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„Charlie Hebdo“ zeigt einen bösen, bärtigen Gott in Sandalen

(c) APA/AFP/MARTIN BUREAU
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Zum Jahrestag des Anschlags in Paris gibt sich das französische Wochenmagazin besonders religionskritisch. Die Anklage der Redaktion lautet: „Ein Jahr danach. Der Mörder rennt noch immer frei herum.“ Davon können sich allerlei Interessengruppen betroffen fühlen.

Die Mörder sind noch immer unter uns. Das ist die ernste Botschaft von „Charlie Hebdo“ für 2016. Unmittelbar vor dem Jahrestag des Anschlags auf die Redaktion der satirischen Wochenzeitschrift in Paris, bei dem am 7. 1. 2015 zwölf Menschen ermordet wurden (ein weiterer Attentäter erschoss damals eine Polizistin und vier Juden in einem koscheren Supermarkt), erscheint das Blatt diesen Mittwoch in einer Sonderausgabe. Auflage: eine Million Exemplare.

Der von seinem Chef, Laurent Sourisseau (Riss), gestaltete Titel ist gewohnt provokant: Ein alter, bärtiger Mann im Kaftan und mit Sandalen rennt davon. Über seinem Kopf schwebt ein Dreieck mit einem Auge darin. Sein Gesicht, dem Leser zugewandt, ist vor Wut blöde verzerrt, er hat ein Sturmgewehr geschultert, einer AK-47 der Marke Kalaschnikow nachempfunden, die auch die islamistischen Attentäter von Paris verwendeten. Das Bild auf dem Cover ist schwarzweiß, nur das Blut auf dem Bart und der Kleidung des Alten leuchtet rot. Der Titel des Hefts, das sich vor allem den fünf ermordeten Zeichnern widmet, lautet: „1 an apres: L'assassin court toujours“ („Ein Jahr danach. Der Mörder rennt noch immer frei herum.“)

Im Leitartikel wendet sich Sourisseau, der selbst bei dem Attentat schwer verwundet wurde, gegen Fanatiker aller Religionen, die gehofft hätten, „Charlie Hebdo“ würde scheitern, er verteidigt das Recht, Scherze über jene zu machen, die religiös sind. Die Redaktion fühlt sich jedoch nach einer ersten Welle der Solidarität (das erste Heft nach dem Massaker wurde acht Millionen Mal verkauft) alleingelassen. Der Finanzchef des Magazins, Eric Portheault, sagte laut „The Guardian“, dass sich die Hoffnung nicht erfüllt habe, andere Zeitungen würden so wie sie mit Satire auf den Terror reagieren: „Niemand will sich uns in diesem Kampf anschließen, denn das ist gefährlich.“

Die Kampfansage von „Charlie Hebdo“ ist eine generelle. Mit welchen Symbolen arbeitet die Karikatur auf der Titelseite? Im Alten Testament gibt es zwar ein Bilderverbot: „Du sollst dir kein Gottesbild noch irgendein Gleichnis machen“, heißt es im Buch Exodus, doch in der westlichen Kunst wird der Herr im Himmel traditionell mit langem Haar und Bart dargestellt, so wie auch viele Propheten, Evangelisten, Kirchenväter. Im Islam hat sich ein generelles Bilderverbot von lebenden Wesen durchgesetzt, zumindest in Moscheen und in Koran-Handschriften. Wenn nun die Karikatur von Riss einen flüchtenden, irren Alten mit wehendem Haar und wallendem Bart darstellt, könnten sich Christen über ein bizarres Gottesbild mokieren, Moslems jedoch auch ihren Propheten sowie jeden Gläubigen verhöhnt glauben. Und Orientalisten mögen beklagen, dass in einer aufgeklärt westlichen Zeitschrift der praktische Kaftan als Zeichen für barbarische Rückständigkeit verwendet wird.

Das Dreieck über der Figur bezieht sich vordergründig auf Christliches. Zwar gab es bereits in alter ägyptischer Mythologie ein Sonnenauge des Re, so wie als Surya in Indien oder als Mithra im Zoroastrismus, doch das wachsame, alle Geheimnisse durchdringende „Auge der Vorsehung“ in einem Dreieck bedeutet in diesem Kontext die Trinität von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Das Zeichen wurde aus der jüdischen Kabbala übernommen. Weit verbreitet war es im 17. Jahrhundert, zuerst als Illustration der Werke des Mystikers Jakob Böhme. Auch die Freimaurer nutzten es, und die USA – auf der Rückseite der Dollarnote. Von der „Charlie Hebdo“-Karikatur können sich also diverse Interessengruppen angesprochen fühlen.

Nur die AK-47, das sowjetische Erfolgsprodukt, und die Blutspritzer sind eindeutig: Hier rennt ein Mörder. Allerdings trägt er Sandalen. Sie stehen für Armut und Askese. Vor einer Generation wurden solche „Jesus-Latschen“ in Karikaturen verwendet, die sich über Aussteiger lustig machten, über Hippies und frühe Öko-Freaks. Die müssen sich mit dem bösen Bild nicht identifizieren. Ihr Motto lautet doch: „Make love, not war!“ [ AFP ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2016)