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Journalismus im Iran: Ein Flickr Hoffnung

(c) AP (Thibault Camus)
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Bürgerreporter als wichtige Stütze, Arbeitsbedingungen schwierig. Die Blogger-Szene im Iran ist seit Jahren kritisch aktiv. Und derzeit bietet das Web 2.0 selbst renommierten Medien die einzige Möglichkeit, an authentische Informationen zu kommen.

„Die Killer sind in den Straßen. Mein geliebtes Land geht vor meinen Augen in die Hölle. Du kannst es dir nicht vorstellen“, steht in dem Mail, das am Montag von der jungen iranischen Journalistin eintrifft – „Die Presse“ lernte sie 2007 in Berlin kennen. Schon vor zwei Jahren konnten wir ihren Namen nicht nennen – heute können wir das noch viel weniger. „Die Basiji (regimetreue Miliz, Anm.)haben meiner Schwester die Hand gebrochen. Sie rufen bei mir an und fragen nach mir, seit einer Woche. Ich kann nicht nach Hause. Mein Handy hab ich abgedreht.“

Schon vor eineinhalb Jahren erzählte die Iranerin: „Ich stelle mir vor, europäische Journalisten fragen sich: ,Worüber schreibe ich heute?‘ Iranische fragen sich: ,Worüber schreibe ich heute nicht?‘“ Nachdem sie einen regimekritischen Text veröffentlicht hatte, wurde sie bis aufs Privathandy verfolgt.

Die Blogger-Szene im Iran ist seit Jahren kritisch aktiv. Und derzeit bietet das Web 2.0 selbst renommierten Medien die einzige Möglichkeit, über Netzwerke wie YouTube (Video), Flickr (Foto), Twitter und Facebook (Text) an authentische Informationen zu kommen. Kamerateams auf Irans Straßen wurden schließlich verboten. Wird die nun enorme Aktivität im Web die Pressefreiheit nachhaltig stärken? „Nein“, glaubt Naomi Hunt, Expertin für den Mittleren Osten am International Press Institute (IPI) mit Sitz in Wien. „Das Regime wird sich kaum ändern.“ Etwa 23 der insgesamt 73 Millionen Iraner sind laut IPI derzeit online, knapp 30 Millionen haben ein Handy. Warum sind in unterdrückten Gesellschaften wie China und Iran Blogger so stark? „Die Bürger wollen ihre eigene Nachrichtenagenda festlegen und sich nicht an die vorgegebene Berichterstattung der staatlichen Medien halten“, erklärt Hunt.

 

Widerstandsmedium BBC schikaniert

Derzeit sind im Iran 33 Blogger und Journalisten inhaftiert, 23 davon seit einer Woche. Es gibt Hinweise darauf, dass sie gefoltert werden. Auch der Chefredakteur der Reformerzeitung „Etemad Melli“ (sie gehört Oppositionspolitiker Mehdi Karroubi) wurde Samstag festgenommen. Die Arbeit ausländischer Korrespondenten – die laut „Reporter ohne Grenzen“ auch von der Exekutive geschlagen wurden – wird beschränkt, viele wurden ausgewiesen. Laut Internationaler Journalistenföderation halten sich noch einige versteckt. Die iranische Regierung bezeichnete sie als „Sprachrohr der Krawallmacher“. Zuletzt hat man Journalisten u. a. des US-Magazins „Newsweek“ verhaftet. Auch die BBC beschwert sich über Schikanen.

Die passieren wohl nicht grundlos: Das BBC World Service bietet seit Protestbeginn die glaubwürdigste TV-Berichterstattung aus dem Iran (CNN wurde für seine zu Beginn schwache Performance kritisiert). Grund dafür sind „Bürgerreporter“: Sieben Videos pro Minute langen derzeit bei BBC Persian ein, berichtet die „Financial Times Deutschland“. Eine genaue Überprüfung der Echtheit der Bilder sei unmöglich. Dies gilt auch für ein Video, das am Wochenende auftauchte: Darin wird eine junge Frau namens Neda Agha-Soltan angeblich getötet. Das Staats-TV behauptete am Dienstag, es handle sich um eine Fälschung. Ob wahr oder nicht – Neda ist bereits eine Medienikone der Opposition. Und das Web 2.0 hebelt das „Berichterstattungsverbot“, das zwei Tage nach der Wahl in Teheran verhängt wurde, aus. Google und Facebook haben ihr Angebot auf Farsi (Persisch) sogar erweitert.

Deshalb versucht der Iran den Informationsaustausch mit dem Ausland technisch einzuschränken: Sat-TV wird blockiert – die BBC reagierte mit Zusatzsatelliten, um ihr Service zu garantieren. Auch das Handynetz wird von Zeit zu Zeit abgeschaltet, zuletzt am Tag nach der Wahl. SMS könne man seitdem gar nicht mehr verschicken, heißt es. Und: Das Regime hat Software eingekauft, um Unerwünschtes online zu blockieren – laut „Wall Street Journal“ bei Nokia und Siemens. Der Verband der US-Computerbranche kritisierte dies scharf. Wie die iranische Regierung das Internet missbraucht, um „ihre Bürger auszuspionieren“, sei „besorgniserregend“, sagte der Chef des Verbandes.

„Bitte, sagt eurer Regierung, dieser verrückte Diktator ist nicht unser Präsident. Sie sollen die wirtschaftlichen Beziehungen mit diesem Mann vergessen – und über Menschenrechte nachdenken“, endet die junge Iranerin ihr Mail. Und: „Bitte, bete für mich, meine Familie und unser Land.“ Auf ein zweites Mail hat sie bisher nicht geantwortet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.06.2009)