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Vierschanzentournee: Der Haifisch auf dem Schanzentisch

Schanze frei: Diese Perspektive ist nur für Skispringer befreiend.
Schanze frei: Diese Perspektive ist nur für Skispringer befreiend.(c) APA/AFP/CHRISTOF STACHE (CHRISTOF STACHE)
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Severin Freund startet als Tournee-Leader in das Neujahrsspringen, doch Michael Hayböck glaubt sich für den Gesamtsieg gewappnet. „Der Rückstand ist praktisch nichts.“

Severin Freund wusste nicht so recht, wie er sich verhalten sollte. Aus allen Ecken prasselten Fragen auf ihn, den Tournee-Erlöser, herein. Mit dem Auftaktsieg in Oberstdorf war eine lange Durststrecke des im Sport so erfolgsverwöhnten Deutschlands zu Ende gegangen. Erstmals nach Sven Hannawald (2002) stand wieder ein DSV-Springer ganz oben. Gefühle, Ängste, Vergleiche, Ziele, freilich der Tourneesieg – Freund musste zu allem Stellung nehmen, und man merkte schnell, dass nun eine mediale Welle der Schanzen-Euphorie bei den Nachbarn losbrechen würde.

Gewinnt Freund auch das Neujahrsspringen am Freitag in Garmisch-Partenkirchen (ab 14 Uhr, live ORF eins), ist ein Massenphänomen wie einst in den Hochzeiten von Hannawald und Martin Schmitt möglich. Mit kreischenden Teenagern, der Hyperventilation nahen TV-Reportern und endlosen Berichten über das Privatleben eines Skispringers, der trotz aller Erfolge bei WM, Olympia und im Gesamtweltcup erst mit diesem Tagessieg in seiner Heimat so richtig populär geworden zu sein scheint. Sein Trainer, der Vorarlberger Werner Schuster, sagt: „Er weiß, was er kann, wie das Ganze einzuschätzen ist. Wer weiß, was noch passiert.“

 

Von Bruce und bösen Luken

Abseits dieser Menschentraube, die sich um Freund nach dessen 21. Weltcupsieg geschart hatte, standen die ÖSV-Adler Rede und Antwort. Allen voran hat Michael Hayböck seine Eindrücke geschildert, wie schon im Vorjahr ist er Zweiter geworden, und mit nur drei Punkten Rückstand auf Freund ist die Chance weiterhin intakt, dass zum achten Mal in Folge ein Österreicher den Schanzenklassiker gewinnen kann. Der Oberösterreicher, 24, wirkte gelassen, über Wind, Luken-Theater und die von der Jury geradezu unbedachte Tageshöchstweite von 139 Metern wollte er sich nicht weiter ärgern.

Er kenne dieses Spiel, sein Rückstand sei „praktisch nichts“, es gehe um Konstanz, noch würden drei Stationen warten – und ja, den Tourneesieg traue er sich definitiv auch zu. Cheftrainer Heinz Kuttin grinste, ihm schien ein Stein vom Herzen zu fallen. Mit nur fünf Adlern ist der Kärntner in die Tournee gestartet, den sechsten Platz hat er ob der Fehlplanung im Sommer-GP verspielt. Nach Oberstdorf hat nur noch einer, nämlich Hayböck, tatsächliche Chancen auf den Sieg. Er war bislang auch der einzige Österreicher, der in dieser Weltcupsaison auf das Podest (drei Mal Zweiter) springen konnte.

Der Zimmerkollege von Titelverteidiger Stefan Kraft hat bei der 64. Vierschanzentournee jedenfalls Großes vor. Im Vorjahr noch Zweiter, der Tagessieg in Bischofshofen als kleine Entlohnung, strebt der Hobbypilot nach der Krönung. Er wolle angreifen, wie ein Haifisch, der für ihn zum Symbol geworden ist, seit er einem vor zwei Jahren beim Tauchen in Thailand begegnet ist. Hayböck hat auch einen auf seinen Helm malen lassen, allerdings die eher harmlosere Version: Bruce, den weißen Hai des Disney-Klassikers „Findet Nemo“.

 

Hohe Sicherheitsmaßnahmen

Über 20.000 Zuschauer werden am Freitag im Olympiastadion von Garmisch-Partenkirchen erwartet. Wie in vielen anderen Städten mit Silvester-Events herrscht auch in Bayern erhöhte Alarmbereitschaft wegen möglicher Terroranschläge. Mehr Polizei, mehr Sicherheitspersonal und Kontrollen sind gewiss. Michael Maurer, Präsident des Skiclubs Partenkirchen, hat betont, dass man „keine Angst haben“ müsse. Es springt dennoch ein mulmiges Gefühl mit. Doch daran ist man in der Sportwelt mit ihren Großveranstaltungen längst gewohnt.

 

TOURNEE-DATEN Oberstdorf

1. Severin Freund (GER) 307,2 (126/137,5)
2. Michael Hayböck (AUT) 304,2 (130/139)
3. Peter Prevc (SLO) 299,9 (129,5/130)
Weiters, 4. Fannemel (NOR) 295,8 (130,5/129) 5. Kasai (JPN) 290,6 (127,0/133,5) 6. Gangnes (NOR) 288,6 (129/135,5) 7. Kraft (AUT) 287,7 (130/127,5) 8. Forfang (NOR) 278,8 (121,5/127) 9. Freitag (GER) 276,5 (121/130) 10. Tande (NOR) 273,9 (133/119); 31. Schlierenzauer 116,9 (117) 35. Poppinger 115,6 (117).

Neujahrsspringen: Freitag, 14 Uhr, ORF eins.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2015)