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Kunstmarkt: Modern müsste man sein!

(c) Im Kinsky
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Wer 2015 bei einer Christie's-Abendauktion in New York Nackte (von Moderne-Malern) verkaufte, dem ging es gut. In Wien lief der Kunstmarkt auch nicht schlecht.

Der Kunstmarkt wurde auch heuer wieder ein Stück exklusiver: Mit nur zehn Kunstwerken erzielten Sotheby's und Christie's 2015 gut 996 Mio. Dollar. Spitzenreiter ist Picassos „Frauen von Algier“, versteigert für 179,4 Mio. Dollar. Spektakulär war das Bietergefecht um Amedeo Modiglianis „Liegender Akt“. Als der Maler das Bild 1917 erstmals zeigte, löste die allzu freizügige Darstellung einen Skandal aus. Heute ist das Bild eine Ikone der Moderne.

Sechs Bieter kämpften um das Bild, nach neun Minuten erhielt der Chinese Liu Yigian bei 170,4 Mio. Dollar den Zuschlag. Der Ex-Taxifahrer ist ein milliardenschwerer Sammler und unterhält in Shanghai zwei Privatmuseen, wo der Akt bald ausgestellt werden soll. Platz drei belegt Alberto Giacomettis „L'homme au doigt“ von 1947, verkauft an den Hedgefund-Milliardär Steven Cohen für 141,3 Millionen Dollar.

Sotheby's musste abbauen. Schaut man sich die Rekordliste an, fällt auf: Alle zehn Werke stammen von weißen männlichen Künstlern und wurden in New York in einer Abendauktion verkauft. Neun der zehn Lose sind Gemälde, auf sechs sind Frauen dargestellt und alle stammen aus dem 20. Jahrhundert. Damit wird ein Trend fortgesetzt: Gekauft wird, was berühmt ist. Sieben der zehn Lose kommen übrigens von Christie's. Rutschte deswegen der Kurs für die Aktien von Sotheby's vom Juni-Hoch 46,93 auf aktuell nur noch 26,51 Dollar? Sotheby's jedenfalls reagierte bereits, 80 Mitarbeiter mussten das Unternehmen verlassen.

Trotzdem herrscht Jubelstimmung, und das nicht nur in New York, sondern auch in Wien. Ressler-Kunst-Auktionen konnten mit 128.500 Euro einen Rekord für ein Schüttbild Hermann Nitschs erzielen (von 1983), und für ein Filmstill Cindy Shermans zahlte ein Bieter aus New York stolze 125.000 Euro. Im Kinsky ging eine kleine Statue Yves Kleins von geschätzten 15.000 bis 30.000 Euro auf 166.320 Euro hoch – die es immerhin in einer Auflage von 228 Stück gibt. 2011 hatte ein ähnliches Exemplar bei Christie's 79.250 Pfund gebracht, offenbar hofft der Bieter auf einen weiteren rasanten Anstieg. Auch heimische Malerei war gefragt, Albin Egger-Lienz' „Drei Schnitter“ brachte 592.200 Euro, Waldmüllers „Kind mit blauem Seidenvorhang“ 100.800 Euro (Abb.).

Italy rules im Dorotheum. Im Dorotheum sind es vor allem die italienischen Maler der 1960er-Jahre, die immer höhere Preise erzielen, ein Frühwerk von Enrico Castellani ging auf 965.000 Euro hoch und Lucio Fontanas frühe „Frauenbüste“ brachte 588.533 Euro. Aber auch der hauptsächlich in Österreich bekannte Maler Max Weiler konnte mit 393.400 Euro für das vierteilige Werk „Welt des Wachstums“ einen Weltrekordpreis erreichen.

Verglichen mit diesen Summen verlaufen die Ergebnisse der Alt-Meister-Auktionen zurückhaltend. Zwar konnte ein Blumenstrauß von Jan Brueghel d. J. Im Kinsky den Weltrekordpreis von 2,6 Mio. Euro erreichen. Aber insgesamt stagniert dieser Markt. In London fielen die Umsätze sogar deutlich vor jene des vergangenen Jahres zurück, die fünf Alt-Meister-Auktionen brachten insgesamt rund 50 Mio. Pfund. 2014 lag die Gesamtsumme bei 79 Mio. Der Jahresumsatz lag 2014 bei 210 Millionen, heuer bei 123 Millionen Pfund – ein Rückgang um 41,4 Prozent, rechnet Colin Gleadell im britischen „Telegraph“ vor.

Interesse an Brueghel sinkt. Einen Trend macht er in diesem Marktsegment für italienische Devotionalienmalerei auf Goldgrund aus – italienische Kunst sorgt nicht nur bei den Zeitgenossen für Rekorde, die „Heilige Familie“ von Sebastiano Ricci brachte 389.000 Pfund. Das Interesse an Werken von Pieter Brueghel d. Ä. dagegen scheint im Sinkflug zu sein, asiatische und russische Käufer suchen eher die weitaus preisgünstigeren Werke von Malern aus Brueghels Atelier.

Ein Grund für diese Tendenz mag darin liegen, dass die Experten sich bei den Zuschreibungen nicht ganz einig sind, wie heuer im Oktober das Los 14 im Dorotheum zeigte. Im Katalog ist das auf 120.000–180.000 Euro geschätzte Werk aus der Sammlung Mrs. H. Dietel Jan Brueghel d. J. (1601–1678) zugeschrieben. Vier Monate zuvor allerdings war es als Werk des weitaus weniger bekannten Meisters Philippe de Marlier (1573–1668) bei Sotheby's in New York für 50.178 Euro versteigert worden. Im Dorotheum brachte es 158.959 Euro – eine Verdreifachung dank des Namenswechsels. Eine andere Verunsicherung erzeugen die für neue Käufer oft verwirrend vielen Variationen von Bildern und Motiven. Und was zeigen die Trends für 2016? Die Auktionshäuser rechnen mit einem gewaltigen Zuwachs des Onlinehandels. Den umgekehrten Weg schlägt das Essl-Museum ein: Auf 600 m2 werden wieder maximal zwei Besucher eine Stunde lang zwei Bilder betrachten können – „Silence“ heißt das Format zum intimen Erleben von Kunst.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.12.2015)