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Teheran zwischen Todesangst und Wut: „Ich will so nicht mehr leben“

Unruhen in Teheran
(c) REUTERS (Stringer/iran)
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Die Menschen sind entschlossen, weiter zu demonstrieren. Doch täglich wird es schwieriger. Ein Augenzeugenbericht.

Das Brummen der Basiji-Motorräder erfüllte die Seitenstraßen des Revolutionsplatzes. Tränengas ließ alles nur noch verschwommen erkennen. Viele Krankenwagen wurden neben schwer bewaffneten Sicherheitskräften geparkt. Das sollte abschrecken. Nichts hält aber die wütenden Massen davon ab, sich dem Revolutionsplatz zu nähern. Die Route des kilometerlangen Protestmarsches zwischen Revolutionsplatz und Platz der Freiheit glich einer außer Kontrolle geratenen Militärparade. Sicherheitskräfte aus allen Landesteilen wurden zusammengetrommelt.

„Bewegung, Bewegung, weg von der Straße!“, schrien sie. Mit Gummipeitschen und Schlagstöcken verliehen sie ihren Drohungen Vehemenz. „Hey, ich bin Iranerin wie du, das ist auch meine Straße!“, herrschte Simin einen jungen Soldaten an. Ihre zwei erwachsenen Söhne hielt sie fest an der Hand. „Die kann ich heute nicht alleine lassen, sonst werden sie geprügelt, festgenommen oder – nein ich will gar nicht daran denken.“

Kaum spricht sie den Satz zu Ende, zieht ein Soldat mit gezogener Waffe Simins jüngeren Sohn Bardia aus der Reihe. „Los, an die Wand“, brüllt er, fuchtelt mit der Waffe vor Bardia herum und zielt schließlich auf seine Tasche. „Aufmachen!“ „Ich hatte gerade eine Prüfung an der Uni, das sind meine Bücher.“ Der Soldat lässt ihn gehen. „Verzieh dich!“

 

Aufschrei der Enttäuschten

Rückblende zum Morgen nach der Wahl: Edvard Munchs Bild „Der Schrei“ hätte die Stille in Teherans Straßen nach Verkündung der Wahlergebnisse am ehesten eingefangen. Mit weit aufgerissenen Augen und resignierend gesenkten Häuptern schlichen viele Bewohner der Hauptstadt die Hauswände entlang. Unübersehbares Entsetzen. Niemand hätte damals geahnt, dass Wut die Angst besiegt. Alles Grün der Kampagne von Oppositionsführer Mir Hussein Moussavi ist zusammen mit der Partystimmung in dunklen Farbtönen und unerträglicher Stille untergegangen. Selbst innerhalb schützender Wände waren die Stimmen gedämpft: „Das ist ein Coup d'Etat der Paramilitärs und Kleriker um Ahmadinejad.“

Das ist etwas mehr als eine Woche her, alle warteten auf die Reaktion des geistlichen Führers Ayatollah Khamenei, der mächtigsten Person in der Theokratie. In seiner Fernsehansprache letzten Samstag gratulierte Khamenei Präsident Ahmadinejad zu seiner Wiederwahl. Er sprach von einem gottgegebenen Wunder.

 

Wut über Wahlresultat

Wut über den Ausgang der Wahl, das blaue Wahlwunder, ließ die Menschenmengen auf den Straßen und Plätzen anwachsen. Blind vor Zorn wurden Mülleimer angezündet, Glasfassaden von Regierungsgebäuden und Banken zerschlagen. Basij-Milizen und Polizisten machten Jagd auf Demonstranten. „Ich weiß nicht für wie blöd sie uns halten, aber jetzt reicht es, das war zu viel“, sagt Zahra, eine Persischlehrerin, und hält dabei die Faust geballt. Eine Woche später erneutes Hoffen auf Khamenei. Eine Woche, wie sie die Stadt seit der Revolution vor 30 Jahren nicht mehr gesehen hat.

Seit 1979 war keine Bewegung so stark und sozial gemischt wie jetzt. Umso ernüchternder wirkte Khameneis Rede, in der er zur Ruhe mahnt und Neuwahlen eine Abfuhr erteilt.

 

„Das war eine Kriegsansage“

„Was hätten wir uns von ihm denn erwarten sollen“, bemerkt ein Beobachter resignierend. „Das war eine Kriegsansage“, ist sich Homa, eine junge Grafikdesignerin, sicher. Demonstrieren will sie dennoch, auch wenn sie damit rechnet, dass wieder Menschen sterben. „Ich will so nicht mehr leben. Ich habe nie für dieses System gestimmt“ sagt sie. Sie steht als Sinnbild für einen Großteil der Bevölkerung, von der 70% unter 30 Jahre alt sind.

