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Warum China nun zum Risikofaktor wird

Sind die ständigen Abstürze der chinesischen Börsen ein Indikator für eine bevorstehende Wirtschaftskrise? So lautet die bange Frage für die Weltwirtschaft.
Sind die ständigen Abstürze der chinesischen Börsen ein Indikator für eine bevorstehende Wirtschaftskrise? So lautet die bange Frage für die Weltwirtschaft.(c) REUTERS (BOBBY YIP)
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Erneut sorgte ein Crash an Chinas Börsen für globale Schockwellen. Aber auch abseits der Finanzmärkte bereitet China aufgrund von schwachem Wachstum, hoher Verschuldung und instabilem Finanzsystem Sorgen.

So schnell ging es selbst auf den volatilen Finanzmärkten Chinas noch nie. 20 Minuten nach Eröffnung war der Handel am Donnerstag im chinesischen Finanzzentrum Shanghai schon wieder vorbei (siehe Artikel unten). Dann hatte der CSI-300-Index bereits fast sieben Prozent verloren, und wie am Montag setzte der zu Jahresanfang neu eingeführte Schutzmechanismus ein, der die Aktivitäten an der Börse für den Rest des Tages stoppte. Die Folgen waren dennoch erneut auf dem gesamten Globus zu spüren: Im restlichen Asien, in Europa und den USA waren die Kurstafeln an den Börsen tiefrot.

Sind diese wiederholten Eruptionen an den chinesischen Börsen die Vorzeichen für einen bevorstehenden Wirtschaftscrash im Reich der Mitte? So lautet die bange Frage, die allerorts nun gestellt wird.

Manche Experten beruhigen: Die Börsen in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Erde seien nicht mit jenen in Europa oder Nordamerika zu vergleichen und von der sogenannten Realwirtschaft quasi abgekoppelt. Zum Teil stimmt diese Analyse. Denn die Handelsplätze in Shanghai und Shenzhen erinnern mitunter eher an Casinos denn an transparente Börsen nach westlichem Verständnis. So dürfen viele Aktien nach wie vor nur von bestimmten Personengruppen gehandelt werden, die dabei oft heftig spekulieren. Dies führt naturgemäß zu höherer Volatilität. Zudem ist der Staat allgegenwärtig und greift nach eigenem Gutdünken in das Handelsgeschehen ein.

Trotzdem spiegelt die Kursentwicklung an den beiden Handelsplätzen grundsätzlich die Erwartungshaltung für die wirtschaftliche Entwicklung der gehandelten Unternehmen wider. Und diese ist auch aufgrund fundamentaler Faktoren zunehmend getrübt. „Die Presse“ nennt die wichtigsten Gründe.

Die anhaltende Wachstumsschwäche

6,7 Prozent. Um diesen Wert wird China laut der in der Nacht auf Donnerstag veröffentlichten Weltbank-Prognose heuer nur wachsen. Noch vor einem halben Jahr wurden 0,3 Prozent mehr erwartet. Damit setzt sich der länger anhaltende Trend fort, dass die chinesischen Wachstumszahlen sukzessive zurückgehen. Zwar wurden auch die hohen Zahlen der Vergangenheit vielfach bezweifelt, nun ist es jedoch evident, dass es eine veritable Abkühlung von Chinas Konjunktur gibt.

Das Reich der Mitte wächst somit so langsam wie zuletzt Mitte der 1990er-Jahre, als der chinesische Boom erst am Anfang war. Und obwohl diese Wachstumsraten im Vergleich mit westlichen Ländern immer noch ausgesprochen hoch sind, werden sie für das Land aus zwei Gründen immer mehr zum Problem. Erstens benötigt China eine gewisse Wachstumsrate, damit genügend neue Jobs geschaffen werden, um jene zu ersetzen, die durch Automatisierung oder Abwanderung in andere asiatische Länder wegfallen. Misslingt dies, können soziale Spannungen zunehmen. Ökonomen sehen diese Grenze aufgrund der starken Ausrichtung auf die Industrie bei einem Wirtschaftswachstum von jährlich sieben Prozent.

Zweitens brauchen Chinas Firmen ein gewisses Wachstum, damit ihre hohe Verschuldung nicht außer Kontrolle gerät.

Die starke Verschuldung der Unternehmen

Denn in kaum einem Land der Welt sind die Firmen so stark verschuldet wie in China. Laut Zahlen der Weltbank beträgt die Verschuldung 170Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts, rechnet man Hongkong hinzu, sind es sogar weit über 200 Prozent. Zum Vergleich: In der Eurozone sind Unternehmen mit etwa 85 Prozent des BIPs verschuldet, in den USA mit rund 65 Prozent.

Ein großer Teil dieser Schulden wurde in China seit dem Ausbruch der weltweiten Wirtschaftskrise im Jahr 2009 aufgebaut. Damals bekämpfte die chinesische Führung die ökonomische Flaute nämlich mit einem auf Pump finanzierten Konjunkturprogramm. In der Industrie wurden dadurch Überkapazitäten aufgebaut. Vor allem aber in den Bau wurden Milliarden investiert. Im ganzen Land entstanden Flughäfen, Häuserkomplexe und ganze Stadtviertel. Für viele davon gab es nicht genügend Nachfrage: Sie stehen leer und werfen keinerlei Rendite ab, was für die Erbauer – meist Firmen im Besitz der öffentlichen Hand – ein großes Problem ist.

Das instabile Finanzsystem

Eine weitere Besonderheit Chinas ist, dass die Finanzierung weiter Teile der Wirtschaft nicht über die Kapitalmärkte oder das regulierte Bankensystem, sondern über sogenannte Schattenbanken erfolgt. So werden Firmen bezeichnet, die sich wie Banken verhalten – also Einlagen annehmen und Kredite vergeben, aber außerhalb jeglicher Kontrolle der Finanzaufsicht stehen. Laut Schätzungen beträgt das Volumen der Schattenbanken bereits rund die Hälfte der chinesischen Wirtschaftskraft.

Dies macht die ausufernde Verschuldung der chinesischen Firmen noch wesentlich gefährlicher, urteilen Experten. So kommt auch die Bank of America in einer aktuellen Analyse zu dem Schluss: „Wir glauben, dass die Verschuldungssituation in China den Point of no Return überschritten hat.“ Der Staat könne zwar kurzfristig die Probleme im Zaum halten, dadurch würden die Auswirkungen langfristig aber noch größer werden. „Historisch gesehen hat noch jedes Land, dessen Schulden so schnell gewachsen sind, Probleme mit seinem Finanzsystem bekommen. Dazu gehören die Abwertung der Währung, die Rekapitalisierung der Banken durch staatliche Hilfen und eine hohe Inflation. Und wir gehen nicht davon aus, dass China hier eine Ausnahme sein wird“, schreiben die Analysten der US-Bank.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2016)