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Wir Vasallen

Journalismus ist die tägliche Gratwanderung zwischen Weltbildern. Je polarisierter die Stimmungslage in der Bevölkerung ist, desto schwieriger wird diese Arbeit. Die Sache mit der „Lügenpresse“: eine Richtigstellung.

Die Atmosphäre ist angespannt. Es geht um das Thema Flüchtlinge, um Zuwanderer. Der Wirt stellt die nächste Runde Puntigamer auf den Tisch, wischt kurz mit einem feuchten Lappen über die Resopalplatte. Es sind ausschließlich Männer im Gastraum. Dann fragt einer von ihnen nach meinem Beruf. „Journalist“, sage ich und ernte Schweigen in der Runde. Bald steht einer auf, mit dem ich eben noch freundlich gesprochen habe, verlässt missmutig das Lokal.

„Schreiberlinge“ nennen sie uns. Menschen, die nie ganz befriedigend das darstellen, was eine Gesellschaft zu erleben glaubt. „Warum schreibt ihr nicht, dass bei 9/11 keine Juden ums Leben gekommen sind?“; „Warum berichtet ihr nicht, dass bald mehr Moslems als Katholiken in unserem Land leben?“; „Warum fragt ihr euch nicht, ob hinter den Anschlägen in Paris vielleicht die Amerikaner stecken?“ Oft zielt der Vorwurf nicht auf das, was wir berichtet haben, sondern auf das, was wir nicht berichtet, im Verdacht des Lesers bewusst „verschwiegen“ haben.

Es geht in diesem Beruf darum, in der Flut an Informationen eine Ordnung zu schaffen, zu prüfen, zu überprüfen, dem Leser Wege zu den Hintergründen anzubieten. Verschwörungstheorien haben da keinen Platz. Heikel wird diese Arbeit dort, wo starke Interessen betroffen sind, aber eben auch dort, wo sich ein Bild in Teilen der Gesellschaft verfestigt hat.

Der Beruf ist einer der schönsten der Welt. Aber er bringt eine erhebliche Verantwortung mit sich. Die ist schwer zu ertragen, weil sie nicht allein an Leistung oder Fakten, sondern auch an subjektivem Wahrheitsempfinden gemessen wird. Ob Leser, einzelne Kollegen oder Freunde: Alle versuchen zu beeinflussen, wollen dargestellt haben, was in ihr Meinungsbild passt. Guter Journalismus aber sollte das Ideologische, das Festgefahrene, das Vorgeurteilte beiseitelassen. Er sollte Tag für Tag frisch damit beginnen, die Annäherung an die Wirklichkeit zu suchen. So etwas wie einen Wahrheitsanspruch sollte es in diesem Beruf sowieso nicht geben. Bei komplexen Themen gibt es starke Argumente, logische Informationen, aber diese beschreiben meist nur eine Seite der Wirklichkeit. Oft, sehr oft gibt es auch eine andere. Dann ergibt sich ein differenziertes Bild, in dem die Schuldfrage nicht mehr eindeutig zugewiesen werden kann. So sind die Griechen nicht allein schuld an der Griechenlandkrise, die Flüchtlinge schon gar nicht an der Flüchtlingskrise. Und es sind auch nicht die USA oder die EU, die für alle Fehlentwicklungen verantwortlich sind.

Der Journalismus gerät in eine schwierige Situation, wenn er mit einer einseitigen Logik konfrontiert ist – ob sie nun von Lesern, Interessensgruppen oder politischen Parteien kommt. Zum einen muss er diese Information als Teil des Gesamtbilds ernst nehmen. Zum anderen muss er den Rest des Bildes suchen, die Widersprüche aufdecken. Tut er das, werden Konflikte Teil der Recherche.

Der Jammer des Journalismus ist, dass es für seine Akteure weit einfacher ist, sich manipulieren zu lassen, selbst Partei zu ergreifen, statt sich mit ständiger Skepsis gegen alle Einflüsterer zu stellen. Warum ist das einfacher? Wer irgendwann punziert ist, der hat den Sturm der kräfteraubenden Debatten hinter sich gebracht. An ihn werden fast nur noch Informationen herangetragen, die seine Einseitigkeit untermauern.

