Volkswirtschaften: Osteuropäer bauen Schuldenberg ab

Der Geldhahn des Westens ist zugedreht. Das lässt zwar die Wirtschaft in vielen Ostländern schrumpfen, verbessert aber die Leistungsbilanz.

Wien (b.l.). Jahrelang herrschte in Osteuropa Goldgräberstimmung. Die Unternehmen investierten und steigerten so ihre Produktivität. Die privaten Haushalte konsumierten und kauften Immobilien und langlebige Konsumgüter. Doch das alles geschah häufig auf Pump. Vor allem die baltischen Staaten wurden zunehmend von ausländischem Kapital abhängig.

Diese Quelle ist jetzt versiegt. Neue Kredite aus dem Ausland sind kaum erhältlich. In Ländern wie Tschechien, Polen, Ungarn, der Slowakei oder Rumänien ist das kein so großes Problem, weil dort in der Vergangenheit auch relativ viel gespart wurde. Diese Reserve kann man nun einsetzen, um die Investitionen halbwegs aufrechtzuerhalten. Während in der Eurozone im ersten Quartal um zehn Prozent weniger investiert wurde als im Vergleichszeitraum des Vorjahres, blieb der Rückgang in den genannten Ländern im einstelligen Bereich. Das geht aus einem Vergleich der Erste Group hervor.

Anders in Lettland, Litauen und Estland: Dort sind die Investitionen um 25 bis 40 Prozent eingebrochen. Vor allem die privaten Haushalte haben jetzt weniger Geld. Zwischen 2005 und 2007 haben sie sehr tief in die Tasche gegriffen: Die Esten etwa haben 14 Prozent ihres verfügbaren Einkommens in Immobilien gesteckt.

Das ist der dritthöchste Anteil in Europa nach Irland und Spanien– jene Länder, deren Wirtschaft am schwersten unter der Immobilienkrise leidet. In den anderen osteuropäischen Ländern lag dieser Anteil unter zehn Prozent, am niedrigsten war er in Rumänien mit 1,5 Prozent.

Import war nicht mehr leistbar

Länder wie Rumänien sind daher nach Einschätzung der Erste-Group-Experten weniger anfällig für Immobilienblasen als die baltischen Staaten. Alle osteuropäischen EU-Mitglieder haben allerdings mit Leistungsbilanzdefiziten zu kämpfen: Es wurde in den vergangenen Jahren deutlich mehr an Waren und Dienstleistungen importiert als exportiert. Das hätte nicht ewig so weitergehen können. „Irgendwann wäre es zwangsläufig zu einer Konsolidierung gekommen“, sagt Rainer Singer, Osteuropa-Experte bei der Erste Group.

Die Krise zwingt die Osteuropäer zu einer sehr schnellen Konsolidierung. Das hat zwar zunächst unerfreuliche Folgen: Wo weniger ausgegeben und investiert wird, schrumpft das Bruttoinlandsprodukt (BIP).

Doch das Gesundschrumpfen hat auch sein Gutes: „Der kurzfristige positive Effekt ist, dass die Länder weniger ausländisches Kapital brauchen, um ihr Außendefizit zu finanzieren“, stellt Erste-Group-Analyst Juraj Kotian fest. So könnte Rumänien sein Leistungsbilanzdefizit durch Konsumrückgang und Schuldenabbau heuer um die Hälfte auf sechs bis sieben Prozent des BIP reduzieren.

Langfristig garantiere der Abbau des Leistungsbilanzdefizits auch wieder Wachstum, glauben die Experten: Sobald die Ausgaben auf jenes Niveau gesunken sind, auf dem die Produktion liegt, können sie mit dieser wieder steigen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2009)

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