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Virtuelle Realität: Der Hype hat gerade erst begonnen

(c) APA/AFP/SAM YEH
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Virtual Reality ist nach wie vor eine sehr virtuelle Realität, aber kaum ein Hersteller konnte es sich 2015 leisten, kein entsprechendes Gerät in petto zu haben.

Google Glass hat sich Anfang des Jahres in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedet, und schon schien die in der Tech-Welt vorherrschende Goldgräberstimmung in Bezug auf Virtual Reality zu Ende zu sein.

Doch mit dem Rücktritt des Innovationen-Branchenprimus wagten einige den Schritt aus der zweiten Reihe nach vorn, um sich mit Facebook-Tochter Oculus Rift zu messen. Mit dem Rückzug Googles drängten auf einmal andere Hersteller in den Vordergrund. Auch jene, die ihren Unternehmensfokus ganz woanders haben. Plötzlich wurde dem Thema Virtual Reality wieder ganz neues Leben eingehaucht und Bewegung kam in die Sache. Auf internationalen Tech-Messen zählt es mittlerweile zum guten Ton, ebenfalls mit einer Brille aufwarten zu können, die in virtuelle Welten entführt.

Gelebte Zukunft. Die Faszination ist schnell erklärt: Es ist die Technik, die wir in Science-Fiction-Filmen gesehen, von der wie aber nie geglaubt haben, dass sie wirklich Realität wird. Und nun ist sie da. Die Zukunft. Und man selbst mittendrin. So sehr, dass Smartphones, Tablets und selbst Neuheiten im Bereich Wearables ins Hintertreffen geraten. 2015 kam man um die virtuelle Realität nicht herum.

Spätestens mit der HTC Vive konnte der letzte Skeptiker überzeugt werden. Im Gegensatz zu Modellen der Konkurrenz verlangt die Vive Körpereinsatz. Man muss durch den Raum gehen und sich bewegen. Das hat den Vorteil, dass die oft von Gamern beschriebene Kinetose, Reisekrankheit, nicht einsetzen kann. Nachteil: Man braucht einen zwei mal zwei Meter großen Raum, um die beiden Sensoren unterzubringen. Natürlich darf in diesem Raum nichts stehen, da man sich ansonsten verletzt. Von der Außenwelt bekommt man nichts mit. Aber auch die Facebook-Tochter Oculus Rift und Samsungs Gear VR können überzeugen. Doch auch nach einem Jahr boten die meisten Hersteller nach wie vor nur Prototypen auf Messen. Wirklich brauchbar war bis dato keine. Beinahe drohte das Thema wieder in der Versenkung zu verschwinden. Doch dann kam ein Software-Unternehmen, das niemand auf dem Radar hatte.

Alle warten auf Microsoft. Im Juni präsentierte das US-Unternehmen, das heuer sein 40-jähriges Bestehen feierte, eine Brille mit dem Namen Hololens. Und plötzlich wurde das Holodeck aus der Serie „Star Trek“ zur Beinahe-Realität – ohne dabei die echte Welt aus den Augen zu verlieren. Auf einem leeren Tisch entstand binnen einer Sekunde eine riesige „Minecraft“-Landschaft. Der Microsoft-Mitarbeiter zeigte, wie man sich mit der Brille im Raum bewegen kann und dabei die Landschaft von allen Seiten betrachten und via Sprachsteuerung diverse Aktionen ausführen kann.

Egal, dass das Sichtfeld um einiges kleiner ist, als Microsoft bei der Demonstration zeigte. Vielmehr war es der Beweis, dass man sich mit nur wenigen Handgriffen an den Strand von Nizza, in die Hallen des Pariser Louvre oder auf den Eiffelturm versetzen kann. Ohne dabei die eigenen vier Wände zu verlassen.

Dafür ist der Gaming-Enthusiast bereit, auch bis 2016 zu warten, bis die Geräte tatsächlich zu leistbaren Preisen erhältlich sein werden. Denn Virtual Reality hat die Tech-Welt nicht nur im vergangenen Jahr beschäftigt. Mit Sicherheit stehen wir bei dieser Technologie erst am Anfang.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.12.2015)