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Ausfechten statt Andacht

Der Eklat bei einer Klassenfahrt nach Auschwitz gibt zu denken.

Wie umgehen mit provokativen Wortmeldungen von Jugendlichen? Wie soll die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit aussehen? Die Provokationen der 16-jährigen Schüler seien sogar so weit gegangen, dass bei einem gemeinsamen Besuch einer Gaskammer mit Holocaust-Opfern und deren Nachkommen judenverhöhnende Witze gemacht worden sind. Daraufhin wurde der Besuch abgebrochen und die Klasse nach Hause geschickt. Der Historiker Michael Schedl kennt den unreifen Umgang von Schülern aus seiner eigenen Führungspraxis. Er sieht im Abbruch von Ausstellungsbesuchen jedoch die falsche Vorgangsweise: „Man muss solche Konflikte ausfechten, denn wo sonst sollen die Jugendlichen Vorurteile abbauen. Gedenkstätten sollen nicht nur Andachtsstätten sein, sondern der Auseinandersetzung mit den Meinungen der Jugendlichen dienen.“

Statt Andacht und Schock sollen bei der Auseinandersetzung Diskussion und Wissensvermittlung Platz greifen. Daher begrüßt er, dass bei der Ausstellung am Spiegelgrund die Fotos der ermordeten Kinder herausgenommen worden sind.

Die SchülerInnen der Caritas-Schule bereiten sich auf ihren Beruf als BehindertenpädagogInnen vor. Dementsprechend haben sie sich mit der Thematik gut auseinandergesetzt. Eine Schülerin meinte aber: „Ich hab auch nichts von Behinderung gewusst, bevor ich mit der Caritas-Schule angefangen hab.“ Auf die Frage, wie denn die Auseinandersetzung in der Pflichtschule ausgesehen hat, kommen unterschiedliche Antworten von „gar nicht“ bis „wir haben ein Projekt zum Tagebuch der Anne Frank gemacht“. Die SchülerInnen fordern von den PädagogInnen mehr Wissen durch Weiterbildung und die Bereitschaft zur engagierten Aufarbeitung der Geschichte.

Laut Schedl wurde die Geschichte der Psychiatrie nach 1945 nie aufgearbeitet. Dies zeigt auch das Ergebnis der gemeinderätlichen Untersuchungskommission: Im Otto-Wagner-Spital gibt es massive bauliche und personelle Mängel. So wurden 20 % der Kinder nicht in der Kinderpsychiatrie, sondern auf Erwachsenenstationen untergebracht. Monatelang warteten die Patienten alleine auf Gutachten. Es werden noch immer Netzbetten eingesetzt. PatientInnen sollen stundenlang sogar derart fixiert in ihren eigenen Exkrementen gelegen haben.

Die Klasse der Caritas-Schule kritisierte in der Diskussion den heutigen „schlampigen Umgang mit der Geschichte, wie er sogar im Parlament praktiziert wird“. Sie laden daher den Dritten Nationalratspräsidenten Martin Graf ein, doch mit ihnen gemeinsam die Ausstellung am Spiegelgrund zu besuchen.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2009)