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Neonazis, Gewalt und die Berichterstatter

Über die Umtriebe rechtsradikaler Gewalttäter zu berichten, ist für Journalisten eine Gratwanderung. Bei allzu viel Aufklärungseifer können sie durch Überzeichnung auch zu Handlangern des Rechtsextremismus werden.

Wenn die Welt aus den Fugen gerät, rückt auch die Verantwortung derer in den Blick, die über Krisen und Kriege berichten. Medien prägen die Stimmung im Land – nicht nur als Chronisten der Wirklichkeit. Journalisten selektieren und formen die Puzzleteile, die unser Bild von der Politik ergeben. Es ist schon paradox: Politiker betonen unermüdlich, wie sehr die Aufnahme von Flüchtlingen das Land verändert. Doch was wir über die Flüchtlingsproblematik wissen, das Gefühl, ob wir es schaffen – das beeinflussen eher die Medien als persönliche Erfahrungen.

Wie aber sehen Journalisten ihre Rolle? Medienmacher möchten vor allem das Publikum neutral und präzise informieren. Die Vermittlung positiver Ideale rangiert als Aufgabe weit dahinter. Die Zeit der Missionare und Weltverbesserer in den Redaktionsstuben scheint vorbei zu sein. Aber sollen sich Journalisten sogar in stürmischen Zeiten ins neutrale Eck zurückziehen – um zu verhindern, dass ihnen „Lügenpresse“-Vorwürfe gemacht werden?

 

Klima des Schreckens

Natürlich ist ein gefühlter Mangel an journalistischer Objektivität der Nährboden für grassierende Medienverdrossenheit. Anders als Parlamentarier sind Journalisten nicht demokratisch legitimiert, auch wenn ihre gesellschaftliche Verantwortung ähnlich hoch ist. Gern wird daher der Satz des ehemaligen Moderators der ARD-„Tagesthemen“, Hajo Friedrichs, zitiert, man dürfe sich als Journalist mit keiner Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten. Wenn das so einfach wäre.

Terroristen triumphieren, wenn Medien über ihre Gräueltaten berichten und so ungewollt ein Klima des Schreckens verbreiten. Was gibt es Schöneres für den braunen Mob, als für einen Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim mit spektakulären TV-Bildern belohnt zu werden?

Auf jeden Fall motiviere die Aussicht auf Medienpräsenz zu Gewalt, sagt ein Aussteiger aus der rechtsextremen Szene. Ein anderer fügt hinzu, es sei „das Beste, was man sich erhoffen kann, dass man möglichst angsteinflößend dargestellt wird“. Jede Berichterstattung hat also Folgen, nicht nur für das Klima im Land. Medien wirken unweigerlich auch auf jene zurück, über die sie berichten.

Folglich ist ein völlig wertneutraler Journalismus utopisch. Wenn fundamentale Normen menschlichen Zusammenlebens durch Extremisten erschüttert werden, dürfen Journalisten diesen nicht nur den Spiegel vorhalten, ohne nach den Folgen zu fragen.

Die Grundlage ihrer Existenz, die Meinungs- und Pressefreiheit, basiert schließlich auf Idealen, für die es einzutreten gilt. Dies aber kann nur gelingen, wenn Journalisten wissen, dass sie mit ihrer Berichterstattung stets etwas bewirken – auch in den Köpfen derer, die sie bekämpfen und die an dem Ast sägen, auf dem Journalisten sitzen.

 

Überzeichnete Brutalität

Zweifellos sind sich die Medienmacher dieser Verantwortung bewusst. In einer Zeit, in der sich Fremdenhass online und offline Bahn bricht, zeigen viele Flagge. Dabei besteht aber auch die Gefahr, die Brutalität brauner Banden zu überzeichnen. Das ist gut gemeint, kann der Szene aber auch weiteren Zulauf bescheren.

Wenn Medien aufgeregt verkünden, wo die gewalttätigsten Rechtsextremisten ihr Unwesen treiben, „zieht das auch viele Leute in die Stadt, weil man weiß, da ist was los, die Leute sind zu allem bereit“, berichtet ein früherer rechtsextremer Aktivist.

