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„Mediterranea“: Der Weg auf die Barrikaden

Mediterranea
(c) Filmladen
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Der Film erzählt von afrikanischen Zitruspflückern, die gegen unmenschliche Arbeitsbedingungen protestieren: Unter ihnen der besonnene Ayiva Koudous.

Die Reaktion des Kinos auf das, was man in Europa Flüchtlingskrise nennt, hat viele Facetten. Vergangenes Jahr waren einige davon in Österreich zu sehen, manche von ihnen heimischer Provenienz, alle mit eigenständigem Zugang und Blickfeld: Engagierte Dokumentationen („Lampedusa im Winter“, „Last Shelter“, „Logbook Serbistan“) fanden sich ebenso darunter wie elegische Bildgedichte („Lampedusa“ „Those Who Feel the Fire Burning“) und ein sozialrealistisches Melodram (der Cannes-Sieger „Dheepan“). Dank „Mediterranea“, dem Langfilmdebüt des italoamerikanischen Regisseurs Jonas Carpignano, kann diese Liste nun um einen weiteren starken Eintrag ergänzt werden. Es wird bestimmt nicht der letzte bleiben.

„Mediterranea“ nimmt eine Region in den Fokus, die lange vor dem Krieg in Syrien als Flüchtlingshafen und Krisengebiet in den Schlagzeilen war: Kalabrien, die Südspitze Italiens. Jänner 2010 kam es dort im Wirtschaftszentrum Rosarno zu Ausschreitungen im Zuge von Protesten afrikanischer Saisonarbeiter gegen die unmenschlichen Beschäftigungsverhältnisse in der Zitrusindustrie. Carpignano geht es (unter anderem) darum nachzuvollziehen, wie es zu dieser Eskalation kommen konnte. Schon seine kurzen Arbeiten haben sich mit den Unruhen und ihren Ursachen beschäftigt: Er hat drei Jahre in Rosarno gelebt, um das Vertrauen der örtlichen Flüchtlingsgemeinschaft zu gewinnen. Das Handlungsgerüst fußt zu einem Großteil auf den Erfahrungen des aus Burkina Faso stammenden Hauptdarstellers Ayiva Koudous, so gut wie alle Rollen des Films wurden mit Menschen aus der Gemeinde besetzt. Umso beachtlicher, dass nichts an „Mediterranea“ amateurhaft wirkt: Es ist ein resolutes, reifes Erstlingswerk.

 

Von Algerien nach Kalabrien

Der Film setzt in Algerien an. Ayiva (Koudous spielt sein Alter Ego selbst) und sein Freund Abas (Alassane Sy) sind unterwegs zur libyschen Küste, wo ein Boot nach Italien auf sie warten soll. Die beschwerliche Reise führt zu Fuß durch die Wüste, in die Fänge von Wegelagerern, und schließlich zur klapprigen Schaluppe. Das Mittelmeer fordert seine Opfer, doch die beiden kommen heil in Kalabrien an. Schnell ist ihnen klar, dass die wahren Herausforderungen der Emigration erst jetzt beginnen.

Was folgt, ist eine eindringliche Milieustudie im schnörkellosen Cinéma-vérité-Stil, der die Innenperspektive sehr zugutekommt. Das Unrecht und Elend der staatenlosen Existenz wird nicht ausgeblendet, aber der Film hütet sich davor, in herablassenden Miserabilismus zu verfallen: Er schildert auch die Solidarität unter den Flüchtlingen, lässt den Zuschauer an kurzen Momenten des Glücks teilhaben. Wyatt Garfields intuitive, leichtfüßig-fahrige Handkamera haftet dabei immer hautnah an den Figuren und ihren Gesichtern. Die Umgebung bleibt zumeist schemenhaft, undeutlich, fremd.

Ayiva und Abas finden (illegale und undankbare) Arbeit als Orangenpflücker. Rassismus scheint allgegenwärtig, einmal werden die Erntehelfer auf dem Heimweg fast von einem Auto angefahren. Trotzdem knüpfen sie Freundschaften, besonders zur jüngeren Generation: Ein kettenrauchender rumänischer Strizzi-Knirps namens Pio hilft Ayiva bei der Suche nach Geschenken für seine Familie in Burkina Faso, und die freche kleine Tochter des Plantagen-Vorarbeiters wird für den Einwanderer zum willkommenen Quälgeist. Sämtliche Nebenfiguren in „Mediterranea“ wirken bei all ihrer Schrulligkeit wie aus dem Leben gegriffen – nicht zuletzt, weil sie es tatsächlich sind.

Ayiva beweist sich in den Augen seines Chefs als tüchtiger Mann, irgendwann lädt ihn dieser zum Abendessen ein – aber einen Werkvertrag kann (oder will) er ihm nicht anbieten. Es sind diese Barrieren, die im Verbund mit der drohenden Abschiebung und alltäglichen Gewalt die grundvernünftige, besonnene Hauptfigur in einen Barrikadenstürmer verwandeln. Das Ende des Films bleibt offen. Zu Recht: An den Verhältnissen in Süditalien hat sich bis heute nicht viel geändert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2016)