Ein eigenes Museum für das Lichtbild?

BRYAN ADAMS / COELN
BRYAN ADAMS / COELN(c) APA/GEORG HOCHMUTH
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„Fotofürst“ Peter Coeln ist mit Minister Ostermayer im Gespräch über ein Fotomuseum in Wien. Immer mehr junge Leute interessieren sich schließlich für die Fotografie. Am umfassenden Museumsgedanken gibt es aber auch Kritik.

Wie lange ist es her, dass Gerald Matt, damals Direktor der Wiener Kunsthalle, ein Museum der Fotografie im Museumsquartier gefordert hat? Acht Jahre? Zehn Jahre? Nicht einmal er weiß es mehr so genau, ist auch egal, sagt er, zweimal aber habe er in seiner Amtszeit die Debatte vergeblich geführt, alle Protagonisten versammelt, mit der Politik Gespräche aufgenommen. Jetzt versucht es der Nächste, Peter Coeln, der „Fotofürst“ Österreichs, wie Kulturminister Josef Ostermayer ihn in einem Bericht der „Zeit“ genannt hat. Immerhin, es klingt nach einem Anfang.

Der politische Wille zur Schaffung neuer Institutionen im Kulturbereich schwächelt zwar ziemlich (Budget ist immer nur eine Ausrede). Aber noch nie war ein Minister für diesen Bereich, zuständig, der persönlich so von dem Medium Fotografie begeistert ist wie Josef Ostermayer – er soll selbst Fotografiebände sammeln, vielleicht trifft man ihn ja nächstes Jahr in der Ankerbrotfabrik bei Europas größtem Fotobuch-Festival, organisiert von der Fotogalerie Anzenberger und dem Ostlicht des Peter Coeln.

Coeln ist tatsächlich ein Phänomen. Rund um seine Fotografiegalerien in der Wiener Westbahnstraße (Westlicht) und in der Ankerbrotfabrik (Ostlicht) formiert sich die heimische Fotografieszene, lauter kleine Hubs, also lokal verankerte Knotenpunkte einer kreativen Szene. Im Ostlicht ist die zeitgenössische Fotografie zu Hause, manchmal durchaus auch mit Starfaktor, wie zuletzt die Präsentation von Lenny Kravitz als Fotografen: Da stürmt die Jugend natürlich das Gelände. Aber auch bei der historischen Fotografie im Westlicht ist der Altersdurchschnitt enorm niedrig, ist Coeln stolz. Um die 25 Jahre alt ist der durchschnittliche Besucher hier. Bei der „World Press Photo“-Ausstellung, also der Wanderschau der weltbesten Pressefotos, ist er sogar noch jünger. Und noch begeisterter: In den letzten Tagen der Ausstellung gibt es jedes Mal eine Schlange vor der Tür, die sogar bis um die Ecke reichen kann – New York lässt grüßen.

Und das für eine Galerie in einem Hinterhof im siebten Wiener Bezirk. Manchmal glaubt selbst Coeln nicht an diesen Erfolg. Diese Stellung, samt ministeriellem Wohlwollen, muss man natürlich nutzen. Also regte jetzt auch Coeln ein Wiener Museum für Fotografie an.

Erfindung der Leica veränderte alles

Wir treffen den ehemaligen Fotografen, 1954 in Linz geboren, im Westlicht, gleich neben einem der Leica-Shops, 1991 hat er den ersten in Wien eröffnet. Voriges Jahr übernahm der Wetzlar'sche Kamerahersteller selbst mit 75 Prozent Coelns kleines Wiener Foto-Imperium, zwei Shops sowie das weltgrößte Auktionshaus für (historische) Kameras, Westlicht genannt – wie die Galerie, die Coeln mit der Ostlicht-Dependance weiterhin selbst betreibt, zurzeit mit der ersten beide Orte übergreifend bespielenden Ausstellung zum 100-Jahr-Jubiläum der Leica, das 2014 begangen wurde. Diese erste Leicht- und Kleinbildkamera hat die Fotografie dramatisch verändert. Sie wurde etwa schnell und spontan die ideale Gefährtin für alle Magnum-Fotografen. Einen ähnlichen Sprung machte die Fotografie davor nur einmal, als in Wien das erste Porträtobjektiv erfunden wurde (siehe nebenstehenden Artikel).

Eine tolle Ausstellung, quer durch die Geschichte, die im Ostlicht im Heute endet. So etwas könnte man sich durchaus in einem Fotografiemuseum vorstellen. „Ich habe durchwegs positives Feedback auf meinen Vorschlag bekommen“, sagt Coeln. Es werde auch wieder einen Termin mit Ostermayer geben. Auf Anfrage im Ministerium hört man zumindest von einem „langfristigen Projekt“.

