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„Carol“: Als Lesben nicht lieben durften

Zwei Frauen, die sich befreien: Cate Blanchett als Carol (r.), Rooney Mara als Therese.
Zwei Frauen, die sich befreien: Cate Blanchett als Carol (r.), Rooney Mara als Therese.(c) Filmladen
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„Salz und sein Preis“. Der Film „Carol“ reißt einen famosen Roman von Patricia Highsmith aus der Vergessenheit. Er bot in den 50ern Unerhörtes: eine lesbische Liebe mit Happy End.

Zwei Frauen, eine große Liebe – und ein ziemlich gutes Ende: Als die US-amerikanische Schriftstellerin Patricia Highsmith 1953 ihren zweiten Roman, „Salz und sein Preis“, veröffentlichte, war so ein Ende äußerst ungewöhnlich. Vier Jahrzehnte später erinnerte sich Highsmith daran: „Was den Leuten an ,Salz und sein Preis‘ gefiel, war, dass es ein Happy End für die beiden Hauptpersonen gab oder zumindest die Chance einer gemeinsamen Zukunft. Bis zu diesem Buch hatten männliche und weibliche Homosexuelle in amerikanischen Romanen für ihre Aberration bezahlen müssen, indem sie sich die Pulsadern aufschnitten, sich im Swimmingpool ertränkten oder sich zur Heterosexualität bekehrten oder einsam, elend und gemieden einer Depression anheimfielen, die der Hölle gleichkam.“

Todd Haynes sehenswerte Verfilmung von „Salz und sein Preis“, die jetzt unter dem Titel „Carol“, in die Kinos gekommen ist, endet im Wesentlichen wie der Roman. Carol, gespielt von einer optisch wie darstellerisch umwerfenden Cate Blanchett, sitzt mit Freunden im Restaurant, nachdem Therese ihr Angebot, zusammenzuleben, ausgeschlagen hat. Therese kommt ins Restaurant, erblickt Carol, Carol sie – Lichtblicke in eine womöglich doch gemeinsame Zukunft.

 

Scham über den „Lesben-Roman“

„Carol“ folgt in vieler Hinsicht treu dem Buch. Es war Highsmith' zweiter Roman, aber als sie ihn schrieb, war sie schon weltberühmt - dank ihrem Romandebüt „Zwei Fremde im Zug“, das Alfred Hitchcock gleich verfilmt hatte. Auch „Salz und sein Preis“ war äußerst erfolgreich, aber wer hinter dem Pseudonym Claire Morgan stand, blieb lange unbekannt. Die an sich mutige Patricia Highsmith hatte panische Angst, jemand könnte herausfinden, dass sie einen „Lesben-Roman“ geschrieben hatte. Als junge Frau hatte sie sich – wie damals viele Homosexuelle – sogar in Psychotherapie begeben, um sich von ihrer lesbischen Neigung zu „befreien“ (erfolglos). Obwohl sie viel von ihrem Roman hielt, wartete sie aus Scham bis in die 1980er-Jahre, bis sie ihre Autorschaft öffentlich zugab.

„Salz und sein Preis“ lässt erahnen, wie schwer es Homosexuelle vor einem halben Jahrhundert sogar im fortgeschrittenen New York hatten. Highsmith schrieb das Buch in der McCarthy-Ära, als das kleinste Zeichen erotischer Zuneigung zwischen zwei Männern oder zwei Frauen in der Öffentlichkeit tabu war. Mit der Liebe der 18-jährigen Therese zur um einiges älteren reichen, damenhaften Carol schrieb sich Patricia Highsmith eine Obsession vom Herzen. So wie Therese arbeitete sie als junge Frau in einem New Yorker Kaufhaus, Bloomingdale's, wo sie Kathleen Senn begegnete, einer sie tief beeindruckenden, um die 35 Jahre alten Blondine im Nerzmantel. Ihr war, schrieb sie später darüber, „sonderbar und schwindelig zumute, fast wie kurz vor einer Ohnmacht, und gleichzeitig euphorisch, als hätte ich eine Vision gehabt“. Ähnlich wie Therese im Roman und im Film schrieb sie ihr eine Karte, bekam allerdings in der Realität keine Antwort. Aber aus ihrer „Vision“ wurde die Romanfigur Carol, in die sie sich beim Schreiben immer heftiger verliebte („Ich will all meine Zeit, alle meine Abende mit ihr verbringen“). Wie eine „Geburt“ fühlte sich für sie das Schreiben dieses Romans an, der ihr persönlichstes Werk ist.

Liebe und Mord liegen in allen Büchern von Patricia Highsmith nah beieinander, und die Todesarten sagen viel über die Gefühle zwischen Opfer und Mörder aus. Nur in „Salz und Preis“ kommt niemand um, die sprachlichen Bilder sind aber immer wieder mörderisch. „Dem Mord recht nahe“ fühlte sich Patricia Highsmith denn auch, als sie einen Tag nach Beendigung der Erstfassung von „Salz und sein Preis“ nach New Jersey fuhr – zum Haus der realen Frau hinter Carol, Kathleen Senn. Sie wollte noch einmal einen Blick auf die Frau werfen, die sie in der Fantasie eineinhalb Jahre beschäftigt hatte. Das gelang ihr nicht, wohl auch, weil sie gar nicht sicher war, ob sie die reale Kathleen sehen wollte; sie fürchtete, dadurch in ihrer Kreativität gehemmt zu werden, ihr Buch zu „ruinieren“.

„Salz und sein Preis“ enthält neben der bei Highsmith fast unerlässlichen Krimi- auch viele grausame Märchenmotive. Und es erinnert, wie die US-amerikanische Highsmith-Biografin Joan Schenkar bemerkt, an einen Skandalroman, der erst drei Jahre später erschienen ist: Nabokovs „Lolita“. Wie Humbert und Lolita fahren auch Therese und Carol mit dem Auto durch halb Amerika – eine Mischung aus Flucht und skandalösen Flitterwochen –, und auch durch ihre Beziehung weht ein Hauch von Pädophilie.

 

Cate Blanchett: wie eine Märchengestalt

Dem Drehbuch zu „Carol“ merkt man an, wie sehr sich die Verfasserin Phyllis Nagy – eine Freundin der 1995 verstorbenen Patricia Highsmith – der Romanvorlage verpflichtet fühlte. „Salz und sein Preis“ ist schwer verfilmbar, weil das Geschehen aus der sehr emotionalen Perspektive von Therese erzählt wird. Sinnigerweise macht der Film aus Therese denn auch eine Fotografin; und es gelingt ihm mit ästhetischen Mitteln, Cate Blanchett bei allem psychologischen Realismus auch ein wenig als Fantasieprodukt, als Märchengestalt erscheinen zu lassen.

„Es würde immer Carol sein, in tausend Städten, tausend Häusern, in fremden Ländern, die sie gemeinsam bereisen würden, im Himmel und in der Hölle“, heißt es am Schluss des Romans, als Therese die geliebte Frau im Restaurant wiedersieht. So verheißungsvoll hat vor „Salz und sein Preis“ noch keine Lesben-Geschichte geendet; und so verheißungsvoll endet auch kein anderes Buch von Patricia Highsmith. Gut, dass dieser Roman durch seine Verfilmung wieder die Aufmerksamkeit bekommt, die er verdient.

Lesetipp: Bei Diogenes ist heuer eine Neuauflage von „Salz und sein Preis“ erschienen sowie die Biografie von Joan Schenkar „Die talentierte Miss Highsmith“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2015)