In einem Punkt ist das auch bei mir so: Ich bin Pro-Europäer. Ich werde hauptsächlich von Pro-Europäern informiert oder kontaktiert. Die FPÖ etwa versucht es gar nicht, ihre Abgeordneten reden kaum mit mir, haben mich aufgegeben. Die Betreiber des EU-Austrittsvolksbegehrens haben bei meinem Chefredakteur interveniert, damit wir mehr über ihre Unterschriftensammlung berichten, angerufen oder kontaktiert hat mich keiner von ihnen. Nun ist es nicht so, dass mir das besonders abginge, aber es ist seltsam und letztlich im Sinne der Annäherung an die Wahrheit nicht gut.

Das ist jene Manipulation, der dieser Beruf ausgesetzt ist. Sie ist viel subtiler, als sich das jene vorstellen, die an den gekauften Journalismus glauben. Es sind nicht die großen Mächte, die Geheimdienste, die auf unsere Arbeit Einfluss nehmen. Wir selbst sind Teil einer Vorurteilsdynamik. Eine Enttäuschung erlebt jeder Anfänger in diesem Beruf: Das Gegenüber ist weit unprofessioneller als angenommen. Politik ist meist viel banaler, als sich das jeder Bürger vorstellt. Die großen Verschwörungen, die genialen Schachzüge sind fast ausschließlich Teil der Literatur und des Films. In der Realität dominieren die Eitelkeit und das persönliche Machtstreben, in wenigen, sehr wenigen Fällen ein Ideal.

Journalistische Tätigkeit verlangt nachS achlichkeit und ist deshalb schon per se mit festen Meinungslinien schwer vereinbar. Die Triebfeder eines guten Journalisten sollte nicht die tägliche Bestätigung, das Schulterklopfen der ideologischen Anhängerschaft sein, sondern einzig die Neugier. Diese unstillbare Neugier, den Dingen auf den Grund zu gehen. Sie sollte ausreichen. Wem kommen die billigen Kredite an Krisenländer zugute? Ist der Sozialtourismus ein reales Phänomen oder eine Scheindebatte? Wo sind die Indizien, wo die Belege, wo die Zahlen?

Es muss immer mehr Fragen als Antworten geben, um den Journalismus zu befeuern. Das ist das Idealbild des Berufs. In sehr vielen Gesprächen in und außerhalb der Redaktion geht es aber nicht um journalistische Fragestellungen, sondern es geht um vorab entschiedene Feststellungen. Es wird gemeint und immer rascher gemeint, bevor noch geprüft wird. Twitter ist die Turbo-Meinungsmaschinerie. Auch in den sozialen Medien ist es einfacher, sich auf eine Seite zu schlagen, punzieren zu lassen. Dann formiert sich eine Gefolgschaft. Jene, die differenzieren, haben kaum Chancen auf Klicks, Shares und Likes, nur wer brachial in die Tasten greift, bekommt den Daumen nach oben gestreckt. Und dann wird ein gewünschtes Meinungsbild bald zum vermeintlich realen, wird die Bestätigung nicht mehr an Fakten, sondern an „Freunden“ gemessen, die etwas ganz Bestimmtes vernehmen wollen.

Das alles beschreibt die Umstände der Manipulationsdynamik, aber erklärt noch nicht den Hass auf den Journalismus. Es relativiert noch nicht die Vorwürfe der „Lügenpresse“, die sich angeblich zum Spielball der Mächtigen und ihrer Lobbyisten machen lässt. Es entkräftet nicht den Vorwurf der „Mainstream-Medien“, die angeblich Teil des Systems sind, statt dieses System immer wieder infrage zu stellen. Ein Grund für all diese Vorwürfe mag die Art sein, wie Journalisten kommunizieren. Sie haben Wörter, mit denen sie spielen. Ihre Sprache wird allein deshalb als Bedrohung wahrgenommen, weil sie Debatten dominiert. Bevölkerungsgruppen mit vielen Vorurteilen empfinden allein durch die Dominanz der Sprache mancher Eliten – den Journalismus zählen sie dazu – Ohnmachtsgefühle. Sie haben ganz reale Ängste vor der Konkurrenz durch Zuwanderer, vor wirtschaftlichem Druck durch dominante Konzerne, vor offenen Grenzen. Geistreichen Argumenten zur Globalisierung, zur notwendigen europäischen Zusammenarbeit oder zu den Fakten des Asylrechts können sie nichts abgewinnen. Eine solche Aufbereitung von Themen befriedigt nicht ihre Wut, kanalisiert nicht das tiefe Gefühl einer Fehlentwicklung. Leserbriefe und Postings zu Artikeln geraten denn auch zur sprachlichen Gegenwehr. Sie werden seit Jahren immer härter, wütender, beleidigender. Sie sind voll von verbalen Attacken, Vorwürfen und so mancher sprachlichen Eigenkreation. „Sie Afterakrobat“, steht da, „Sie Vasall“ und noch viel schlimmere Untergriffe und Drohungen. „Ihnen gehören die Finger gebrochen!“

