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Bombenkrieg gegen den IS: Der stete Tropfen höhlt den Stein

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F-15 Strike Eagle der US-Luftwaffe über dem Nordirak.APA/AFP/Erin R. Babis
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Analyse. Der seit Mitte 2014 anhaltende Luftkrieg gegen den IS wurde von Anfang an in seiner Wirksamkeit weithin überschätzt. Ohne Bodentruppen ist der Krieg nicht zu gewinnen. Die Bomben haben dem IS aber zugesetzt.

Dass der nun seit Mitte 2014 währende Krieg zwischen dem sogenannten Islamischen Staat (IS) im Irak und in Syrien (von Nebenschauplätzen wie Nordafrika abgesehen) und einer, ja mehreren internationalen Koalitionen durch Luftangriffe allein nicht zu gewinnen ist, hat mittlerweile wohl selbst jeder militärische Laie erkannt: Zu stark waren weite Kreise gerade der westlichen Gesellschaft vom Trugbild verleitet, dass moderne Bomber und Hubschrauber jeden Gegner einfach zerlegen würden und die Sache rasch vorbei wäre. Zu schwach war das Wissen um die militärische Realität, wonach Flugzeuge einen Gegner nur schwächen können, es am Ende aber Job der Infanterie ist, das zu tun, wobei es im Krieg letztlich geht: nämlich Raum effektiv zu beherrschen.

Und so hat der IS den Luftstreitkräften etwa der US-geführten Operation Inherent Resolve, die derzeit US-General Sean MacFarland zusammen mit Offizieren aus über 15 Staaten (die Koalition zählt gesamt mehr als 30 Länder) von Kuwait aus leitet, seit 2014 bemerkenswert getrotzt. Zwar spricht das Pentagon davon, man habe bis Anfang Dezember mehr als 356 Geländewagen des IS zerstört, 130 Panzer, 4900 Stellungen, 260 Ölanlagen und 5195 andere Ziele; zwar ist die Rede von 20.000 bis 25.000 toten IS-Kämpfern und dass der IS stellenweise durch syrische, irakische und kurdische Truppen zurückgedrängt worden sei und es im Gebälk seines Kalifats ächze. Dennoch: Keine Spur ist da von Sieg, weite Lande im Nahen Osten – Raum – sind unter seiner Terrorherrschaft.

 

Mehr Tröpfeln denn Hagel

Tatsächlich passte sich der IS der Bedrohung bald an: durch Tarnen, Täuschen, Bewegung primär bei Nacht, in lockerer Formation, durch (so gut es geht) Verzicht auf Funk und Handys und Verzahnung mit Zivilisten, um Bomber abzuhalten. Ja, im Zweiten Weltkrieg hämmerten alliierte Jagdbomber deutsche Panzerdivisionen zusammen, in den Nahostkriegen israelische Jets arabische Einheiten, im Golfkrieg 1990/91 alliierte Jets Kolonnen der Iraker. Aber der IS tritt nicht als reguläre Armee auf und bietet kein flächiges Ziel. Zudem wird der Umfang der Lufteinsätze überschätzt: Heuer (bis Ende November) gab es 51.081 Sorties, also Einsätze. Das klingt enorm, doch nur 19.269 waren solche durch Kampfjets, der Rest waren etwa Aufklärer, Transporter. Nur 8929 davon mündeten in Waffeneinsatz – etwa 26 pro Tag. Dabei fielen 25.581 Bomben und Raketen. Das klingt nach viel, bedeutet aber nur 76 pro Tag und gesamt nicht sehr viel mehr, als alliierte Bomber einst bei einem Angriff oder einigen wenigen zusammen auf deutsche Städte warfen.

Im großen nahöstlichen Kriegsgebiet ist das also mehr ein Tröpfeln denn ein Hagel. Dennoch: Es gibt wirklich Zeichen einer Ermüdung des IS. Der stete Tropfen höhlt den Stein. Aber ohne Bodenoffensive wird man den Stein eben nicht packen können. (wg)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.12.2015)