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Ein erster großer Sieg der irakischen Armee

IRAQ-CONFLICT
Irakischer Soldat in Ramadi – jener Stadt am Euphrat westlich von Bagdad, die am Sonntag weitgehend aus der Hand des IS zurückerobert wurde.APA/AFP/STR
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Schlacht um Ramadi. Die Rückeroberung der Großstadt westlich von Bagdad aus den Händen des IS scheint fix.

Ramadi/Bagdad. Die irakische Armee, die im spätestens seit Mitte 2014 tobenden Krieg gegen die Terrormiliz des Islamischen Staates (IS) keine besonders gute Figur gemacht hat, stand am Sonntag erstmals vor einem auch operativ wichtigen Sieg: Britischen Medienberichten zufolge haben Spitzen einer seit Herbst rollenden Offensive der Iraker am Sonntag das Zentrum der Stadt sowie den Regierungsbezirk rund 110 Kilometer westlich von Bagdad großteils zurückerobert.

Die Gegend war bis zuletzt noch von IS-Kämpfern gehalten worden und wurde systematisch durchkämmt. Der Großteil, wenn nicht alle, der verbliebenen IS-Einheiten sollen an den Nordrand der Stadt abgezogen sein. Armeesprecher Sabah al-Numani sagte am Sonntag, dass man den Bezirk bis Montag gänzlich unter Kontrolle bringen werde.

Die vorwiegend sunnitische Stadt am Euphrat, die 2012 etwa 270.000, möglicherweise mehr als 400.000 Einwohner gehabt hatte (Genaues weiß man nicht), war im Mai an den IS gefallen – ungeachtet des seit 2014 anhaltenden internationalen Luftkriegs gegen die Jihadisten, was eine besondere Demütigung der Iraker und ihrer Verbündeten war. Nach mehrwöchigen Vorbereitungen hatten die Iraker Ende November die Stadt, in der es 1917 zwei Schlachten zwischen britischen und türkischen Truppen während der britischen Eroberung Mesopotamiens im Ersten Weltkrieg gegeben hatte, eingekesselt. Der Ring wurde enger gezogen, erst vor Tagen hatte der Schlussangriff begonnen, unterstützt von Luftangriffen der amerikanischen, britischen und australischen Luftwaffe. Die Iraker sollen mit etwa 10.000 Mann vorgehen, ihnen gegenüber wurden zuletzt etwa 300 bis 500 IS-Kämpfer vermutet.

 

Hinein ins Minenfeld

Die irakische Militärführung hatte zuvor geglaubt, leichtes Spiel zu haben und die Provinzhauptstadt bis spätestens Weihnachten erobern zu können. In den Außenbezirken sollte das funktionieren, aber je näher es dem Zentrum zuging, um so schleppender wurde die Operation. Drei Tage lang versuchten die Iraker, in das Stadtviertel von al-Houz vorzudringen. Dort liegt der ehemalige irakische Regierungssitz, in dem sich der IS verschanzt hielt. Die gesamte Umgebung war bzw. ist vermint. „Wir kommen nur Schritt für Schritt voran“, sagte General Ahmed al-Bilawi, Kommandant der Sonderpolizei, die an der Offensive beteiligt ist. „Es sind selbst gebaute Bomben und Explosionsfallen, die unsere Truppen so viel Zeit kosten.“ Zuerst mussten alle entschärft werden, bevor man an einen Angriff denken konnte. Dabei setzte man auch auf den ganz großen Knüppel: Nachdem die verbliebenen Zivilisten aufgefordert worden waren, zu fliehen, wurden massive Luftangriffe auf die bebauten Gebiete geflogen, wobei ein erheblicher Teil der Sprengfallen mit hochging.

 

Es geht auch um die Reputation

Die Regierungstruppen hatten und haben dennoch keine leichte Aufgabe. Ramadi ist wohl die letzte Chance, um die ramponierte Reputation der Armee wiederherzustellen, denn irakische Soldaten waren trotz verschwenderischer Ausrüstung und prallen Depots wiederholt vor weit schwächeren IS-Einheiten davongelaufen und hatten Millionenstädte wie Mossul im Nordirak einfach im Stich gelassen.

Zum bisher letzten Mal war das eben in Ramadi passiert: Damals ergriffen mehr als 5000 Soldaten die Flucht vor wenigen hundert IS-Kämpfern. Nun kann die irakische Armee ihren Fehler wieder ausbügeln. Dabei ist sie obendrein zumindest auf dem Boden weitgehend auf sich allein gestellt: Diesmal gibt es keine Unterstützung von schiitischen Milizen, wie das an anderen Frontabschnitten der Fall ist. Die Regierung in Bagdad verzichtet in Ramadi bewusst auf schiitische Hilfssoldaten: Im April hatte es nämlich bei der Rückeroberung von Tikrit nördlich von Bagdad brutale Racheaktionen der schiitischen Milizen gegeben. Häuser der sunnitischen Bevölkerung wurden geplündert, Bewohner misshandelt, einige sogar gefoltert und ermordet – alles geschah unter dem Vorwand, sie hätten den IS unterstützt.

Premierminister Abadi wollte daher in Ramadi, der überwiegend von sunnitischen Arabern bewohnten Stadt, ähnliche Vorfälle vermeiden. Sie sind schlecht für das Image und zudem Wasser auf die Propagandamühlen des IS. Bagdad braucht einen „sauberen“ Sieg der irakischen Armee, der Vertrauen und Sicherheit für die Wiedereinnahme des noch wichtigeren Mossul gibt. (ag./wg/hacke)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.12.2015)