Es sind natürlich nicht alle Leserbriefe so aggressiv. Es gibt zahlreiche gut argumentierte Texte, deren Autoren andere Sichtweisen einbringen. Es gibt diese wertvollen, korrektiven Einwände, die sich gegen die journalistische Eigendynamik wenden. Wenn etwa aus Sympathie und Logik zu viel von einer Seite berichtet, der Rest ausgeblendet wurde. Aber es gibt mehr Menschen denn je, die tatsächlich an die große Verschwörung glauben. Das Internet bietet ihnen erstmals ein Argumentarium. Hier ist alles zu finden, jede noch so abstruse Theorie. Und es sind längst nicht nur Randgruppen, sondern auch Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die sich gegen die vermeintlichen „Mainstream-Medien“ stellen und im Internet ihre neue Meinungsheimat finden. Für sie sind es die Sarrazins und Ulfkottes, die einen intellektuellen Unterbau für Vorurteile und Ohnmachtsgefühle liefern. Der traditionelle Journalismus wirkt im Kontrast allzu abgewogen. Er ist ihnen zu wenig systemkritisch, weil er sehr oft nur Details statt Gesamtbilder beschreibt.

Und so gibt es Themen oder Reizwörter, die jedes Mal einen Sturm der Entrüstung auslösen. Das Freihandelsabkommen mit den USA etwa, das aus wirtschaftstheoretischer Sicht logisch ist, wird zur Verschwörung der Konzerne, zur Unterwanderung unserer Kultur uminterpretiert. Statt sich mit dessen Inhalt zu befassen, mit tatsächlichen rechtlichen Problemen, wird das Abkommen aus diffusen antiamerikanischen Gefühlen verdammt. Wer dennoch versucht, es kritisch, aber differenziert zu betrachten, den trifft der Vorwurf der Einseitigkeit, verbunden mit dem Hinweis, „gekauft“ zu sein. Wer andererseits die Politik von Ungarns Premier Viktor Orbán thematisiert und seine Widersprüche zu Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit, gerät ebenso in eine emotionalisierte Debatte mit festgefahrenen Ansichten. Diese Beispiele sind bewusst gewählt. Denn einmal kommt der Vorwurf der Manipulation von links, einmal von rechts. Doch leider hebt sich das nicht auf.

Journalismus ist die tägliche Gratwanderung zwischen Weltbildern. Je polarisierter die Stimmungslage in der Bevölkerung ist, desto schwieriger wird diese Arbeit. Jede große Krise in der Vergangenheit wurde denn auch von der Kritik an Medien begleitet. Nicht einmal die verwendeten Begriffe sind neu. „Lügenpresse“ war bereits Anfang des 20. Jahrhunderts ein Synonym für die angeblich jüdisch dominierte Berichterstattung des vermeintlichen politischen Gegners. Im Ersten Weltkrieg wurde damit die Presse der feindlichen Mächte desavouiert. Von den Nationalsozialisten wurde der Begriff „Lügenpresse“ benutzt, um die Glaubwürdigkeit von Berichten über ihre Expansionspläne zu diffamieren. Gruppen vom linken und rechten Rand verwendeten seit dem Zweiten Weltkrieg den Begriff in ihren Angriffen auf das von ihnen bekämpfte „System“.

Dass die Angriffe auf den Journalismus in Krisenzeiten schärfer werden, ist kein Zufall. Denn in diesen Phasen geraten Medien stets zwischen die Fronten, sie werden zugeordnet,eingeordnet und vorverurteilt. Nicht ganz zu Unrecht: Medien sind angreifbar, weil sie nicht neutral sind. Sie sollten versuchen, objektiv zu sein, aber sie sind immer ein Teil der Gesellschaft – mitten drinnen. Anders könnten sie nicht funktionieren.

Wir Journalisten sind auch heute mitten in all den Emotionen, und würden wir sie nicht manchmal am eigenen Leib spüren, wären wir fehl am Platz. Im Gasthaus, dem Auslöser all dieser Gedanken, war das nicht anders. Aber es ging letztlich gut aus: Irgendwann war das Bier ausgetrunken, der Wirt auf einem der Sessel eingenickt. Ich solle doch wiederkommen, sagte der letzte an meinem Tisch verbliebene Gast. ■


Wolfgang Böhm leitet das Europa-Ressort
der „Presse“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.01.2016)