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"Glückspilze": Dem Krieg entkommen

Zina Maleh in ihrem Restaurant in der Wiener Praterstraße.
Zina Maleh in ihrem Restaurant in der Wiener Praterstraße.(c) Stanislav Jenis
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Syrische Österreicherin, österreichische Syrerin? Zina Maleh wuchs in Wien auf, gründete in Damaskus eine Lokalkette. Heute ist sie zurück: als Wirtin.

„Es ist so schlimm geworden, dass ich jetzt keine Hoffnung mehr habe“, sagt Zina Maleh. Keine Hoffnung mehr für ihr Land, für Syrien. „Die Kultur dort wird ausgelöscht“, sagt die Gastronomin, die seit drei Jahren wieder in Wien lebt. In Damaskus, wo ihre Familie ein Haus hatte, sah sie keine Zukunft. „Mit Kindern“ – Zina und ihr Mann Saleh haben zwei Söhne – „konnten wir dort nicht mehr leben.“

Klar wurde das erst nach und nach. Zu Kriegsbeginn dachten sie noch: „Das wird schon wieder.“ Doch: „Erst haben wir in der Nacht die Bomben gehört. Eines Tages wurde dann die Schule meines Sohnes bombardiert. Alle Kinder mussten für ein paar Stunden in den Bunker. Ich konnte nicht erfahren, was los ist.“

Da realisierte Maleh: „Ich muss weg.“ Sofort sei die Familie losgefahren, verbrachte zuerst ein paar Monate im Libanon, mit der Option auf eine Rückkehr nach Damaskus. „Aber nein, es wurde schlimmer, und ich habe die Entscheidung getroffen, nach Wien zu kommen.“

Auch eine Rückkehr, denn Zina Maleh ist hier aufgewachsen – aber mit dem Plan, sich hier eine neue Existenz aufzubauen. Davor hatte es für ihre kleine Damaszener Lokalkette Cube Burger Franchise-Anfragen aus Dubai und dem Libanon gegeben. Daraus wurde aber nichts, wegen des Krieges. Heute führen die Malehs ein Lokal an der Wiener Praterstraße.

„Oh, Sie sind wieder da!“

Was sie irritierte, als sie ihr neues Leben hier begannen: „Die Österreicher sind zurückhaltend, nicht so offen.“ Die Familie hatte den Eindruck, zu den Menschen hier nicht richtig Kontakt aufnehmen zu können.

Dann war Zinas Mann Saleh für eine Weile krank. „Als er wieder zurückkam, wurde er von den Stammgästen richtig willkommen geheißen: „Oh, Sie sind wieder da, das freut uns so sehr!‘“ Das überraschte die Wirten: „Ich habe zu meinem Mann gesagt: Die haben uns doch lieb. Wir fühlen uns wohl – jetzt.“

Jetzt. Und davor? In welcher Hinsicht musste ihre Familie sich, aus der syrischen Kultur kommend, umstellen? „Zeit ist in Österreich sehr wichtig. Jede Minute zählt.“ In Syrien sei das anders, „die Leute leben langsam“. Als Unternehmerin aber sieht sie das positiv: „Disziplin macht das Leben doch einfacher, schneller, organisierter.“ Ein weiterer Faktor sei der familiäre und gesellschaftliche Zusammenhalt: „Bei uns geht niemand hungrig schlafen.“ In Österreich trage jeder selbst volle Verantwortung. Da heiße es ganz kühl: Wer A nicht macht, bekommt B eben nicht.

In Syrien sei es auch normal, noch lange mit Mutter und Vater zu leben. „In Österreich musst du mit 18 schon anfangen zu denken: „Ich muss ausziehen, allein wohnen, selbstständig werden – das ist bei uns anders.“ Kulinarisch wollten die Malehs hier eigentlich auch mit Burgern starten. Aber dann entsannen sie sich doch ihrer syrischen Küche. Typisch dafür ist zum Beispiel Fatteh – ein Eintopf mit Pitabrot, Gemüseragout, Kichererbsen und etwas Fleisch. „Bei uns heißt das Gericht ,Ancient Damaskus‘.“

Zina Maleh ist auch ein bisschen stolz auf ihr Leben hier: „Wir haben als Syrer ein positives Image geschaffen, das macht uns Freude.“ Auch zur Integration anderer möchte sie beitragen: „Es gibt momentan viele Menschen in Wien, die Flüchtlinge unterstützen. Sie kommen zu uns, damit wir sie beraten oder für sie übersetzen.“ Da hilft auch der ältere Sohn mit: Der konnte bei der Ankunft vor zweieinhalb Jahren kaum ein Wort Deutsch, demnächst maturiert er.

„Die Zeit vergeht so schnell“

Aufgrund ihrer österreichischen Vorgeschichte habe sie selbst sich schnell, innerhalb von rund eineinhalb Jahren, eingewöhnt: „Ich mag es hier, ich schätze es. Ich bezeichne uns als Glückspilze. Gott hat uns geholfen, deshalb können wir anderen helfen“, eben den Syrern, die nun hier ankommen: „Damit sie schneller verstehen und sich Zeit ersparen“, sagt Zina Maleh, ganz Österreicherin, „denn die Zeit vergeht so schnell.“

AUF EINEN BLICK

Zina Maleh ging als Kind syrischer Eltern in Österreich zur Schule, absolvierte hier auch ein Tourismusstudium am Modul. Später arbeitete sie in Damaskus als Gastronomin und betrieb höchst erfolgreich ihre Lokalkette Cube Burger – so gab es beispielsweise Franchise-Anfragen aus Dubai und dem Libanon. Im Oktober 2012 kehrte sie wegen des anhaltenden Bürgerkriegs in Syrien mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen zurück nach Wien. Hier gründete sie das Restaurant Zina's in der Praterstraße 55: www.zinas.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.12.2015)