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Köln: „Es ging um sexuelles Amüsement“

(c) APA/AFP/ROBERTO PFEIL
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Interne Enthüllungen setzen die Polizeispitze unter Druck. Ein Protokoll offenbart das Chaos der Silvesternacht. Zu den Angreifern auf Frauen zählten viele Asylwerber, sagen Beamte.

Köln/Wien. „Chaotisch und beschämend.“ So beschreibt ein leitender, namentlich nicht genannter Polizeibeamter die Situation rund um den Kölner Hauptbahnhof zum Jahreswechsel. Der interne Polizeibericht zeichnet ein verheerendes Bild dessen, was sich in der Silvesternacht abgespielt hat: Aufmüpfige Angreifer, die wahllos Flaschen und Feuerwerkskörper in die Menschenmenge warfen, überforderte und frustrierte Polizisten, verzweifelte Opfer. „Frauen mit oder ohne Begleitung durchliefen im wahrsten Sinne einen Spießrutenlauf durch die stark alkoholisierten Männermassen“, schildert der Polizist.

Schon bei ihrer Ankunft vor Mitternacht seien den Beamten weinende und schockierte Frauen und Mädchen entgegengelaufen, die von Schlägereien, Diebstählen und sexuellen Übergriffen berichteten. Sogar mit Toten habe man gerechnet. In schwerer Schutzausrüstung und behelmt seien die Einsatzkräfte von 21.45 bis 7.30 Uhr vor Ort gewesen, „ohne Leistungsbereitschaft und -willen zu verlieren“. Die Polizisten seien dennoch „ziemlich schnell“ an ihre Grenzen gestoßen. Der Grund: zu wenig Personal, fehlende Führungsmittel und mangelnde Ausrüstung. Sie hätten nicht aller Ereignisse, Übergriffe und Straftaten gleichzeitig Herr werden können, schreibt der Polizist – und reagiert damit wohl auf die Kritik des deutschen Innenministers, Thomas de Maizière, die Polizei habe zu passiv reagiert.

Auch die Täter habe man daher nicht identifizieren können. Immer wieder nennt der Beamte „männliche Migrantengruppen“ als Angreifer. Als Beweis führt er Schilderungen von Kollegen an. „Ich bin Syrer, ihr müsst mich freundlich behandeln! Frau Merkel hat mich eingeladen“, soll ein Mann gesagt haben. Andere hätten grinsend ihre Aufenthaltstitel zerrissen und gesagt: „Ihr könnt mir nichts, ich hole mir morgen einen Neuen.“

 

„Frisch eingereiste Asylwerber“

Auch Recherchen der „Welt am Sonntag“ zeigen, dass sich viele der Verdächtigen erst seit wenigen Monaten in Deutschland aufgehalten haben. „Die meisten waren frisch eingereiste Asylwerber. Sie haben Dokumente vorgelegt, die beim Stellen eines Asylantrags ausgehändigt werden“, sagten am Einsatz beteiligte Polizisten. Bei einem Großteil der Kontrollierten habe es sich nicht, wie anfangs kolportiert, um Nordafrikaner, sondern um Syrer gehandelt. Damit wächst der Druck auf die Kölner Polizeispitze. Denn Polizeipräsident Wolfgang Albers hat behauptet, die Polizei wisse nicht, um wen es sich bei den Tätern handle. Beamte hätten sehr wohl etwa hundert Angreifer kontrolliert, zitiert die „Welt am Sonntag“ Polizisten. Einige seien auch in Gewahrsam genommen worden.

Albes dürfte nicht nur verschwiegen haben, dass sich Flüchtlinge unter den rund 1000-köpfigen Bahnhofsmob gemischt hatten. Noch in einem weiteren Punkt widersprechen Aussagen von Polizisten der offiziellen Darstellung. Das primäre Ziel der Täter sei nicht gewesen, Passanten zu bestehlen. „Vorrangig ging es den meist arabischen Tätern um die Sexualstraftaten oder, um es aus ihrem Blickwinkel zu sagen, um ihr sexuelles Amüsement“, sagt ein Polizist.

Bisher gingen mehr als 120 Strafanzeigen bei der Polizei ein – darunter auch zwei Vergewaltigungen. Bei etwa einem Viertel der angezeigten Taten gaben die Opfer an, sexuell belästigt worden zu sein. Zum Vergleich: 2014 registrierte Deutschlands Polizei bundesweit knapp 47.000 Sexualstraftaten – damit lag der Anteil sexueller Delikte an der Gesamtkriminalität zuletzt bei 0,8 Prozent.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2016)