt unter anderem vor, dass Ärzte im Schnitt nicht länger als 48 Stunden pro Woche arbeiten dürfen. Wie „Die Presse“ berichtete, hat die Umsetzung dieser Verordnung darüber hinaus zu mehr Gangbetten (dieser Tage stark betroffen sind die Rudolfstiftung, das Wilhelminenspital und das Otto-Wagner-Spital – speziell auf den internen Abteilungen) und deutlich längeren Wartezeiten auf Operationen bzw. Untersuchungen geführt. Durch die stark ausgedünnten Diensträder haben Fachärzte zudem kaum noch Zeit, sich um die Aus- und Fortbildung ihrer jungen Kollegen zu kümmern.

Besonders bizarre Ausmaße haben die Besetzungsprobleme der Nachtdienste an psychiatrischen Abteilungen angenommen. Weil Spitäler immer wieder kein eigenes Personal mehr für ihre Diensträder haben, bieten sie niedergelassenen Psychiatern und Fachärzten des Psychosozialen Dienstes (PSD) an, gegen Honorar für ihre angestellten Kollegen einzuspringen und Nachtdienste in Spitälern des KAV zu übernehmen. Als Leihärzte sozusagen.

Tagesklinik geschlossen

Ganz akut ist dieses Problem derzeit an der 4. psychiatrischen Abteilung des Otto-Wagner-Spitals, die psychisch Kranke aus dem 20. und 21. Bezirk (rund 225.000 Einwohner) betreut und neben einer Tagesklinik ehemals drei Stationen mit je 20 Betten umfasste.

Die Tagesklinik und die gerontopsychiatrische Station wurden bereits vor Monaten aufgrund des Fachärztemangels geschlossen. Allein im vergangenen halben Jahr haben diese Abteilung fünf Fachärzte auf eigenen Wunsch verlassen. Vier ließen sich in andere Abteilungen des KAV versetzen, eine ist nach Niederösterreich gegangen.

System vor Kollaps

Ähnliche Probleme drohen auch der 6. psychiatrischen Abteilung des Otto-Wagner-Spitals sowie im Kaiser-Franz-Josef-Spital, wo mittlerweile sogar der Abteilungsvorstand selbst Nachtdienste machen muss, um die personellen Engpässe zu kompensieren. Jeder weitere personelle Ausfall beispielsweise durch einen Krankenstand würde das System zum kollabieren bringen, heißt es aus der Belegschaft.

Im kommenden Jahr könnten laut Ärztekammer sämtliche Spitäler des KAV Probleme bekommen, ihre Nachtdienste zu besetzen, und müssten möglicherweise ebenfalls auf externe Ärzte zurückgreifen. Wobei nicht nur Wien betroffen ist. So gab es beispielsweise auch in Hollabrunn in Niederösterreich ähnliche Engpässe in der psychiatrischen Abteilung.

1700 Euro pro Nachtdienst

Für die niedergelassenen Ärzte sind die Einsätze in den Spitälern jedenfalls lohnend – bis zu 1700 Euro brutto bekommen sie für einen Nachtdienst. Das ist deutlich mehr als das, was ein angestellter Arzt durchschnittlich für einen Nachtdienst auf Überstundenbasis erhält.

Das Frustlevel unter angestellten Psychiatern ist daher in einigen Abteilungen so hoch, dass etliche von ihnen derzeit darüber nachdenken, sich karenzieren zu lassen und nur noch Nachtdienste auf freiberuflicher Basis zu machen, weil sie dann mehr verdienen würden und weniger Verantwortung zu tragen hätten. Was sie daran hindert? Hauptsächlich die aktuell noch unklaren gesetzlichen Bestimmungen solcher Dienste, also die Haftung und versicherungsrechtliche Deckung.

Vorstand im Nachtdienst

Nicht viel besser sieht die Situation im Übrigen bei den Diensten untertags aus. Externe Ärzte kommen hier zwar noch nicht zum Einsatz, aber die Präsenz von Fachärzten wurde derart reduziert, dass der Vorstand einer Psychiatrie eines großen Wiener Spitals innerhalb seiner Abteilung für den Satz Berühmtheit erlangte: „Unsere Patienten können froh sein, wenn sie einmal pro Woche einen Facharzt zu sehen bekommen.“ Und das in einem Fach, in dem es im Wesentlichen um die Kommunikation zwischen Arzt und Patienten geht.

 

AUF EINEN BLICK

Leihärzte. Bis zu 1700 Euro brutto bekommen niedergelassene Psychiater oder Fachärzte des Psychosozialen Dienstes für einen Nachtdienst im Spital. Das ist deutlich mehr als das, was ein angestellter Arzt durchschnittlich für einen Nachtdienst auf Überstundenbasis erhält. Besonders große Probleme, seine Nachtdienste zu besetzen, hat derzeit die 4. psychiatrische Abteilung des Otto-Wagner-Spitals. Der Fachärztemangel ist eine der Folgen des neuen Arbeitszeitgesetzes, das Anfang des Jahres in Kraft getreten ist. Es schreibt unter anderem vor, dass Ärzte nicht länger als 48 Stunden pro Woche arbeiten dürfen.


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