Der Ort eines solchen Museums sollte natürlich zentral sein, meint Coeln, das forderte auch schon Matt. In beiden Visionen sollten auch alle staatlichen fotohistorischen Sammlungen hier zusammengefasst werden, darunter die des Bundes, der ehemaligen Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt (jetzt als Leihgabe in der Albertina), der Nationalbibliothek, des Technischen und des Heeresgeschichtlichen Museums. Das wäre dann „die geballte Kraft der Fotografie seit 1839“, so Coeln. Auch seine Sammlung würde er einbringen, die vor allem die klassische Moderne bis zu den Zeitgenossen umfasst. Ein derartiges Museum wäre jedenfalls auch international ein „klares Statement“ Österreichs für den Stellenwert der Fotografie, der schließlich in den letzten zehn, 15 Jahren weltweit rasant zugenommen habe. Coeln muss es wissen, und er merkt es am Interesse für Ausstellungen und Auktionen.

Fotografie-Ausbildung leidet in Wien

Kein Wunder eigentlich: Seit praktisch in jedes Mobiltelefon eingebaut, ist das Medium allgegenwärtig, wenn nicht eine Sucht. Verständnis für die (Sozial-)Geschichte der Fotografie wird allerdings nicht mitgeliefert in der Gebrauchsanleitung des Smartphones. So war die Fotografie schon, man glaubt es kaum, in der Zwischenkriegszeit das beliebteste Hobby überhaupt, jeder Haushalt, so Coeln, besaß damals zwei, drei Kameras. In Österreich gebe es heute jedenfalls noch Nachholbedarf im Bewusstsein für Fotografie. Durch die digitale Fotoschwemme, meint Coeln, werde auch das ästhetische Bewusstsein für ein Bild geschwächt.

Dabei war Wien historisch durchaus ein Zentrum für Fotografie, die Graphische etwa war die zweitälteste Fotografieschule der Welt (ihr erstes Gebäude lag übrigens genau gegenüber des Westlicht). Heute sieht Coeln die grundlegende Ausbildung oft vernachlässigt. Ausnahmen sind da die private Fotoschule von Friedl Kubelka, aber auch die Fotografieklasse von Gabriele Rothemann auf der Angewandten.

Es ist schwierig. In den letzten Jahren sind zwar einschlägige Institutionen entstanden – Fotogalerien, Kamerageschäfte, Festivals wie der Monat der Fotografie. Die profunde Sammlerschaft hat sich aber nicht vervielfältigt. So hat Wiens längstgedienter Galerist für klassische Fotografie, Johannes Faber, sein ambitioniertes Innenstadtgeschäft in der Dorotheergasse mittlerweile wieder geschlossen. Die Albertina hat der prominenten Fotosammlung der Graphischen im Haus dafür immerhin einen eigenen, fixen Raum zugesprochen, die Säulenhalle. Die ehemalige Albertina-Fotografie-Kuratorin Monika Faber ist mit der von ihr geleiteten Stiftung Photoinstitut Bonartes in der Innenstadt ebenfalls bereits eine Institution für historische mitteleuropäische Fotografie.

Fotografie zu breit für einziges Museum

Sie sieht die Idee eines österreichischen Fotomuseums übrigens durchaus kritisch. Erstens könne Fotografie aus konservatorischen Gründen nicht dauerhaft ausgestellt werden, „die Fotogeschichte als ständigen Parcours auszustellen ist gar nicht möglich“, es müsste monatlich gewechselt werden. Außerdem bedeute eine größere Quantität an Fotografien, also die Zusammenführung aller Sammlungen, noch lange nicht eine größere Qualität, so Faber. „Die Sammlungen sind an den unterschiedlichen Plätzen durchaus gut aufgehoben.“ Es stimme allerdings, dass diese einzelnen Institutionen nichts wirklich Attraktives daraus machten, die Albertina gehe da im Vergleich noch den besten Weg, so Faber. Coeln schätze sie sehr, er sei sicher der aktivste Fotoexperte in Wien.

Für ein einziges Museum sei die Fotografie Fabers Meinung nach aber gar nicht gemacht, es gebe einfach zu viele Ausrichtungen und Kategorien – Mode, Presse, Wissenschaft, Kunst etc. „Das wäre wie ein Museum für alle Gegenstände aus Metall.“ Und dann auch noch international! Man müsse sich konzentrieren, sagt Faber, sonst verliere man an Bedeutung. Der Trend gehe sowieso in Richtung Wechselausstellung, siehe etwa das Victoria and Albert Museum in London, das seine Dauerausstellung zur Fotografie auf nur mehr eineinhalb Räume geschrumpft habe. Und Wechselausstellungen, die mache Coeln doch jetzt schon wunderbar.

„Augen auf! 100 Jahre Leica“, „Teil I – Die Klassiker“, bis 21.2., Westlicht, Westbahnstr. 40, 1070 Wien; „Teil II – Die Zeitgenossen“, bis 13. 2., Ostlicht, Absbergg. 27, 1100 Wien, www.westlicht.at und www.ostlicht.at

„Gerahmtes Gedächtnis“, wie man Fotografie im 19. Jahrhundert präsentierte, bis 5. 2. 2016, Photoinstitut Bonartes, Seilerstätte 22, 1010 Wien

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.12.2015)

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