Vom alten Will zum alten Kaiser: 2016 bleibt uns nichts erspart
Events, Jubiläen, Geburtstage – die "Zeitreise“ der "Presse“ schaut diesmal ausnahmsweise nicht zurück, sondern nach vorne.
Beginnen wir mit unserer Vorschau ganz oben, es ist gut, sich beim Eintritt in das kommende Jahr an den charismatischen Heiligen Vater in Rom zu halten: Nicht „mechanisch“, so seine Empfehlung, sondern in einer Haltung der Sammlung und Reflexion sollen wir die Schwelle ins kommende Jahr übertreten. Franziskus meint speziell die 33 Millionen Pilger, die im Heiligen Jahr nach Rom strömen werden, um durch das Durchschreiten der Heiligen Pforte vergangene Schuld abzuschütteln und einen Sündenablass zu erlangen. Doch: Kein Ablass ohne Einlasskarte. Man braucht ein (Gratis-)Ticket für den Petersdom, nicht nur der Stauvermeidung und des Terrors wegen, auch aus seelsorglichen Erwägungen. Wem alles Religiöse fremd ist, der sollte besser einen anderen Ort wählen. Text: Günther Haller
(c) APA/AFP/POOL/GIUSEPPE LAMI (GIUSEPPE LAMI)
Schreiten wir weiter in den Jänner, werden wir wohl nicht um die Kandidatenkür für den Bundespräsidentschaftswahlkampf herumkommen. Jungwähler werden zur Kenntnis nehmen müssen, dass die Kandidaten allesamt im Alter ihrer Großeltern sind. Doch in der Politik wie in Hollywood gilt das Motto: Forever young! Wer sich zu seiner Seniorenrolle bekennt, erlebt einen zweiten Frühling. Vorbei die Zeiten, als es für weibliche Filmstars hieß: Ab 45 wird es kompliziert. Ab 50 bist du tot. Siebzig ist in Zeiten wie diesen kein Alter, in dem man in Pension geht. Somit feiern wir den 75. Geburtstag von Faye Dunaway (14.1.; im Bild)), Placido Domingo (21.1.) und der ewig jungen Protestsängerin Joan Baez (9.1.) und den 70er von Diane Keaton (5.1.) und David Lynch (20.1.). IWF-Chefin Christine Lagarde, frische 60, war ein Neujahrsbaby und wird weiterhin die Welt vor dem Schuldenchaos zu bewahren suchen. Und Martin Walser, mit 88 auch schon über dem Zenit seines Lebens, legt am 8.1. seinen neuen Roman vor, Titel: „Ein sterbender Mann“, Thema: „Wie kriege ich die Kurve? Die letzte.“ Manchmal machen übrigens auch Journalisten etwas Kluges: Im Jänner vor 50 Jahren trafen sich drei, unter ihnen ein gewisser Serge Lang, auf der Kitzbüheler Seidlalmhütte zu einem Gulasch und heckten die Idee des Skiweltcups aus.
(c) REUTERS ( Danny Moloshok / Reuters)
Was wir mit unserer Vorschau nicht bieten, sind die optimalen Urlaubsbrücken, die sich 2016 den schreibtischflüchtenden Österreichern bieten werden, in letzter Zeit nennt man sie auch XXXL-Wochenenden. Aus gutem Grund: 2016 ist ein Schaltjahr, was bedeutet: Es wird einen Tag mehr gearbeitet. Die erste Februarwoche werden die Medien hinreichend beschäftigt sein mit den Vor-, Live- und Nachberichten zum Wiener Opernball (4.2.). Doch dann wird es Zeit, sich mit ernsthaften Dingen zu beschäftigen: Am 21. Februar 1916 begann mit 80.000 Granatangriffen bei Verdun die größte Schlacht der Kriegsgeschichte, zeitweise kämpften bis zu einer Million Soldaten, der Mensch wurde zu Material. In diesen Jahren des Grauens durchlebte der französische Maler Pierre-Auguste Renoir gerade seine letzte Lebensphase zurückgezogen in einem Landhaus an der Cote d’Azur, in den Februar 2016 fällt sein 175. Geburtstag (25.2.). Unverändert segensreich wirkt bis heute das Penicillin: Vor 75 Jahren (12.2.) erhielt der erste Mensch, ein Polizist aus London, das Antibiotikum verabreicht. Der Arme starb trotzdem: Man wusste noch nicht, dass Penicillin länger eingenommen werden musste. Im Februar 1991 schickte sich die Welt an, friedlicher zu werden: Das rote Bündnis des Ostens, der Warschauer Pakt, wurde endgültig aufgelöst (25.2.), der Ost-West-Konflikt beendet. Zumindest bis zur Ukrainekrise des Jahres 2014.
