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Neujahrskonzert: Der philharmonische Fahrplan ins Jahr 2016

Mariss Jansons.(c) APA/HANS PUNZ (HANS PUNZ)
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Was Mariss Jansons für den 1. Jänner ausgesucht hat: Premieren und „Sphärenklänge“, Kaiserliches aus Wien, Paris und Berlin, Dokumente bürgerlicher Reiselust, zwei Auftritte der Sängerknaben und viele Operettenklänge.

Mit einer echten Premiere hebt das Neujahrskonzert 2016 an: Zum 70. Geburtstag der Vereinten Nationen erklingt mit dem UNO-Marsch erstmals ein Werk des letzten Wiener Operettenkomponisten Robert Stolz, der vor allem ein Meister der kleinen Form war. Melodien wie „Im Prater blüh'n wieder die Bäume“ haben beinah den Status von Volksliedern. Nach seiner Rückkehr aus dem freiwilligen Exil in den USA erlangte Stolz höchste Popularität als Komponist der legendären „Eisrevuen“.

Aus einer der populärsten Operetten der Goldenen Ära stammt der „Schatzwalzer“, op. 418, in dem Johann Strauß Melodien aus dem „Zigeunerbaron“ verarbeitet hat. Neu am 1. Jänner ist hingegen „Violetta“, Polka française, op. 404, die wie das musikalische Porträt der weiblichen Hauptfigur in der Operette „Der lustige Krieg“ (1881) klingt, einer jungen verwitweten Gräfin, die als weiblicher Haudegen in Uniform durch feindliche Linien zieht und in einem Krieg, in dem allerdings nicht geschossen wird, wie eine kokette Urahnin der „lustigen Witwe“ allen Männern den Kopf verdreht.

„Vergnügungszug“, eine Polka (schnell) von Johann Strauß (op. 281), erinnert an die ersten Urlaubszüge, mit denen man innerhalb eines Monats auf Rundreisen von Wien über Wörgl bis Rosenheim und via Gmunden und Linz zurückgelangen konnte. Begehrter war die Eintagestour auf den Semmering, von Sonntag frühmorgens bis spätabends.

Aus der Feder des letzten Wiener Hofballmusikdirektors, Carl Michael Ziehrer, stammen die „Weana Mad'ln“ (op. 388). Sie wurden zu einem der populärsten Walzer jenseits der Strauß-Phalanx und vor allem in der Fassung für Männerchor zu einem veritablen Schlager. Mit Willi Forsts gleichnamigem Film kam das Stück zu Kinoehren, gedreht noch vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, aber erst danach fertig geschnitten.

Tatsächlich „Mit Extrapost“ ließ Eduard Strauß seinem Publikum etwas mitteilen, auf der letzten Seite der Druckausgabe seiner Polka schnell (op. 259) stand zu lesen: „Die Wiedergabe mit mechanischen Musikinstrumenten, Drehwerken etc. verboten.“ Edisons Phonograph war gerade erfunden worden, und der geschäftstüchtige Edi sah voraus, dass mit illegalen Kopien populärer Musik ein Bombengeschäft zu machen sein würde. Was wohl heutzutage auf seiner Website zu lesen sein würde?

Nachdem der zweite Teil des Programms mit der wohlbekannten Ouvertüre zu des ältesten Bruders „Nacht in Venedig“ begonnen hat, kommt der jüngste mit der Polka „Außer Rand und Band“ (op. 168) noch einmal zu Ehren. Weiß noch jemand, woher der viel gebrauchte Titel kommt? Für die Fassbinderzunft galt die Spruchweisheit: „Ein Fass ohne Band fällt aus dem Rand.“

Außer Rand und Band scheint die Musik im übertragenen Sinn auch am Beginn der „Sphärenklänge“ (op. 235) von Josef Strauß: gelöst, frei von Takt und Metrum scheinen die Klänge hier wirklich zu schweben, veritable Sphärenharmonien, aus denen sich langsam Walzerrhythmus und -melodie herausschälen. Josef Strauß war, hier kann man es hören, ein großer Bewunderer Richard Wagners und dessen orchestralen Farbenzaubers – er war es auch, der die Wiener Erstaufführung von Ausschnitten aus „Tristan und Isolde“ dirigiert hat, während die Hofoper an dieser Aufgabe kläglich gescheitert ist.

Die Wiener Sängerknaben sind in den folgenden beiden Werken mit von der Partie, der Polka française „Sängerslust“ (op. 328) von Johann, sowie der Polka schnell „Auf Ferienreisen“ (op. 133) von Josef Strauß, auf deren Titelblatt eine lustige Gesellschaft von Studenten zu sehen ist, die offenbar gerade eine Urlaubsreise antritt. Der Postillion trompetet das Signal – wir hören es auch am Beginn der rasanten Polka.

Ein Zwischenspiel aus der Johann-Strauß-Operette „Fürstin Ninetta“ führt uns zu einem Abstecher ins Paris der Belle ?poque: ?mile Waldteufels Walzer „España“ (op. 236) greift auf Chabriers berühmte gleichnamige Orchesterfantasie zurück – die wiederum in einer Schlagerversion vor nicht allzu langer Zeit zum dritten Mal die Hitparaden gestürmt hat . . .

Mit der folgenden „Ballszene“ erinnert man an Josef Hellmesberger senior, der nebst seiner Bedeutung für die Unterhaltungsmusik das Missing Link zwischen der von Beethovens „Leibgeiger“ Ignaz Schuppanzigh begründeten Wiener Kammermusikkultur (vor allem der Streichquartettkultur) und dem 20. Jahrhundert darstellt. Die Primgeiger der Philharmoniker bekommen von dem ehemaligen Konzertmeister hier übrigens eine heikle Aufgabe gestellt!

Zündende Biedermeier-Tanzfreuden im „Seufzer-Galopp“ (op. 9) von 1820 konfrontieren den Begründer der Strauß-Dynastie dann mit Musik seines sensiblen zweiten Sohns Josef: „Die Libelle“ schwirrte erstmals 1866 durch den Volksgarten, der berühmte „Kaiser-Walzer“ (op. 437) des Walzerkönigs hat nichts mit Franz Joseph zu tun, sondern ist Kaiser Wilhelm II. gewidmet und erstmals im Oktober 1889 in Berlin erklungen, weshalb er auch mit einem zackigen Marsch beginnt – eine kleine Pointe versagt sich Johann Strauß hier allerdings nicht: Ein Cellosolo führt uns vom graden in den Dreivierteltakt, und dann zeigen die Streicher aus Wien den Preußen, dass man aus einer Marschmelodie auch einen eleganten Walzer machen kann . . .

Die Musik der Schnellpolka „Auf der Jagd“ (op. 373) stammt aus Johann Strauß' Operette „Cagliostro in Wien“, in der die Jagd keine Rolle spielt. Verkaufsträchtig fügte der Komponist aber Gewehrschüsse hinzu, und der Verleger ließ eine Jagdszene für das Titelblatt zeichnen.

Im Sturmschritt (nach Motiven aus der allerersten Strauß-Operette, „Indigo und die 40 Räuber“) geht es zu den notorischen Zugaben, dem „Donauwalzer“ und Strauß' Vaters „Radetzky-Marsch“, der übrigens 1848 nach Niederschlagung der Revolution zum ersten Mal erklungen ist – just auf jenem Glacis, in dessen Richtung heute Strauß Sohn von seinem Denkmalplatz im Stadtpark blickt. Japanische Touristen kehren also beim Fotografieren stets dem Uraufführungsort des berühmtesten aller Märsche den Rücken zu.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2015)