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Politik ist nichts fürs stille Kämmerlein

Ein Fotograf wurde aus dem Parlament geworfen, weil er Abgeordnete fotografierte. Hat hier jemand das Ende des Ostblocks verschlafen?

Nicht wenige unserer Nationalratsabgeordneten sind echt empört, geschieht doch immer wieder Ungeheuerliches: Da schießt ein Agenturfotograf glatt Fotos von ihrer (öffentlichen) Tätigkeit, noch dazu während einer laufenden Plenarsitzung. Was, bitte schön, sollte er sonst machen? Die altersschwache Glasdecke des Nationalratssitzungssaales vor die Linse nehmen? Die Redaktionen würden sich schön bedanken.

Jetzt haben altgediente Parlamentsredakteure durchaus Verständnis dafür, dass es schwer ist, sich Stunde um Stunde während zuweilen lähmender Debatten stets korrekt zu benehmen, weder zu gähnen noch in der Nase zu bohren oder ab und zu im Internet zu surfen und sich dabei nicht nur auf die nächste Rede vorzubereiten. Wer dabei ertappt (sprich: fotografiert) wird, muss mit Bürgerbeschwerden rechnen. Mitleid kommt dennoch keines auf: Ihr schlechtes Berufsbild haben die Politiker dank permanenter Selbstgeißelung in den letzten Jahren großteils selbst entwickelt.

Keinerlei Verständnis kann es aber dafür geben, wenn nur noch Schönfotos unserer Abgeordneten gewünscht sind. Und absolut untolerierbar ist, dass Abgeordnete in Richtung Journalistenloge grölen: „Da ist schon wieder einer oben. Unglaublich!“ oder gar: „Identitätsfeststellung!“ Angesichts einer solchen Auffassung von (nicht nur für Medien) öffentlichen Sitzungen kann es einen nur gruseln. (Bericht: Seite 3)


claudia.dannhauser@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.06.2009)