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Verbrannte Klimtbilder: Das Puzzle von Immendorf

Gardasee
Gardasee(c) Gustav Klimt / Imagno / pictured (Gustav Klimt)

Auf Schloss Immendorf in Niederösterreich soll am letzten Kriegstag das Hauptwerk von Gustav Klimt verbrannt sein. Das galt als gesichert. Ist es aber nicht. Der Fall der Klimt-Sammlung von August und Serena Lederer muss neu eröffnet werden.

Es ist ironisch, wenn nicht orakelhaft, dass gerade Gustav Klimts „Jurisprudenz“ beim Brand vonSchloss Immendorf im Mai 1945 zerstört worden sein soll – ist doch das Thema des Bildes Gerechtigkeit und wurde doch gerade seine „Vernichtung“ nie bewiesen. Es gibt weitere Ironien: Während der Nazi-Ära wurde das Bild aus dem Besitz von Serena Lederer beschlagnahmt und von Baldur von Schirach durch Zwangsverkauf erworben. Erich Lederer, der rechtmäßige Besitzer von „Jurisprudenz“, wurde später 45 Jahre lang in juristische Streitereien mit dem österreichischen Staat verwickelt. Lederer wäre entrüstet gewesen, aber er könnte für die Figur im Vordergrund der „Jurisprudenz“ gehalten werden – ein Mann, umschlungen von einem Biest, belagert von Allegorien des Neids. Die „Gerechtigkeit“ ist noch in einiger Entfernung, kommt spät und ein wenig frostig. Klimts Botschaft ist klar: Verspätete Gerechtigkeit ist verwehrte Gerechtigkeit.

Das war der Fall bei Erich Lederers Rückforderung des „Beethovenfrieses“. Einen anderen Vorfall, die Lederer-Klimt-Sammlung betreffend, wollen wir hier rekonstruieren. Während des Kriegs, von April 1943 bis 8./11. Mai 1945 soll in Schloss Immendorf das Herz der Lederer-Klimt-Sammlung gelagert worden sein. Dann fing das Schloss durch einen Zeitzünder Feuer, worauf auch die Sammlung zerstört worden sein soll. Ziel dieses Artikels ist es zu zeigen, dass dies mehr eine offene Frage als ein abgeschlossener Fall ist.

Warum aber sollten wir uns überhaupt um die Lederer-Klimt-Sammlung kümmern? Schlicht, weil sie wertvolles nationales Erbe Österreichs enthält. Sie verdient dieselbe Aufmerksamkeit und Dokumentation, wie sie französische und holländische Sammlungen in dem Buch „The Rape of Europa“ von Lynn H. Nicholas erhielten.

Dazu habe ich die Methode der Tabula rasa gewählt und nur originale Daten als Basis für die Rekonstruktion verwendet. Ich habe „die Tafel gelöscht“, weil die offizielle Geschichte dieses Vorfalls nicht zuverlässig ist. Warum? Zu Beginn: Klimt-Spezialisten schreiben von 13 Klimt-Gemälden der Lederer-Sammlung, die im März 1943 nach Immendorf transportiert wurden. Es wurden aber zehn, nicht 13 dorthin gebracht. „Prozession der Toten“ (1903), „Malcesine am Gardasee“ (1913) und „Gastein“ (1917) gelangten nicht nach Immendorf. Nach jetzigem Forschungsstand müssen wir fragen: Wo sind die Dokumente, die dieses Missing Link erklären? Wenn es kein Missing Link gibt – was passierte mit diesen Bildern? Und warum hat es 70 Jahre gebraucht, bis Klimt-Forscher dieser Ungereimtheit nachgehen?


Wir können das Puzzle mit Stücken des Hintergrunds beginnen. August und Serena Lederer sowie ihre Kinder Elisabeth, Erich und Fritz bewohnten die Beletage wie auch ein Apartment im Mezzanin in der Bartensteingasse 8. Die Klimt-Galerien waren in derBeletage in zwei Salons, in denen groß die „Philosophie“ präsentiert wurde. Vom Denkmalamt wurde die Lederer-Sammlung als Sehenswürdigkeit eingeschätzt. 1937 besaß Serena Lederer zwischen 17 und 20 Klimt-Gemälde, darunter zwei Fakultätsbilder („Philosophie“ und „Jurisprudenz“), den „Beethovenfries“, fünf bis sieben Landschaften, sechs, sieben figurative Bilder, vier Familienporträts, 600 bis 700 Zeichnungen und eine seltene Klimt-Skulptur („Sphinx“).

