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Der verzweifelte Kampf der Politik gegen die Folgen der eigenen Taten

(c) Bloomberg
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China ist überall, wir sitzen alle im selben Boot. Die Frage ist nur, in welchem Erdteil die Illusion der politischen Kontrolle über die Märkte zuerst erodiert.

Es hat ja keinen Sinn, sich die Dinge schönzureden, also fangen wir gleich beim unausweichlichen Endergebnis an: Der Laden, den wir gern Märkte nennen, wird uns wieder um die Ohren fliegen. Wir wissen nicht, wann und wie genau, wir wissen nur, dass es kommen wird. Vielleicht sind die Turbulenzen in China der Anfang vom Ende. Vielleicht schafft es Peking, das Unvermeidliche noch ein bisschen zu verzögern, wie es nach dem Börsencrash im Sommer des vergangenen Jahres gelungen ist. Es ist letztlich egal, denn China ist nicht das Problem – sondern bloß ein sehr sichtbares Symptom der Krankheit.

Wo der nächste ganz große Crash stattfinden wird, ist noch offen. Es gibt auch diejenigen, die das Hoch der US-Börsen schon hinter uns sehen, und sogar mahnende Stimmen, die inzwischen von einer neuen Rezession in der angeblich brummenden amerikanischen Wirtschaft sprechen, wie etwa der Schweizer Investor Marc Faber. Selbst Milliardär George Soros sieht sich bereits an die Krise von 2008 erinnert – aber ganz ehrlich: Ein Fünfjähriger könnte diese Feststellung machen, nur haben Fünfjährige Gott sei Dank noch andere Sorgen als die Märkte.


China ist deswegen ein Symptom der Krankheit, weil das nominell kommunistische Regime sich viel leisten kann, sogar die schrittweise Abschaffung des Kommunismus, wie in den vergangenen Jahrzehnten geschehen. Nur eines darf nie passieren: Die Bürger dürfen nie das Vertrauen in die Kontrolle der Partei über die Menschen, den Staat und die Wirtschaft verlieren – sonst fällt das Kartenhaus rasch in sich zusammen.

Deswegen greift Peking zu Brachialmaßnahmen, um den Absturz der Kurse aufzuhalten. Keine 30 Minuten waren die Börsen am Donnerstag geöffnet. Den Staatsfonds und anderen Großinvestoren wurde das Verkaufen ihrer Anteile verboten. Gleichzeitig werden die angeblich Schuldigen gejagt. Immer neue Gesetze und Regeln sollen den Crash irgendwie stoppen und den Anschein einer Kontrolle wahren, die der Staat ohnehin nie hatte.

Das heißt aber nicht, dass der Staat nicht eine gewichtige Rolle hat. In allen Teilen der Welt spielen die Regierungen in den guten Zeiten gern die Cheerleader der Märkte – und setzen alles daran, die Party möglichst lang am Laufen zu halten. Im Westen führte das zur Deregulierung der Märkte und zu unheimlichen Exzessen der Finanzindustrie. Man könnte das mit der Kurzsichtigkeit der Machthaber in demokratischen Systemen erklären, nach dem Motto „Hinter mir die Sintflut“. Aber in China, wo die Menschen noch vergangenes Jahr vom Staat in die Aktienmärkte getrieben wurden, gibt es keine Demokratie.

In Zeiten wirtschaftlicher Not werden die Regierungen und Politiker dann zu den ärgsten Verschwörungstheoretikern und sehen plötzlich überall böse Spekulanten, heimtückische Ratingagenturen und gezielte Finanzattacken aus dem Ausland. Und nur weil die Chinesen – sonst gar nicht ihre Art – bei Finanzdingen eher plump sind, sind sie keinesfalls allein. Zur Hochzeit der Eurokrise stand in Brüssel auch fest, dass die US-Ratingagenturen dahinterstecken. Und Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker warnte erst kürzlich davor, dass „die Angelsachsen“ den Euro zerstören wollen.

Das Traurige ist: Vielleicht haben sie mit der einen oder anderen Theorie sogar recht. Denn die „Logik“ des staatlichen Interventionismus, derzufolge in guten Zeiten das Feuer des billigen Kredits durch möglichst viel Öl anzuheizen ist – und in schlechten Zeiten die heilende Wirkung eines Crashs, der Fehlinvestitionen auslöschen würde, möglichst lang zu verzögern ist, hat uns in eine sehr gefährliche Lage gebracht.

Einerseits sitzen wir in der globalisierten Welt alle in einem Boot. Wenn in China der Yuan abschmiert, folgen die Börsen in Europa und den USA. Aber andererseits ist sich im Fall der Fälle doch jeder selbst der Nächste. Da werden Gesetze erlassen und Währungen abgewertet, als ob es kein Morgen gäbe, in der Hoffnung, dass der Crash zuerst einen anderen trifft, dem man dann die Schuld geben kann. 2008 ging es in Amerika los, 2010 kam Europa dran. Danach Russland. Und jetzt ist China an der Reihe.

E-Mails an: nikolaus.jilch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2016)