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Kölner Übergriffe: Polizisten befürchteten Todesopfer

Die Polizei war überfordert.
Die Polizei war überfordert.APA/AFP/dpa/OLIVER BERG
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"Chaotisch und beschämend" beschrieben Beamte die Situation zu Silvester am Kölner Hauptbahnhof. Man habe das Schlimmste befüchtet, inklusive Toter, und sei ob der Respektlosigkeit der Tätermassen schockiert gewesen.

In einem internen Polizeibericht über die Silvesternacht in Köln wird das Ausmaß des Chaos immer deutlicher, das an diesem Abend um das Areal des Hauptbahnhofs beim Dom geherrscht haben muss. "Chaotisch und beschämend" beschreibt ein leitender Polizist die Situation zu Silvester. "Frauen mit Begleitung oder ohne durchliefen einen im wahrsten Sinne 'Spießrutenlauf' durch die stark alkoholisierten Männermassen", hielt der Leiter einer an dem Einsatz beteiligten Hundertschaft in dem von "Bild" und "Spiegel" veröffentlichten Bericht fest.

"Im Einsatzverlauf erschienen zahlreiche weinende und schockierte Frauen und Mädchen bei den eingesetzten Beamten", schildert der Polizist. Sie hätten "Schlägereien, Diebstähle und sexuelle Übergriffe durch mehrere männliche Migranten/ -gruppen" gemeldet. Die Identifizierung der Täter ("sehr hohe Anzahl von Migranten innerhab der polizeilichen Maßnahmen") sei nicht möglich gewesen - denn die Einsatzkräfte hätten nicht allen Ereignissen, Übergriffen und Straftaten gleichzeitig Herr werden können. Zudem seien die eingesetzten Beamten frustriert gewesen, da sie "nicht jedem Opfer einer Straftat helfen" und die "Täter dingfest machen" konnten.

Der Bericht geht sogar so weit, dass der Beamte darin schildert, er habe gegenüber Kollegen von der unmittelbar bevorstehenden Gefahr schwerer Verletzungen, wenn nicht sogar von Todesopfern, gesprochen.  

"Ich bin Syrer, ihr müsst freundlich sein!"

Zusätzlich listet der Bericht einige konkrete Erlebnisse von Polizisten auf, schreibt der "Spiegel". So seien Beamte durch enge Menschenringe daran gehindert worden, zu Hilferufenden vorzudringen. Täter hätten Verwarnungen und Gleissperrungen durch die Polizei ignoriert. Zudem seien Zeugen bedroht worden, wenn sie mutmaßliche Täter benannten. "Maßnahmen der Kräfte begegneten einer Respektlosigkeit, wie ich sie in 29 Dienstjahren noch nicht erlebt habe."

Auch Zitate von Verdächtigen liefert der Bericht. "Ich bin Syrer, ihr müsst mich freundlich behandeln! Frau Merkel hat mich eingeladen", wird etwa ein Mann zitiert. Andere hätten vor den Augen der Polizisten Aufenthaltstitel zerissen, gegrinst und gesagt: ""Ihr könnt mir nix, hole mir morgen einen neuen." Ob es sich um echte Dokumente handelte und um welche Art von Dokumenten, gehe aus dem Bericht jedoch nicht hervor.

Dass die Lage derart eskalierte, führt der Polizist auf zu wenig Personal und Mängel bei der Ausrüstung zurück. Alle eingesetzten Kräfte seien "ziemlich schnell an die Leistungsgrenze gekommen" - der Einsatz hatte von 21.45 bis 7.30 Uhr gedauert.

Frauen Slips geraubt, Polizisten bedroht

Die Kölner Polizei wollte sich zunächst nicht zu dem Bericht des Bundespolizisten äußern. Die Zeitung "Express" zitierte am Donnerstag einen weiteren Beamten der Kölner Polizei, der im Einsatz war: "Ich habe junge Frauen weinend neben mir gehabt, die keinen Slip mehr trugen, nachdem die Meute sie ausgespuckt hatte", erinnert sich dieser laut Zeitung. "Das waren Bilder, die mich schockiert haben und die wir erstmal verarbeiten mussten." Die Polizisten seien "damit beschäftigt (...), uns selbst zu schützen, da wir massiv angegriffen wurden"

Bisher ist die Zahl der Strafanzeigen auf 121 gestiegen. Die Ermittler hätten bisher insgesamt 16 Verdächtige ausgemacht, die mit den Taten in Zusammenhang stehen könnten, sagte ein Polizeisprecher am Donnerstag. Die meisten Verdächtigen seien zwar noch nicht namentlich bekannt, aber auf Bild- oder Videoaufnahmen klar erkennbar.

Bei etwa drei Viertel der angezeigten Taten hätten die Opfer angegeben, auch sexuell bedrängt worden zu sein. In zwei Fällen seien Vergewaltigungen angezeigt worden. Augenzeugen und Opfer hatten nach den Übergriffen ausgesagt, die Täter seien dem Aussehen nach größtenteils nordafrikanischer oder arabischer Herkunft. In der Silvesternacht hatten sich aus einer Gruppe von rund 1.000 Männern kleinere Gruppen gelöst, die vor allem Frauen umzingelt, begrapscht und bestohlen haben sollen.

Weniger als ein Prozent Sexualdelikte

Tatsächlich machen Sexualstraftaten in Deutschland weniger als ein Prozent der Gesamtkriminalität aus. 2014 wurden laut Polizeilicher Kriminalstatistik bundesweit knapp 47.000 Fälle registriert - eine leichte Steigerung im Vergleich zum Jahr 2013. Damit lag der Anteil von "Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung" zuletzt bei 0,8 Prozent. Knapp vier Fünftel der Taten konnten aufgeklärt werden.

Knapp 6.100 der insgesamt rund 33.100 Verdächtigen hatten nicht die deutsche Staatsangehörigkeit, das entspricht einem Anteil von 18,4 Prozent. "Hierbei ist zu berücksichtigen, dass die nichtdeutsche Wohnbevölkerung zu einem größeren Teil als die deutsche aus jüngeren Männern besteht", heißt es beim Bundeskriminalamt. "Ferner dürfte die besondere Lebenslage junger Ausländer bedeutsam sein." Im Verhältnis zur Zahl der Einwohner gab es die meisten solcher Fälle in Großstädten wie Berlin, Köln, Bremen und Stuttgart.

(APA/dpa/red.)