Die Zeit vom „Anschluss“ bis zur Klimt-Retrospektive 1943 hält noch mehr Puzzlestücke bereit. März 1938 bis April 1939 war apokalyptisch für die Lederers. Im März 1938 plünderte die Gestapo ihre Wohnung, entwendete 1400 Zeichnungen. Danach versuchte Serena Lederer vergeblich, die von den Nazis verpflichtend vorgesehene Registrierung jüdischen Vermögens zu umgehen. Aber im März 1939 wurde alles konfisziert. Im April 1939 verließ sie die Beletage, woraufhin diese versiegelt wurde. Von April bis Dezember wohnte sie im Hotel Sacher, dann floh sie nach Ungarn. Elisabeth Bachofen-Echt (geb. Lederer) blieb in Wien. Erich floh erst nach Ungarn, dann in die Schweiz. Während dieses Umbruchs war Serena Lederers Anwalt Erich Führer – eine Nazi-Schlüsselfigur und Architekt der Strategie, den Raub des Lederer-Vermögens zu legitimieren.

Von 1939 bis 1942 erstellten Archivisten von der Zentralstelle für Denkmalschutz eine Inventarliste und mit ihr übereinstimmende „Aquirierungs“-Karten der Lederer-Sammlung. Jedes Gemälde war mit einer Nummer bezeichnet, derselben auf der Liste wie auf den Karten, die Bilder wurden fotografiert. Diese Quellen dokumentieren zehn Klimt-Gemälde mit den Nummern 102 bis 111 (ausgenommen „Beethovenfries“). Vor 1938 waren aber 17 bis 20 in der Sammlung. Ein Teil dieser Ungereimtheit ist dem Ausschluss der vier Familienporträts geschuldet. Die Bilder der offiziellen Liste (zehn) und der Familien (vier) wären aber 14, nicht 17 bis 20. So blieben zumindest drei Bilder ungezählt, eines davon könnte „Apfelbaum II“ sein. Zurzeit prüft die Provenienz-Kommission den Fall „Apfelbaum II“, der 2001 vermutlich irrtümlich an die Erben nach Stiasny, nicht an die nach Lederer restituiert wurde.

Im späten Jänner 1943 wurden die zehn Bilder von der Bartensteingasse in die Secession für Baldur von Schirachs Klimt-Retrospektive transportiert. Danach, am 4. März 1943, wurden sie ins Institut für Denkmalpflege gebracht, wo Restaurator Emmerich Bergthold sie für den Transport nach Immendorf vorbereitete. Laut seinen Aufzeichnungen wurden „Philosophie“ und „Jurisprudenz“ von ihren Rahmen genommen und aufgerollt. Er betonte, dass sie aufgrund ihrer Größe (430 x 300 Zentimeter) nicht lange so bleiben sollten. Spätestens am 22. März 1943 wurden die zehn Gemälde von Bartz-Transporte auf einen Lkw geladen. Die Reise der zehn berühmten Lederer-Klimts nach Immendorf begann. Innerhalb eines Jahres erwarb Schirach „Philosophie“ und „Jurisprudenz“ mit ministeriellen Mitteln über Erich Führer von Elisabeth Bachofen-Echt.


Schloss Immendorf hat eine zentrale Position in unserem Puzzle. Der Besitzer war Baron Rudolf von Freudenthal. Er hatte fünf Kinder: Adelheid (1921–2011) war das älteste, Johannes (geboren 1934) das jüngste. Baron Freudenthals politische Zugehörigkeit war während der Nazi-Ära ambivalent; er war kein enthusiastischer Nazi, aber ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter bearbeiteten sein Land, wie eine der Arbeiterinnen, Anna Lenji, in einem Interview erzählte. Ausgewählt wurde sein Schloss, weil es den vom Denkmalamt aufgestellten Kriterien für Kunstdepots entsprach: Es war strategisch unwichtig, es gab keine Industrie oderBahngleise in der Nähe, es lag innerhalb 80 Kilometer von Wien, und es war mit Feuerlöschern ausgestattet.