(c) REUTERS (Benoit Tessier / Reuters)
Apropos Kalter Krieg: Vor 70 Jahren (5.3.) hielt Winston Churchill seine berühmte Rede, in der er den Begriff des „Eisernen Vorhangs“ prägte, der Europa zweiteilte. Es war Michail Gorbatschow (Bild), der durch seine Politik von Perestroika und Glasnost die Welt veränderte und zuließ, dass die blutgetränkte Grenze quer durch Europa zerbröckelte. Er begeht seinen 85. Geburtstag (2.3.) und wird vermutlich im Westen mehr gefeiert werden als in seiner Heimat, wo er seit langem keine nennenswerte Rolle mehr spielt. Alan Greenspan war ein Mächtiger auf der anderen Seite des Globus, er lenkte die US-Geldpolitik an der Spitze der Fed 18 Jahre hindurch, „Mr. Dollar“ feiert seinen 90. Geburtstag (6.3.), seit ihm hat sich die Welt dem Volkssport ergeben, jede Silbe eines Notenbankers mit atemloser Aufmerksamkeit zu verfolgen. Weg von den oft überschätzten Herren: Österreich gedenkt im März seiner großen Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach, sie starb vor hundert Jahren (12.3.), die ganze Welt erinnert sich an Virginia Woolfs Todestag vor 75 Jahren (28.3.) und Tausende werden sich bei der Erwähnung von Liza Minnellis 70er (12.3.) Sorgen um den Star machen, der sich regelmäßig in eine Entzugsklinik begeben muss.
(c) REUTERS ( Sergei Karpukhin / Reuters)
Kein Aprilscherz: Die Geschichte von Apple, einer von Steve Jobs und Freunden gegründeten amerikanischen Garagenfirma, begann am 1. April 1976. Startkapital: 1300 Dollar. Vor kurzem wurde ein Apple-Computer aus 1976 um fast eine Million Dollar versteigert. 40 Jahre danach genießt die Weltmarke Apple kultische Verehrung. Italiens Steve Jobs heißt Enrico Piaggio, er meldete vor 70 Jahren (23.4.) einen Motorroller an, den er „Vespa“ (Wespe) nannte: „Schmale Taille, breiter Hintern“, nicht nur Enrico war von den drallen Reizen des Gefährts angetan. Wenig Begeisterung empfanden seine Landsleute vor Kurzem für den schwedischen König Carl Gustaf, heuer 70 (30.4.), er geriet wegen einer Rotlichtaffäre in die Schlagzeilen. Doch die wilden Partys scheinen vorbei zu sein, ebenso wie bei Hugh Hefner, der 90 wird (9.4.) und bei dem inzwischen eher die Krankenschwestern als die Bunnys Schlange stehen. Ob er es verkraftet, dass sein „Playboy“ in Zukunft ohne Nackte erscheint? Gregory Peck hingegen hatte nie ein Imageproblem (100. Geburtstag, 5.4.), er war der aufrechte und integre Amerikaner, ohne Abstriche.
(c) REUTERS ( Mariana Bazo / Reuters)
Ende April werden dann die Österreicher bereits ihren neuen Bundespräsidenten gewählt haben, der Termin steht noch nicht fest, es ist Zeit bis zum 24.4., außer Heinz Fischer scheidet überraschend frühzeitig aus dem Amt. Nehmen wir nicht an. Am 9. April beginnen mit einem Blumenkorso wie anno dazumal die Vergnügungsevents rund um den 250. Prater-Geburtstag. Apropos Blumen: Am 23. April, dem Tag des Heiligen Georg, schenken sich Liebende in Barcelona gern eine Rose – und ein Buch. Es ist der Tag, an dem Cervantes starb (vor 400 Jahren), aber auch William Shakespeares 400. Todestag fällt auf diesen Tag. Sein Hamlet hat das passende Zitat für unser Jahrzehnt geliefert: „Die Welt ist aus den Fugen“. Und dann die vielen ungelösten Fragen: Wie sah der Dichter aus? Wer war er überhaupt? Wir wissen nichts von ihm und lassen uns dennoch nicht abhalten, in sein gewaltiges Werk einzutauchen. Der Größte.