Beim Sitzstreik an der Universität Teheran kursierten am Samstagvormittag wieder Gerüchte. Moussavi wolle nicht die Verantwortung für die Folgen der illegalen Demonstration tragen. Der Sitzstreik vor der Moschee wird aufgelöst. „Ihr seid hier nicht mehr sicher, sie können jeden Moment kommen, um euch zu prügeln“, warnt eine Studentin.

 

Gerüchteküche Teheran

Gerüchte gewinnen immer mehr an Gewicht in Teheran. Sobald sich vertraute Gesichter treffen, werden neueste Informationen verglichen. „Zwischen den Revolutionsgarden und deren Freiwilligenarm, den Basij-Milizen, soll es seit den Schießereien am Montag Probleme geben, wisst ihr mehr darüber?“ Anscheinend haben die Basiji am Freitagabend versucht, die Häuser der Expräsidenten Rafsanjani und Khatami im Norden der Stadt zu stürmen. Sie wurden aber von den Revolutionsgarden daran gehindert, hat der Student Aram gehört.

Pessimisten treffen auf Optimisten, die Letzteren reden schon von „der anderen Revolution“, wenn sie an 1979 denken, als der Schah gestürzt wurde. „Bei der anderen Revolution gab es mehr Graffitis“, erinnert sich eine ältere Frau bei einem Glas Tee. „Aber damals haben sie auch Flugblätter verteilt“, relativiert ein jüngerer Teetrinker.

Die Internetportale Facebook und Flickr haben die Flugblätter verdrängt. Seit Samstag ist aber kein Zugriff auf Moussavis Internetseite Ghalamnews mehr möglich. Ghalamnews war zentral für die Koordination der Proteste. Einer der Flickr-Fotografen hat eine Klage wegen Spionage am Hals. Satellitenprogramme und Mobilfunknetze funktionieren fast nicht mehr. Mit jedem Tag wird es schwieriger zu kommunizieren.

Ramin, ein Biotechnologiestudent, zeigt sich enttäuscht: „Erinnerst du dich, dass Moussavi seinem Gegenkandidat Karroubi versprochen hat, bis zum Ende durchzuhalten? Ich weiß nicht mehr, ob er sein Versprechen halten wird.“ Moussavi betonte aber am Samstag, er werde den Weg, den er eingeschlagen hat, bis zum Tod weitergehen. Seine Anhänger ruft er im Falle seiner Verhaftung zu einem Generalstreik auf.

 

Panik auf dem Revolutionsplatz

Am Samstag war ein Vorrücken der Demonstranten auf den Revolutionsplatz kaum möglich. Schwarz dominierte die Kundgebung. Der Wechsel der Farben spiegelt die Angst wieder: Während Grün immer noch die Farbe der Bewegung ist, wird Schwarz für die Tage der illegalen Proteste gewählt. Demonstranten, die versuchten, von den Seitenstraßen Richtung Platz vorzudringen, wurden von den Sicherheitskräften mit Wasserwerfern, Schüssen in die Luft, Tränengas und blanker Gewalt zurückgedrängt.

Basiji sprangen von fahrenden Motorrädern, um Passanten und Demonstranten zu prügeln. Verletzte wurden von ihren Freunden gestützt oder weggetragen, ein angeschossener Mann in ein Privathaus in Sicherheit gebracht. Bewohner warfen brennbare Gegenstände aus den Fenstern und öffneten die Garagentore, wenn wieder Panik ausbrach. Menschen suchten im Rauch brennender Mülltonnen Schutz vor Tränengas. Demonstranten lieferten sich schwere Gefechte mit den Sicherheitskräften. Man hörte aber auch Rufe: „Nein, hört auf, mit Steinen zu werfen, lasst die Basij in Ruhe.“

 

Muezzine der Nacht

Der Towhid-Platz im Nordwesten des Revolutionsplatzes fiel eine Zeitlang in die Hände der Demonstranten. Ladenbesitzer verteilten Süßigkeiten. Die Panik verwandelte sich in Ausgelassenheit, wenn auch nur kurz.

Der Schlachtruf der Bewegung bleibt unverändert: „Allahu Akbar“. Jede Seite beansprucht Gott für sich. Die Demonstranten widersetzen sich aber dem religiösen Führer, der de facto Gottes Stellvertreter im Iran ist. Das kommt der Blasphemie gefährlich nahe.

Am Abend hallte es wieder von den Dächern. Am Abend ist die Stimmung am Höhepunkt. Am Samstag in der Nacht waren die Rufe lauter, zorniger. „Allahu Akbar“, „Tod dem Diktator“, „Fürchte dich nicht, fürchte dich nicht, wir sind alle zusammen“ – das ist der nächtliche Weckruf der Iraner. Am Sonntagmorgen war wieder alles schwarz. Still weinten Menschen vor den Polizeistationen.

Die Autorin ist Österreicherin und studiert in Teheran. Aus Sicherheitsgründen nennen wir ihren Name nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2009)