Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

„Sie kommen nicht mehr zur Welt“

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
  • Drucken

Franz-Joseph Huainigg, Behindertensprecher der ÖVP, begleitete eine Schulklasse in die Ausstellung „Der Krieg gegen die Minderwertigen“ im Otto-Wagner-Spital.

WIEN.Oft braucht es einen Anlass wie den Skandal um die abgebrochene Schulführung in Auschwitz, um Dinge zu tun, die man schon längst vorhatte. Bereits 2005 wurde im jetzigen Otto-Wagner-Spital die Ausstellung „Der Krieg gegen die Minderwertigen“ eröffnet, die sich kritisch mit der Vergangenheit des Spitals am Spiegelgrund auseinandersetzt. Mein Plan stand fest, ich wollte mit einer Schulklasse die Ausstellung besuchen, um die heutige Auseinandersetzung von Jugendlichen mit den NS-Geschehnissen auf der Kinderpsychiatrie wahrzunehmen. Doch leichter gesagt als getan. Ein erster Anruf im Spital schockiert: „Mit dem Elektrorollstuhl kommen Sie nicht über die Stufen“, meinte die sachliche Damenstimme. Das konnte doch wohl nicht sein? Tatsächlich bekam ich eine Stunde später einen Rückruf, man hatte den barrierefreien Lift entdeckt. Ein schaler Nachgeschmack blieb: Hat demnach noch kein Rollstuhlfahrer die Ausstellung besucht?

 

800 Kinder getötet

„Der Anfang des 20. Jahrhunderts war geprägt von der wissenschaftlichen Ideologie, dass sich, aufbauend auf die Lehren von Darwin, der menschliche Gencode zunehmend verschlechtert“, erklärte der Historiker Michael Schedl den 23 SchülerInnen der Caritas-Fachschule für Sozialberufe und fragte die 18-Jährigen nach dem Warum. „Globalisierung, Vermischung der Rassen und Verheizung der Starken an der Front. Übrig bleiben die Schwachen“, kommen die Antworten der zukünftigen BehindertenpädagogInnen. Mit Kriegsbeginn begann daher gleichzeitig die Auslese der „Minderwertigen“, die systematisch einem „Gnadentod“ zugeführt wurden. Das Spital mutierte nach dem Anschluss Österreichs zum Wiener Zentrum der nationalsozialistischen Tötungsmedizin, in dem rund 800 kranke oder behinderte Kinder und Jugendliche umgebracht worden sind. Bei diesen Ausführungen läuft mir ein kalter Schauer über meinen wortwörtlichen Buckel. Klein, schief gewachsen, mit gelähmten Beinen wäre ich zur damaligen Zeit wohl auch als minderwertig im Spital „behandelt“ worden.

Mein Leben entschied sich vor drei Jahren ebenfalls im Otto-Wagner-Spital. Die Lähmung war hochgestiegen, beeinträchtigte die Lungenmuskulatur, und ich war dem Erstickungstod sehr nahe. Doch ich wollte weiterleben, was man mir durch eine künstliche Beatmung ermöglichte. Ich lernte den Alltag mit dem Beatmungsgerät kennen und führe seither ein integriertes Leben mit hoher Qualität. Vielleicht ist dies das sprichwörtliche Glück des Spätgeborenen.

Michael Schedl erzählte von einem Zeitzeugen im Rollstuhl, der von seinem Kinderarzt damals nicht gemeldet worden war. Es gab auch damals Zivilcourage. Der Spiegelgrund wurde im Rahmen des groß angelegten geheimen Euthanasieprogramms des NS-Regimes T4 zur Auslesestation für „minderwertige“ behinderte Kinder. Die Berliner Behörde entschied zumeist aufgrund der Gutachter des Spiegelgrundes wie Professor Heinrich Gross. Kam von Berlin das Okay, wurden die behinderten Kinder durch Nahrungsentzug körperlich geschwächt und die dadurch zunehmenden Infektionskrankheiten nicht behandelt. Zudem wurden viele Kinder nach Schloss Hartheim deportiert. Zwischen 1940 und 1944 wurden in Schloss Hartheim im Rahmen des T4-Programmes rund 30.000 Menschen in der Gaskammer ermordet und verbrannt.

2007 besuchte ich (es war meine erste Reise mit Beatmungsgerät) Schloss Hartheim. Das Todesschloss mitten in der idyllischen oberösterreichischen Landschaft wirkte auf mich sehr bedrückend. Behinderte Menschen aus dem ganzen Reich wurden herantransportiert. Es gab jedoch kein Pflegepersonal. Der Weg führte über eine große Umkleidekabine direkt in die Gaskammer. Barrierefrei rollte ich dort hinein und war froh, wieder hinausrollen zu können.

 

Späte Aufarbeitung

Die Geschichte des Zeitzeugen Friedrich Zawrel kennen die SchülerInnen aufgrund einer persönlichen Begegnung mit ihm in der Schule. Er war gleich zweimal Opfer des NS-Doktors Heinrich Gross: zuerst als Kind am Spiegelgrund; 1975 stand er Prof. Gross wieder gegenüber. Als Zawrel durchblicken ließ, dass er ihn wieder erkannt hatte, brachte ihn Gross durch ein Gutachten erneut in eine geschlossene Anstalt. Dabei berief sich Gross ungeniert auf die NS-Diagnose von einst. Die Rehabilitierung von Gross und seine Karriere in der zweiten Republik als geachteter medizinischer Gerichtsgutachter zählen zur jüngsten Geschichte, die am Otto-Wagner-Spital aufgearbeitet wird. 2002 durchforstete eine Kommission das Spital, sicherte NS-Präparate von Kindern, 2003 wurde ihm das Ehrenkreuz für Wissenschaft in einer Ministerratssitzung aberkannt. 2005 starb Gross, ohne jemals verurteilt worden zu sein.

„Was hat man davon, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen?“, fragte am Ende der Führung der Lehrer Josef Fraunbaum. „Na ja, früher sind die Behinderten umgebracht worden, heute kommen sie gar nicht mehr zur Welt“, meinte ein Schüler. Fraunbaum nickte: „Behinderte Embryos dürfen über die Fristenlösung hinaus bis zur Geburt abgetrieben werden.“ Schedl erläutert die Details: „Der Embryo wird durch einen Herzstich bereits im Mutterleib getötet, denn ab der 20. Schwangerschaftswoche ist er überlebensfähig. Das wird sogar eugenische Indikation genannt.“ Den SchülerInnen ist das nicht fremd. So ergänzt eine Schülerin: „Es kommen kaum mehr Kinder mit Downsyndrom zur Welt, hier geht eine Bereicherung verloren.“ Fraunbaum: „Es müssen zuerst die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit behinderte Kinder zur Welt kommen können.“ Hier sehe ich mich gefordert zu widersprechen: „Stimmt, es braucht bessere Rahmenbedingungen für behinderte Menschen. Aber es braucht zunächst behinderte Menschen, damit sich die Welt in Richtung Gleichstellung und Gleichwertigkeit verändert.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2009)