Ökologisch aufgeklärter Artenschutz vollbrachte in England ein kleines Wunder: Der Parasit "Ameisenbläuling" flattert wieder, obwohl er bereits ausgestorben war.
Als britische Naturschützer 1931 bemerkten, dass sich eine Kolonie von Ameisenbläulingen (Maculinea arion) bedrohlich ausdünnte, verdächtigten sie die Üblichen – Schmetterlingssammler – und zäunten das Habitat ein. Daraufhin verschwanden die Geschützten noch rascher, in den 50er-Jahren breitete sich das Phänomen auf die gesamte Insel aus, 1972 waren noch zwei Kolonien mit 325 Individuen da, 1979 keine mehr.
Trotzdem wendete sich ab 1972 das Blatt: Jeremy Thomas (Oxford) nahm an einer der verbliebenen Kolonien Beobachtungen auf, von allem, was sich beobachten lässt, Ortswahl jedes Schmetterlings, Eiablageplätze, Zahl der gelegten Eier, Sterblichkeit der Eier, 18 Parameter, sechs Jahre lang, eine Geduldsprobe, die Thomas mit der von Jane Goodall vergleicht: „So wie andere mit Affen gelebt haben, habe ich mit Insekten gelebt.“
Dabei fiel ihm auf, dass die Bläulinge überall dort weniger wurden, wo das Gras höher wuchs als zuvor. Das Bindeglied liegt in Ameisen bzw. im Lebensstil der Bläulinge: Die legen ihre Eier auf Blätter, dort schlüpfen die Raupen – aber sie fressen nicht die Blätter, sie fallen herab und senden Signaldüfte, die Ameisen anlocken, meistens von der Art Myrmica sabuleti. Die halten die Raupen für ihre eigenen Jungen, tragen sie in ihre unterirdischen Nester und pflegen sie. Die Gäste vergelten es übel, sie fressen die Brut der Ameisen, zehn Monate, dann verpuppen sie sich und fliegen aus.
Zu langes Gras, zu kalte Erde
Für ihre eigene Brut brauchen die Ameisen in ihren Nestern Wärme. Aber die Temperaturen in der Erde sanken, weil das Gras auf der Erde immer länger wurde: Die Hügel, auf denen die seltsame Gemeinschaft hauste, waren für die Bauern uninteressant geworden, sie ließen kein Vieh mehr grasen, zudem fielen wilde Kaninchen Anfang der 50er-Jahre einem Virus zum Opfer. Dann kamen noch die Schmetterlingsschützer mit ihren Zäunen: „Wenn die Länge des Grases über zwei Zentimeter steigt, fallen die Temperaturen in den Ameisenbrutkammern um zwei bis drei Grad, dann werden diese Ameisen von anderen verdrängt.“
Das war 1978 der zentrale Befund von Thomas, nun steht er in Science (15. 6.), zur Feier des Erfolgs: Thomas ließ die Habitate wiederherstellen – durch Rodung und Beweidung – , 1983 wurden erste Neusiedler aus Schweden importiert, heute sind sie wieder da und bilden 30 Prozent mehr Kolonien als in den 50er-Jahren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2009)