Adam Małysz: "Ich bin ein richtiger Adrenalin-Junkie"

POL, FIS Weltcup Ski Sprung, Wisla
POL, FIS Weltcup Ski Sprung, WislaNewspix / EXPA / picturedesk.com
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Ob Dakar-Rallye, Schanzen oder Skiflugrekorde – der Pole Adam Małysz liebt es schnell und spektakulär. Er nennt Ziele, sieht Mythen, lobt Schlierenzauer – und den Schnauzbart trägt er weiterhin.

Viele Skifahrer und auch Skispringer wechseln nach dem Karriereende in den Motorsport. Ist es das unstillbare Verlangen nach Adrenalin, Speed, der Gefahr?

Adam Małysz: Vielleicht ist alles verbunden mit dem Begriff der Herausforderung, die jeden in seiner Karriere angetrieben hat. Wer kann schon aufhören, es fällt jedem schwer ab dem Tag X plötzlich etwas anderes tun zu müssen. Ich kann ja auch nicht nur ruhig daheim sitzen. Ich hasse das Nichtstun. Ich liebe aber Autos, ich hatte einen Allrad-Jeep, mit dem ich viel unterwegs war in meiner Freizeit. Und als dann das Angebot kam, bei Rallyes mitzufahren, konnte ich mir das sofort gut vorstellen.

Wie äußerst sich für Sie die Faszination, schnell zu fahren?

Um ehrlich zu sein: Ich bin ein richtiger Adrenalin-Junkie! Bei Cross-Rallyes geht es ja nicht nur um das Schnellfahren, es ist querfeldein. Sanddünen, Wüste, Steine, lange Etappen, es ist eine persönliche, eine mentale Challenge. Andere Serien interessieren mich nicht, und das ist dann wohl auch die Faszination.

Sie bestreiten erneut die Dakar-Rallye . . .

. . . und dieses Rennen ist wirklich magisch. Ich weiß, worauf Sie hinaus wollen. Die Dakar ist einfach legendär! Das sind Kindheitsträume, die tatsächlich in Erfüllung gehen. Und wer ins Ziel kommt, ist doch zu Recht auch von Stolz erfüllt. Mythos, Geschichten – da passiert so viel, das kann man gar nicht beschreiben.

Aber Sie müssen sich ja ein Ziel gesetzt haben? Ankommen ist doch beim fünften Antreten nicht mehr genug, oder?

In diesem Anlauf will ich in die Top 10 fahren. Seit meinem Debüt 2012 mache ich Fortschritte, im Frühjahr 2015 ist mein Auto ausgebrannt auf der zweiten Prüfung. Ich habe aber ein Niveau erreicht, auf dem man nicht mehr nur ans Ankommen denkt, sondern auch an ein gutes Resultat. Und ja, irgendwann würde ich auch gerne die Dakar gewinnen. Aber das dauert noch, es bleibt vorerst ein Traum.

Sie fahren einen X-raid-Mini. Warum?

Ich schwöre auf Mini. Einer der Gründe ist auch, dass meine Sponsoren nach dem Feuerunfall etwas Sicheres wollten. Ein Auto, dem man vertrauen kann, das ganze Unternehmen kostet schließlich auch einen Haufen Geld. Mini ist fantastisch, solide, hält viel aus, und ich komme mit dem Wagen gut zurecht.

Was ist denn die hohe Kunst, durch Sanddünen zu fahren? Fragen Sie etwa bei Dakar-Legenden wie Carlos Sainz oder Stéphane Peterhansel nach?

Nein. Durch Sanddünen fährt man langsam. Der Sand kann weich sein, wie gehen Reifen und Motor da ran? 30 bis 40 km/h maximal, das spürst du. Es gibt Fahrer, die haben Angst, sicher. Sie haben dann auch Stress, wenn sie vor einer stehen. Ich habe Respekt vor den Dünen. Sanft anfahren, leicht Gas geben – und wenn man stecken bleibt, aussteigen und schaufeln. That's it!

Wie lange wollen Sie noch bei der Dakar mitfahren, haben Sie auch andere Projekte, oder kennt man in der PS-Szene kein „Ablaufdatum“?

Am Anfang war die Dakar für mich eine große Herausforderung, ein Text. Schaffe ich es, habe ich es drauf – überlebe ich diesen Wahnsinn? Mein Lebensmotto ist, Spaß zu haben, zu machen, worauf ich Lust habe. Ich will aber auch im Auto immer der Beste sein. Ich habe keine Ahnung, wie lange es noch weitergeht. Aber warum denn nicht, es macht mir Spaß.

Haben Sie dieses gefährliche Treiben nie hinterfragt oder sich womöglich zurück an die Schanze gesehnt? Es ist kühler, der Sprung kalkulierbar . . .

Nein, nie! Ich habe es meinem Trainer Hanu Lepistö versprechen müssen, nicht denselben Fehler zu begehen wie manch anderer Skispringer (Anm. Janne Ahonen). Ich habe erreicht, was es in diesem Sport zu erreichen gibt, meine Schanzenkarriere ist vorbei. Ich habe den Abschied nie bereut, er war wohlüberlegt.