(c) REUTERS ( Suzanne Plunkett / Reuters)
Es gibt nicht wenige, die den Songwriter Bob Dylan als Shakespeare des 20. Jahrhunderts verehren, er war sogar schon für den Literaturnobelpreis im Gespräch. Den braucht er nicht zu seinem 75. Geburtstag (25.5.), sein Kultstatus ist unbestritten. Apropos Markenwert: Vor 125 Jahren wurde die Firma Philips gegründet (15.5.), vor 75 Jahren Sony (7.5.), der Zufall will es, dass in derselben Woche (12.5.1941) Konrad Zuse seinen Z3 vorstellte, den ersten funktionsfähigen Computer der Welt. Der Z3 ist eine bewundernswerte Leistung, aber natürlich heute veraltet, was man von der einen Tag danach (13.5.) auf die Welt gekommene Senta Berger nicht behaupten kann: Ein österreichischer Weltstar, den man bedingungslos verehren muss.
(c) Ki Price ( Ki Price / Reuters)
Vor 200 Jahren (1.5.) wurde an der Salzburger Residenz das bayerische Wappen abgenommen und der österreichische Doppeladler aufgezogen. Ab nun ist Salzburg österreichisch, das Land feiert heuer das ganze Jahr hindurch. Gut so. Sonst würde bei den Festspielen Ludwig Thoma statt Johann Nestroy gespielt. Tiefer in die Vergangenheit tauchen wir, wenn wir uns an Kaiser Karl IV. erinnern (14.5.), der Prags goldene Ära begründete. Tschechen und Deutsche wollen den 700. Geburtstag gemeinsam begehen, eine internationale Ausstellung läuft zuerst in Prag, danach in Nürnberg. Gute Gelegenheit, über nationale Zugänge zur Geschichte hinauszugehen. Überwindung von Engstirnigkeit und Eigeninteressen ist auch den österreichischen Parteien zu empfehlen, die sich im Frühjahr auf einen neuen Rechnungshofpräsidenten für die nächsten 12 Jahre einigen müssen.
(c) REUTERS ( David W Cerny / Reuters)
„So spannend wird das neue Jahr!“ titelte die Kronen Zeitung zu Neujahr. Die österreichische Innenpolitik kann nicht damit gemeint sein, es ist ein Jahr ohne Wahlen, mit Ausnahme der machtpolitisch zweitrangigen Entscheidung, wer in die Hofburg einzieht. Somit bleibt eigentlich nach 2015, dem annus horribilis für die Regierungsparteien, Zeit für die längst fälligen Reformen, für unspektakuläres, beharrliches und unpopulistisches Agieren ohne Ablenkung durch Wahlkämpfe. Das Volk wird Geduld haben, denn: Es spürt die Segnungen der Steuerreform und die Registrierkassenpflicht wird wegen Undurchsetzbarkeit wieder abgeschafft. Die Kollegen von der Boulevardzeitung haben mit ihrer Schlagzeile wohl eher die Fußball-Europameisterschaft in Frankreich im Blick gehabt. Fast jeder Österreicher kennt ja inzwischen die auf uns zukommenden Spielpaarungen (Ungarn, Portugal, Island), die Spieltermine 14., 18. und 22.6. und schließlich den Termin des Finalspiels am 10. Juli, an dem Marcel Kollers neues „Wunderteam“ ohne Zweifel ebenfalls erheblichen Anteil haben wird. Schade wäre allerdings, wenn wir den undankbaren 2. Platz erringen würden.
(c) REUTERS ( Lisi Niesner / Reuters)
Neben dem Turnier der Sehnsüchte werden die anderen Termine des Monats Juni bei den Fußball-Aficionados nur wenig Interesse finden. Hinweisen wollen wir sicherheitshalber auf den 70. Geburtstag von Donald Trump (Bild), mit der leisen Hoffnung, dass dieser Jubeltag nicht mehr gewürdigt werden muss, da er inzwischen längst aus dem Kandidatenreigen für die US-Wahlen ausgeschieden ist. Schon eine Weile her ist es, dass Peter Handke seine „Publikumsbeschimpfung“ auf uns losließ (8.6.1966), vor 70 Jahren fiel eine US-Atombombe auf das Bikini-Atoll und vor 75 Jahren starb der deutsche Kaiser Wilhelm II. (4.6.) Wir gehen in die Sommerpause. Den im Titel angekündigten „alten Kaiser“ bringen wir dann im 2. Teil unserer Jahresvorschau.
(c) REUTERS ( Randall Hill / Reuters)