Elfenbeinküste: Die kleinen Sklaven auf den Kakaoplantagen

Lebensgefährliche Arbeit: Ein Kind schuftet in einer Schmiede in Abidjan, Elfenbeinküste.
Lebensgefährliche Arbeit: Ein Kind schuftet in einer Schmiede in Abidjan, Elfenbeinküste.(c) AFP/ Issouf Sanogo

Im westafrikanischen Staat müssen Kinder oft lebensgefährliche Arbeit auf den Feldern verrichten, um ihren bitterarmen Familien zu helfen. Der Menschenhandel und die Zwangsarbeit blühen. Um Kinderarbeit zu verhindern, müssten mehr Schulen gebaut werden.

Abidjan. Etwa 30 Kinder sitzen dicht gedrängt auf schmalen Holzbänken, Buben und Mädchen. Draußen brennt die Sonne, aber in dem dunklen Klassenraum ist die Hitze erträglich. Auf dem Lehrerpult stapeln sich zerfranste Schulbücher und Aufgabenhefte. Liebe, Toleranz, Freiheit, Vergebung – darüber haben sie an diesem Tag im Unterricht gesprochen. „Werte des Zusammenlebens“, nennt das der Lehrer Stéphane. Schließlich hat die Elfenbeinküste einen Bürgerkrieg hinter sich (2004–2007), der vor fünf Jahren nach der Wahl noch einmal aufflammte. Auch in dieser Region, 120 Kilometer von der Metropole Abidjan entfernt, wurde gekämpft.

Die Volksschule ist der Stolz des Dorfes Tiemokokro, einer chaotischen Ansammlung einfacher Lehmhütten ohne Strom und fließendes Wasser. 250 Kinder aus der Umgebung lernen hier in sechs Klassen die Grundlagen von Rechtschreibung und Rechnen. In den Pausen spielen sie Fußball oder Völkerball mit leeren Plastikdosen. Wer es bis zum Ende der sechsten Klasse schafft und gut ist, kann in der Stadt auf das Gymnasium gehen. Aber das ist schwierig und teuer. Die meisten versuchten deshalb, in einem Ort in der Nähe eine Lehre zu machen, als Mechaniker oder Schneider zum Beispiel, sagt Lehrer Stéphane.

 

Chemikalien in den Augen

Die große Zukunft steht diesen Kindern nicht offen. Schulbesuch und Ausbildung sind keine Garantie dafür, dass sie einmal arbeiten können. Die Jugendarbeitslosigkeit ist extrem hoch. 43 Prozent der Bevölkerung leben ohnehin unter der Armutsgrenze. Joseph N'Guessan, Leiter der Hilfsorganisation Fraternité sans Limites (FSL) in Abidjan, kennt viele Geschichten über zerstörte Kindheit. Etwa die von Koffi, 14 Jahre alt, der seinem Vater auf der Kakaoplantage helfen musste. „Er schleppte Kakaosäcke, die fast 50 Kilo wiegen.“ Eines Tages brach der Bub zusammen. „Die Wirbelsäule war verletzt. Nun ist er querschnittsgelähmt, für immer.“ Oder die eines anderen Buben, dessen Name N'Guessan nicht nennt: Er musste auf Kakaoplantagen giftige Chemikalien sprühen, manchmal band er ein Tuch über seine Nase, manchmal nicht. Nun sieht er nur noch schlecht, und wenn die Sonne scheint, brennen ihm die Augen.

Es sind zwei Schicksale von vielen tausenden, die N'Guessan erzählen könnte. Die Elfenbeinküste ist der größte Kakao-Exporteur der Welt, mehr als 90 Prozent des Kakaos wird auf Farmen von Kleinbauern produziert, die zwischen zwei und fünf Hektar groß sind. Kinderarbeit ist in dieser Branche gang und gäbe. Wie viele Kinder davon in ausbeuterischer Form betroffen sind, weiß keiner. Die Schätzungen liegen bei 250.000 und mehr. Laut dem neuesten UN-Bericht über menschliche Entwicklung arbeiten 26,4 Prozent der Kinder zwischen fünf und 14 Jahren.

„Kinderarbeit hat ihre Wurzeln in der Tradition“, sagt N'Guessan. „Die Armut der Familien trägt dazu bei: Es ist einfacher, eigene Kinder als Arbeitskräfte zu benutzen.“ Bezahlte Mitarbeiter könnten sich viele Familien nicht leisten. Und es gebe zu wenige Schulen. Kinder, die in die Schule gingen, würden weniger schnell Opfer von Ausbeutung. Die Arbeit auf Plantagen ist gefährlich, nicht nur wegen der Chemikalien: Viele Kinder verletzen sich mit der Machete, wenn sie Kakaoschoten vom Baum schlagen müssen. Oder sie werden von Giftschlangen gebissen.

Nicht immer stecke böser Wille der Eltern dahinter, wenn sie ihren Nachwuchs zu gefährlichen Arbeiten zwingen. „Viele wissen nicht, dass es verboten ist und welche Konsequenzen das für die Gesundheit der Kinder hat“, so N'Guessan. Deshalb fahren er und seine Kollegen durch die Dörfer der Kakaobauern und versuchen, die Bewohner mit Trainings und Rollenspielen zu sensibilisieren. Der Platz der Kinder ist in der Schule, betonen sie dann und stellen Schulmaterialien und Tische zur Verfügung.

 

Lukrativer Menschenhandel

Weil Kinder billige Arbeitskräfte sind, blühen Menschenhandel und Zwangsarbeit. So gibt es Fälle von Kindern aus Nachbarländern wie Burkina Faso oder Mali, die mit falschen Versprechungen ins Land gelockt wurden. Präsident Alassane Ouattara versucht, dagegen anzugehen. Eine Kommission wurde gegründet, ein neues Gesetz verabschiedet. Für Kinderarbeit drohen Haftstrafen von bis zu 20 Jahren.

In Tiemokokro ist die Botschaft angekommen. Jedenfalls versichert jeder der Kakaobauern, hier müsse kein Kind arbeiten. Das Dorf schloss sich einer Fairtrade-Kooperative an, Verbot von Kinderarbeit gehört zu den Standards. „Ich konnte nicht in die Schule gehen, es tut mir bis heute leid, dass ich nicht lesen und schreiben kann“, sagt der Dorfweise Kuakou N'Goran, mit 66 Jahren steinalt in einem Land, in dem die Lebenserwartung bei 51,5 Jahren liegt. Und Kinderarbeit? „Seit die Schule gebaut wurde, ist das kein Thema mehr.“