Vermissen Sie denn das Skispringen nicht, Ihnen reicht also die Rolle als Zuschauer?

Ich vermisse es nicht, denn ich bin immer noch sehr nah dran. Ich bin oft in Wisla, bei der Schanze und beobachte Training und Bewerbe. Mir gefällt es weiterhin, diese Sprünge zu sehen, ich berate auch das polnische Team und bin diese Saison zudem als Eurosport-Experte unterwegs.

Kamil Stoch ist quasi Ihr Nachfolger, als Olympiasieger sogar noch erfolgreicher. Kann er auch die Tournee gewinnen?

Natürlich! Er hat seine Verletzung aus dem Vorjahr gut überstanden. Der Tourneesieg oder eine Medaille beim Skifliegen fehlt Kamil noch, die will er aber haben, da kenne ich ihn zu gut. Bei der Tournee kommt es auf jeden Sprung an, es sind vier Bewerbe binnen weniger Tage, du brauchst auch mentale Kondition. Aber er kann sicher mit diesem Druck umgehen.

Wer sind denn Ihre Favoriten? Oder gewinnt ein Österreicher zum achten Mal in Serie den Tournee-Klassiker?

Ihr Österreicher gewinnt, weil ihr daheim springt. Ihr kennt die Schanzen, das Drumherum. Aber es ist jetzt noch zu früh für Prognosen und Analysen. Nach dem Auftakt Oberstdorf kann man etwas mehr sagen.

Warum gewinnt Gregor Schlierenzauer kein Weltcupspringen mehr und, der Vergleich ist vielleicht heikel bis unfair: Ist er mit 53 Weltcupsiegen denn auch wirklich der beste Skispringer aller Zeiten?

Gregor wird auch älter und älter – und das ist sicherlich einer der Gründe. Technik, Equipment, Regeln, alles hat sich verändert. Es genügt oft schon, dass sich der Anzug oder die Bindung ändert, und schon ist es schwierig bis unmöglich. Aber Gregor ist immer noch unter den besten Springern dabei, er hat dieses „Ding“ noch drauf. Und der beste Skispringer? Der seiner Generation auf jeden Fall. Er ist wirklich einzigartig. Aber ich kann weder ihn noch Kamil Stoch mit denen vergleichen, die vor 20 oder 30 Jahren gesprungen sind. Das waren andere Zeiten, ohne Wind- und Gateregel. Es war ein anderer Sport.

Das klingt, als wären auch Sie mit der neuesten Entwicklung nicht zufrieden. Nicht mehr der Weiteste gewinnt, der Computer und Taktiker krönt den Sieger.

Um ganz ehrlich zu sein: Nein, mir gefällt die Entwicklung, die Skispringen genommen hat, gar nicht. Man versteht den Sport nicht mehr mit Windpunkten. Okay, dadurch gibt es zwar weniger Absagen, nur kennt sich keiner mehr aus. Skispringen war so ein schöner, simpler Sport – und das sollte es auch bleiben! Andererseits, jetzt wiege ich fünfzehn Kilogramm mehr, und meine Frau sagt: ,Endlich siehst du aus wie ein normaler Mensch.‘

Ihr Leben hat sich nach der Karriere verändert, erkennen Sie denn die Menschen noch auf der Straße? Wegen Ihnen waren sie ja in Massen zu allen Schanzen gepilgert.

Ich muss nicht mehr auf mein Gewicht achten wie ein Verrückter! Trotzdem, ich mag weiterhin kein fettes Essen. Ich kann mehr Zeit mit der Familie verbringen, und ja, die Leute erkennen mich schon noch. Beim „Verva Street Racing“, einem Event im Warschauer National Stadion, war mein Stand der meist besuchte. So viele Autogramme und Fotos – doch eines wird schon deutlich. Jüngere Polen wissen nicht mehr alle, dass ich Adam Małysz, der Skispringer, bin. Eine lustige Erkenntnis, auch bei einer Kooperation mit der Polizei wurde sie deutlich. Ich war zu einem Straßensicherheitskurs eingeladen und stieg in einen Bus voll Kinder. Der Sprecher wollte mich nicht vorstellen. ,Den kennt ihr doch alle!‘ Aber ein paar Kinder fragten dann doch, wer der Typ da mit dem Schnauzbart ist . . .

Steckbrief

1977
wird Adam Małysz am 3. Dezember in Wisła, Polen, geboren.

1992
stieg der Dachdecker-Lehrling in den Sport ein. Er begann als Kombinierer, wechselte aber ins Springerlager.

2001
gewann Małysz die Vierschanzentournee, es war der Startschuss seines Höhenfluges.

Vier Goldmedaillen
gewann er von Lahti 2001 bis Sapporo 2007. Der vom finnischen Ex-ÖSV-Coach Hannu Lepistö betreute Athlet siegte bei 39 Springen.

Viermal
gewann Małysz den Gesamtweltcup (2001, 2002, 2003, 2007).

2011
beendete er seine Karriere und stieg ins Rallyeauto ein.

2016
bestreitet der Familienvater ab 2. Jänner seine fünfte Dakar-Rallye. Newspix /EXPA/picturedesk.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2015)

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