Die mediale Darstellung der rechten Szene als „das Böse par excellence“ kann indes noch fatalere Folgen haben: Wenn in der Berichterstattung über fremdenfeindliche Gewalt die Bestrafung nur Randnotiz ist oder die Erfolglosigkeit der Strafverfolgung thematisiert wird, sinkt die Hemmschwelle zur Nachahmung: „Die Täter fungieren als Märtyrer, und weil sie Märtyrer sind, auch als Vorbild“, betont ein früherer Neonazi.

 

Ermunterung für Gewaltbereite

Auch angesehene Blätter wie die Hamburger „Zeit“ sind vor Fehlgriffen nicht gefeit. Kürzlich erschien auf ihrer Internetseite ein Beitrag unter dem Titel „Es brennt in Deutschland“. Im Vorspann hieß es: „Mehr als 200 Mal haben Täter in diesem Jahr Flüchtlingsheime angegriffen. Gefasst wurde kaum jemand. Wie kann das sein?“ Bebildert war der Beitrag mit einem Gebäude, das lichterloh in Flammen steht – die Bildunterschrift: „Es sollte als Unterkunft dienen. Jetzt ist es unbewohnbar.“

Ein solcher Artikel lässt sich von hochrangigen Nazis brutal instrumentalisieren: „Seht her, was ihr bewirken könnt, und es passiert euch nicht einmal etwas“, so die ermutigende Botschaft an Gewaltbereite. Freilich können Journalisten die Augen vor Problemen bei der Strafverfolgung nicht verschließen. Jedoch sollten sie auf spektakuläre Bilder verzichten und nicht nur ihre geschätzten Leser im Blick haben.

Ebenso verhängnisvoll ist es, Nazis durchwegs als glatzköpfige Dumpfbacken zu porträtieren und dabei die Heterogenität der Szene zu übersehen: „Es gibt sehr viele kluge Leute“, betont ein Ex-Neonazi, „genauso wie es viele Dummköpfe gibt. Man darf aber nicht vergessen, dass nicht nur die gewalttätigen Nazis gefährlich sind, sondern auch die, die strategisch und taktisch versuchen, die Gesellschaft zu unterwandern.“

 

Argumentative Entzauberung

Wenn in der Berichterstattung aber Stereotypen an die Stelle von Argumenten treten, fühlt sich die Führungsriege in ihrer Ideologie bestärkt. Es entsteht der Eindruck: „Der Unterlegene scheut aus Angst vor den besseren Argumenten die inhaltliche Auseinandersetzung.“ Auch wenn die braune Soße unappetitlich ist, dürfen Demokraten daher nicht müde werden, die Rechtsextremisten diskursiv zu entzaubern.

Leichter gesagt als getan: Subtil versuchen rechtsextreme Gruppen, Journalisten zu vereinnahmen. Ein Exmitglied der Szene berichtet: „Man fängt an, über das Wetter zu reden, so kommt man ins Gespräch. Man zeigt, dass man ein ganz normaler Mensch ist, damit kommt eine psychologische Komponente ins Spiel. Man hat eine unterschwellige Gemeinsamkeit gefunden, das ist dann die beste Grundlage, um auch ideologisch tätig zu werden.“

Dies zeigt, wie schwierig es derzeit ist, guten Journalismus zu machen. Aber auch wenn Medien infolge ihrer Informationspflicht zu Handlangern von Extremisten werden können, sollten sie der Versuchung widerstehen, die braune Gefahr mit allzu viel Aufklärungseifer zu überzeichnen.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DAS AUTORENDUO



Philip Baugut (* 1983 in Heilbronn), ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Politische Kommunikation der Universität München. Schwerpunkte seiner Forschung sind der politische Journalismus, das Verhältnis von Politik und Medien sowie Medienethik.

Katharina Neumann,
(* 1990 in Freiburg im Breisgau) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Politische Kommunikation der Uni München. Sie untersucht Medieneinflüsse auf Radikalisierungsprozesse sowie politische und religiöse Subkulturen. [ Fotos Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2015)