Gregor Schlierenzauer beendet die Saison vorzeitig – just an seinem 26. Geburtstag erklärt er diese „Pause auf unbestimmte Zeit“ und lässt Fragen zum Karriereende unbeantwortet.
Gregor Schlierenzauer hat einen Schlussstrich gezogen. An seinem 26. Geburtstag machte sich der Tiroler wohl eines der größten Geschenke selbst. Er nahm sich die lang ersehnte Auszeit vom Spitzensport, verzichtet damit auch auf die Skiflug-WM ab nächster Woche in Bad Mitterndorf. Er lässt den kompletten Rest dieser Saison aus, und zurück bleibt die offene Frage, ob er jemals wieder in den Skisprung-Weltcup zurückkehren wird.
Der Star konnte nicht mehr an Erfolge von einst anschließen, der Stubaier wirkte in Wahrheit schon seit den Winterspielen in Sotschi 2014 gequält. Auch im Rahmen der 64. Vierschanzentournee, bei der er sein Comeback feiern wollte, war er sich selbst mehr schuldig geblieben als die eigenen Fans erhofft hatten. Mitzuspringen allein genügt ihm nicht, es ist ein Widerspruch zwischen Anspruch, Erwartung und Ehrgeiz. Er hat lang, für Wegbegleiter wie seinen Onkel Markus Prock zu lang, an Material, Stil und Sprung getüfelt. Er blieb unschlüssig und auch die zuvor bereits gewählte dreiwöchige Auszeit mit Aufenthalten in einer stillen Blockhütte in Lillehammer brachte nicht die nötige Befreiung; im Gegenteil. Schlierenzauer: „Für diese Krise bin einzig und allein ich verantwortlich.“
Wandel in einem Jahrzehnt
Bei seiner zehnten Tournee wurde deutlich, dass der ehemalige Seriensieger nicht nur ins Tief getrudelt war, sondern in einem Negativkreislauf steckt. Was ihm einst spielend leicht gelang mit dem simplen Zwischenspiel aus Ski und Verbindungsschnur, ist längst ein ganz anderer Sport geworden. Mit Stäben, anderen Anzugschnitten, höherem Gewicht, anderem Krafteinsatz und neuen, mitunter nur schwer bis gar nicht nachvollziehbaren Wind- und Anlaufregeln.
Es wird im Fall von Schlierenzauer oft übersehen: Er ist seit März 2006 Fixstarter im Weltcup. In diesem Jahrzehnt hat sich alles rund um ihn verändert. Sport, Teamkollegen, Anforderungen, und irgendwann kommt für jeden Menschen ein Punkt, so könnte man seine Situation als Außenstehender am ehesten deuten, an dem man sich nicht mehr verändern kann, nicht mehr verrenken will. Der Moment, an dem man sein Handeln, den Job hinterfragt. Als Schlierenzauer vergangene Woche auf dem Bergisel, seinem „Hausberg“, nicht ins Finale einzog, war klar, dass dieser Riss zwischen Wunsch und Wirklichkeit noch größer ist als angenommen. „Nach dem Bergisel hat die Enttäuschung jegliche Leidenschaft gekillt.“ Kein Telemark hätte das noch kitten können, und diese Erkenntnis verlangt Respekt. Wer kann sich selbst so leicht eingestehen, dass man das, was man seit Ewigkeiten ausgezeichnet und höchst erfolgreich gemacht hat, plötzlich nicht mehr kann? Wer lässt los? Demut, Mut und Vernunft sind dafür nötig.
Schlierenzauer hat 53 Siege und den Weltcuprekord erobert, zweimal die Tournee, WM-Gold im Einzel und dem Team gewonnen; nur bei Olympia blieb ihm Einzelgold verwehrt. Er kann aber entspannt zurückblicken, wenngleich nicht jeder Sprung oder jede Konversation einfach war und er auch in der Skisprungwelt tüchtig polarisierte. Doch seine erst schüchternen, später immer stolzer werdenden Auftritte als Teenager, das Erwachsenwerden im Rampenlicht, die Siegesfeiern – all das bleibt unvergessen.
„Keine Prognose möglich“
Die Aussendung las sich persönlich, man spürte, dass Schlierenzauer dieser Schritt jede Last nahm. Er gab zu, schon in der Saison 2013/14 eine Auszeit erwogen, jedoch nur für Sotschi darauf verzichtet zu haben. Sosehr seine Krise für Spekulationen sorgte, lässt nun diese „Pause auf unbestimmte Zeit“ Fragen nach dem Rücktritt offen. „Prognosen“ wollte er keine abgeben, hier und jetzt einfach „nur loslassen“. Nicht länger „schubladisiert“, nach dem Befinden gefragt oder „von Leuten gerichtet werden, die keine Ahnung haben, was hinter den Kulissen passiert.“
Es gibt Sportler, die Großes erreicht haben, danach im Nirgendwo verschwanden und doch wieder zurückkamen, um noch größere Erfolge zu feiern. Deren Zahl ist aber verschwindend gering; und nicht jeder schafft Hits wie Stephan Eberharter. Der Vergleich mit Boxern, Dirigenten, Tenören, Janne Ahonen und Popstars, die dazu neigen, den richtigen Augenblick des Absprungs zu verpassen und mit plumpen Comebacks ihren letzten Glanz zerstören, ist nicht zulässig – die Antwort darauf werden erst die Zeit und Schlierenzauer selbst geben. Er sagt: „Erst wenn die Wunden verheilt sind und der Kopf klarer ist, schauen wir weiter.“
Auf einen Blick
Gregor Schlierenzauer erklärte just an seinem 26. Geburtstag die laufende Skisprung-Saison für beendet, der Tiroler verzichtet damit unter anderem auf die Skiflug-WM am Kulm kommende Woche. Sein Debüt im Weltcup gab Schlierenzauer am 12. März 2006, mittlerweile hält er bei 53 Einzelsiegen. Ob Schlierenzauer nochmals auf die Schanze zurückkehrt, ist offen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2016)