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Das Rätsel um drei verschollene Klimt-Gemälde

Gardasee
Ausschnitt aus „Malcesine“ (1913)(c) Gustav Klimt / Imagno / pictured (Gustav Klimt)
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Eine US-Forscherin konnte jetzt nachweisen, dass nicht alle Klimt-Bilder auf Schloss Immendorf verbrannt sind, die man bisher dort vermutet hat. Drei Gemälde wurden anscheinend überhaupt nie dorthingebracht.

Es war der Super-GAU der österreichischen Kunstgeschichte, am letzten Kriegstag ging gerade das niederösterreichische Schloss in Flammen auf, in dem das Hauptwerk Gustav Klimts eingelagert war. Die drei großen Fakultätsbilder „Jurisprudenz“, „Philosophie“ und „Medizin“ verbrannten hier, insgesamt 16 Klimt-Gemälde, heißt es seither in der einschlägigen Literatur, in allen Klimt-Werkverzeichnissen bis zu jenen von Natter und von Weidinger.

Die US-Kunsthistorikerin Tina Marie Storkovich hat diesen Fall in jahrelanger Arbeit noch einmal recherchiert. Sie kam auf Ungereimtheiten und beschloss, Tabula rasa zu machen, nichts für gültig zu nehmen und sich nur auf Quellen direkt aus der Zeit zu verlassen. Zentral ist in ihrer Arbeit, deren Zwischenstand sie jetzt veröffentlicht (s. „Spectrum“ von morgen, 19. 12.), den Verbleib der Klimt-Sammlung von August und Serena Lederer zu rekonstruieren. Ihnen gehörte die bedeutendste Klimt-Sammlung ihrer Zeit, 17 bis 20 Gemälde, 600 bis 700 Zeichnungen, darunter auch die zwei Fakultätsbilder Jurisprudenz und Philosophie. Die Sammlung wurde 1939 von den Nazis konfisziert und vom damaligen Bundesdenkmalamt (Zentralstelle für Denkmalschutz) in Listen und Bestandskarten inklusive Fotos aufgenommen.

 

Wegen Kriegsgefahr aus Wien geborgen

Die Nazis schätzten Klimt, 1943 wurde ihm eine Retrospektive in der Secession ausgerichtet. Dort wurden auch zehn Bilder der Sammlung Lederer gezeigt. Danach wurden diese wegen Kriegsgefahr aus Wien „geborgen“, ein Restaurator des Denkmalschutzamts organisierte den Transport nach Schloss Immendorf, das sich explizit aufgrund seiner unbedeutenden strategischen Lage für ein Kunstdepot eignete.

Storkovich sah Listen und Notizen im Denkmalamt ein – und kam auf eine bemerkenswerte Diskrepanz: Nur zehn Lederer-Klimt-Gemälde wurden im März 1943 nach Immendorf transportiert, die Bilder „Prozession der Toten“ (1903), „Malcesine“ (1913) und „Gastein“ (1917) scheinen in den Dokumentationen nicht auf. Doch schon das erste Klimt-Werkverzeichnis, verfasst von Fritz Novotny und Johannes Dobai, listete diese Bilder als verbrannt. Wie kamen sie darauf?, fragt sich Storkovich. Gibt es ein Missing Link? Und wenn ja, welches? Abgeschlossen ist der Fall der verbrannten Lederer-Sammlung jedenfalls nicht, er muss wissenschaftlich neu aufgerollt werden, woran auch, aber nicht nur die Erben nach Erich Lederer interessiert sein müssten. Geht es doch um Klimts Hauptwerk, die Fakultätsbilder.

Auch an deren Vernichtung bei dem Brand glaubt Storkovich nicht. Erstens sei immer noch ungeklärt, welche Einheit genau das Schloss angezündet hat. Warum die Nazis genau dieses, gerade wegen seiner strategisch unbedeutenden Lage zum Kunstdepot erkorene Schloss hätten zerstören sollen. Am letzten Kriegstag, gesprengt mit einer komplizierten Zeitschaltung, die erst drei Stunden nachdem die Russen das Schloss besetzt hatten, detonierte. Wie konnte es sein, dass die Rote Armee diese Sprengfalle drei Stunden lang nicht entdeckte? Militärhistoriker wie Manfried Rauchensteiner sehen den erst ein Jahr nach dem Brand angefertigten Polizeibericht, aus dem immer zitiert wird, skeptisch. Augenzeugenbericht gab es nur einen, den des Pfarrers, der von Plünderungen spricht. Auch ein zweiter, von Storkovich im Archiv des Denkmalamts aufgespürter Brief einer anderen Schlossbesitzerin, Margarethe de Maistre, spricht von Plünderungen, sogar von gestohlenen Bildern, die in Häusern der Dorfbevölkerung gesehen worden sein sollen. Das Schloss brannte jedenfalls drei Tage lang, die Beletage, in der die Bilder gelagert gewesen sein sollen, war erst spät betroffen.

Außerdem gingen, so Storkovich, von Mai 1943 bis Mai 1945 immer wieder Transporte auch wieder von Immendorf weg. Ohne Weiteres könnten die Klimt-Bilder bei einer solchen Gelegenheit weiter nach Schloss Thürnthal und von dort wiederum woanders hingebracht worden sein. Es war schließlich „Staatsbesitz“, noch während ihrer Einlagerung in Immendorf wurden die zwei Lederer-Fakultätsbilder vom Wiener Gauleiter Baldur von Schirach von der unter Druck stehenden Lederer-Tochter „angekauft“, die „Medizin“ gehörte schon seit 1919 dem Belvedere.

 

Aufgetaucht ist noch keines der Bilder

Irgendwo aufgetaucht ist bisher jedoch keines der Bilder, weder eines der nach Immendorf verbrachten noch eines der Bilder aus der Lederer-Sammlung, die von den Nazis nicht dokumentiert wurden. Trotzdem hätte das die Forschung nicht einschränken sollen. So habe, laut Provenienzforschungsstelle des Bundesdenkmalamts, bis auf Storkovich noch niemand das Material zur Lederer-Sammlung angefordert. Skeptisch mache die Tatsache, dass all diese Bilder bisher verschwunden sind, dennoch, so die überwiegende Meinung der Wiener Klimt-Experten, von denen einige zwar den Weg nach Immendorf fanden und dort etwa den Sohn des damaligen Schlossbesitzers Rudolf Freudenthal interviewten. Er war damals allerdings elf Jahre alt, weder er noch sein Vater war (Wochen) vor dem bzw. beim Brand anwesend.

Was sowohl rund um die Konfiszierung der Lederer-Sammlung als auch danach auf Schloss Immendorf wirklich passiert ist, ist jedenfalls ein Puzzle, dessen Lücken sich zu schließen wirklich lohnen würden. Welches Bild wird darauf wohl erscheinen?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.12.2015)