Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

State of Play: Angenehm altmodisch, aber nicht nostalgisch

(c) Universal Studios
  • Drucken

„State of Play – Stand der Dinge“ von Kevin MacDonald schildert den brutalen Strukturwandel beim Handel mit Nachrichten.

Wenn dieser Tage Nachrichten aus dem Iran vorwiegend bis ausschließlich über das Kommunikationsnetzwerk Twitter kommen und auch versierte Weltbeobachter nicht mehr wissen, was davon stimmt und was nicht, dann hat das gar nicht so wenig zu tun mit State of Play – Stand der Dinge: Informationen, deren Vermittlung und deren Glaubwürdigkeit stehen im Zentrum des Verschwörungsthrillers von Kevin MacDonald, der nicht zuletzt die prekären Beziehungsachsen zwischen zwei Machtzentralen in Washington, D.C., hinterfragt.

Auf der einen Seite: die Journalisten der einst hoch angesehenen Tageszeitung „Washington Globe“, die sich aufgrund sinkender Absatzzahlen und zurückgehender Anzeigenverkäufe zunehmend auf das Boulevardparkett wagen müssen, Informationen oft nicht mehr hinterfragen können. Auf der anderen Seite: die Politiker vom Capitol Hill, die sich – auch, aber nicht nur – von großen Unternehmen schmieren lassen, damit die ihre windigen Geschäfte weiterhin ungestört durchziehen können. Traue niemandem! So dürfte das Credo des langhaarigen, stoppelbärtigen Aufdeckungsjournalisten Cal McAffrey (in einer seiner besten, weil launigsten Rollen: Russell Crowe) lauten, der sich die mühevoll recherchierten Fakten immer noch auf einem Schmierblock notiert, Internet nur vom Hörensagen kennt.

Ihm geht es um die informellen Informationskanäle: um die Burgerbräter, deren Laden an einer strategisch günstigen Stelle am (analogen!) Informationshighway platziert ist, um die Gerichtsmedizinerin, die während der Obduktion kurz zur Seite blickt, damit Cal die persönlichen Habseligkeiten des Mordopfers durchsuchen kann.

Der alte Grantscherben kennt sie alle, tauscht mit Polizisten ebenso vielsagende Blicke (und damit Informationen) aus wie mit seiner resoluten Chefredakteurin Cameron Lynne (famos: Helen Mirren). Diesmal ist er an etwas Großem dran: Der vermeintliche Selbstmord von Sonia Baker, der Rechercheleiterin eines Untersuchungsausschusses im Kongress, führt Cal direkt zu den Macht habenden Politikern, damit auch zu seinem Uni-Freund, dem nunmehrigen Abgeordneten Stephen Collins (ein gestriegelter Ben Affleck). Nach und nach entwickelt der Reporter die Fäden des avancierten und gefährlichen Verwirrspiels und stößt auf einen Politskandal, der die Watergate-Affäre wie ein Kinderspiel aussehen lässt. „State of Play“ stammt u.a. aus der Feder von „Michael Clayton“-Regisseur Tony Gilroy, Routinier im Ineinanderschachteln von verschiedenen Erzählebenen.

Kevin MacDonalds Thriller profitiert aber weniger von der Dramaturgie des Drehbuchs als von den pointiert geschriebenen Charakteren: Wenn Cal in den ersten Filmminuten mit seinem schrottreifen Saab über die Straßen fährt, mit Kartoffelchips im Mund das neufundländische Sauflied „The Night Pat Murphy Died“ singt, ist das nicht nur eine famose Leistung von Russell Crowe sondern auch eine perfekte, stimmige Figureneinführung. State of Play basiert auf der gleichnamigen BBC-Serie, orientiert sich vor allem an den Verschwörungsthrillern, die Hollywood in den Mittsiebzigern stapelweise produzieren hat lassen, wirkt dabei angenehm altmodisch, ohne kalkuliert nostalgisch zu sein.

 

Neue Machtverteilung und Moral

Gleich geblieben ist eine allgemeine gesellschaftliche Verunsicherung, damals ausgelöst durch Präsident Nixon und die Watergate-Affäre, heute ein Überhang aus acht Jahren Bush-Regime. Gleich geblieben ist auch der moralische Imperativ, der Zeigefinger, der nicht zuletzt die Traditionsmedien (eben: Tageszeitungen) dazu ermahnt, wachsam und ein kräftiges Korrektiv zu ausgestreuten Falschinformationen zu sein.

Neu hingegen ist die Machtverteilung: denn während damals renommierte Redaktionen einen Papier- und Wortkrieg gegen korrupte Politiker geführt haben, sitzen die Meinungsmacher heute woanders. In der Blogosphäre, dem Twitter-Netzwerk, in dem man Information beim Entstehen zusehen kann. Vielleicht ist Cal McAffrey bald nur mehr eine Erinnerung, ein Museumsstück. Ein Artefakt aus der Printmedienära. mak

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2009)