Am 3. April 1943 kam die Lederer-Klimt-Sammlung an. Die Bilder wurden in die Beletage gebracht, in Salons ohne spezielle Türschlösser, sie wurden an die Wände gelehnt. Johannes Freudenthal sagte kürzlich in einem Interview, er habe Klimts „Goldenen Apfelbaum“ gesehen, aber weder er noch Adelheid erwähnten je die kolossalen Fakultätsbilder, die ausgerollt und aufgespannt gewesen sein mussten. Zwischen Mai 1943 und Mai 1945 gab es Transporte von Schloss Immendorf zu anderen Kunstdepots in Niederösterreich. Ein Beispiel nur: Am 29. September 1943 wurde die Lanckoronski-Sammlung von Immendorf nach Schloss Thürnthal gebracht, von wo es systematische Überführungen nach Altaussee gab.

Bis in den späten März 1945 wurde es auf Schloss Immendorf immer chaotischer: SS-Einheiten wurden einquartiert, es gab russische Luftangriffe und eine Triage für Verwundete im Hof des Schlosses, wie Adelheid Freudenthal erzählte. Bis ungefähr 20. April hatten alle Freudenthals das Schloss verlassen, laut Adelheid.

In der Nacht des 7. Mai 1945 „wusste jeder, dass der Krieg vorbei war“, schrieb dann der Immendorfer Pfarrer in der Kirchenchronik, „jeder floh in den Westen, das Militär, die Nazis, die Nazi-Gruppenführer“. Am 8. Mai 1945 waren nur noch „ein paar Soldaten zu sehen, und zu Mittag flohen auch sie“. Die „Rote Armee kam im Schloss um 14.30 Uhr an, etwa zwei Stunden später begann es zu brennen. Die Deutschen hatten das Feuer verschuldet, es brannte mehrere Tage, es gab viel Plünderung“, so der Pfarrer. Später trug er ein, dass Freudenthal am 26. Mai „aus Weinern zurückkam“. Schloss Weinern war eines der Depots des Belvedere, wo auch Klimts „Adele Bloch-Bauer II“ gelagert war.

Über ein Jahr später verfasste die lokale Polizei einen Bericht über den Brand, in dem stand, dass in der Nacht auf 8. Mai 1945 eine SS-Einheit der Division „Feldherrnhalle“ Orgien im Schloss feierte und dem Baron befahl,das Schloss zu verlassen. Die SS zog sich am nächsten Tag zurück, um 15 Uhr fuhr die Rote Armee beim Schloss vor. Drei Stunden später löste ein Zeitzünder eine Explosion aus, worauf es zu brennen begann.

Unsere Forschung widerspricht diesem Bericht. Freudenthal hatte das Schloss schon am oder um den 20. April verlassen. Für Manfried Rauchensteiner, ehemaligen Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums Wien, ist der Bericht ebenfalls rätselhaft, vor allem hätten die Russen in drei Stunden eine Sprengladung wohl nicht übersehen. Auch ein anderer Militärexperte, Philipp Lesiak (Boltzmann Institut), findet den Bericht problematisch, „Zeitschaltuhren wären zu sophisticated für die letzten Minuten des Kriegsgewesen“. Auch dass Hitlers Nero-Edikt vom 19. März 1945 in Immendorf angewendet wurde, ist unwahrscheinlich. Nach dem Militärexperten Andreas Thalhammer besagte das Edikt, dem Feind alles von strategischem Nutzen zu nehmen. Die Kriterien des Nero-Edikts widersprachen also denen für Kunstdepots, festgelegt vom Denkmalamt.


Der Fall Immendorf sollte also eröffnet werden. Mindestens drei Gemälde der Sammlung scheinen nicht dokumentiert zu sein, und drei Gemälde, die in der Forschung als zerstört in Immendorf genannt werden, wurden nie dorthin gebracht. Aufgrund des militärischen Kontexts wie auch aufgrund von Baldur von Schirachs Erwerb von „Philosophie“ und „Jurisprudenz“ ist es unwahrscheinlich, dass die zehn Klimt-Gemälde zerstört wurden. Sie könnten in ein anderes Depot gebracht worden sein; deutsches oder russisches Militär könnten sie genommen haben, und Freudenthal wäre in der Position gewesen, Kunstwerke nach Schloss Weinern zu bringen. Wenn die Lederer-Klimt-Sammlung also zerstört worden ist, dann bitte um Puzzleteile, die das beweisen! ■


Aus dem Englischen von Almuth Spiegler.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.12.2015)