Ein Kunstjahr zum Genießen: Just Relax!

Der britische Fotograf Martin Parr gastiert heuer im Kunst-Haus Wien. Foto: Belgien, 2000.
Der britische Fotograf Martin Parr gastiert heuer im Kunst-Haus Wien. Foto: Belgien, 2000. Martin Parr / Magnum Photos
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Ausstellungen in Wien 2016: Große Namen, ambitionierte kleinere Schauen, am Ende aber gesellschaftspolitisch unbedenklich. So könnte man's zusammenfassen.

Natürlich gibt es auch heuer wieder eine Handvoll spannender Ausstellungen in Wien. Georgia O'Keefe im BA-Kunstforum ist so ein Must-see. Anselm Kiefer in der Albertina. Ai Weiwei im 21er-Haus. Die afrikanischen Moderne-Einflüsse im Leopold Museum. Und am Jahresende natürlich Edmund de Waals Interpretation der Sammlung des Kunsthistorischen Museums.

Ansonsten scheint das ein recht beschauliches Jährchen zu werden. Jedenfalls zeichnet sich, zumindest in den großen Hauptstadt-Häusern, nichts arg Provokantes oder gesellschaftspolitisch Kontroverses ab. Wäre das der Status der zeitgenössischen Kunst, wäre es zum Heulen. Ist es aber nicht, sondern nur das institutionelle Nummer-sicher-Spiel. Das Museum als eskapistischer Rückzugsort – im Jahr, bevor Biennale Venedig und Documenta wieder einmal zusammenfallen und wohl flächendeckend auf die aktuellen Umbrüche werden reagieren müssen, ist das ja vielleicht sogar ganz entspannend.

KHM feiert 125. Geburtstag.
Überraschend entspannt begeht das Kunsthistorische Museum selbst sein 125. Eröffnungsjahr, mit einer fröhlich-braven Gruppenausstellung über das Feiern an sich, „Feste Feiern“ ab 8. März. Nun gut, das Originellste an diesem Jubiläum ist noch, dass in diesem Jahr jeder Besucher an seinem eigenen Geburtstag freien Eintritt ins KHM genießt. Immerhin! Pflichtbewusst wird auch der 100. Geburtstag von Kaiser Franz Joseph abgefeiert, in Wagenburg, Schönbrunn, Schloss Niederweiden etc., ab 16. März.

Das Highlight des Jahres aber dürfte wieder einmal die Zeitgenossen-Stabstelle des KHM abliefern: Der Keramikkünstler und „Hase mit den Bernsteinaugen“-Autor Edmund de Waal stellt ab 11. Oktober seine ganz persönliche Auswahl aus den KHM-Sammlungen vor. Noch ein zweiter internationaler Star schaut vorbei, Ron Mueck, Schöpfer skurril verzerrter hyperrealer Skulpturen, bespielt ab 20. April den Theseus-Tempel.

Ähnlich viele Standorte bespielt Agnes Husslein im Belvedere-Konzern – doch mit etwas mehr Verve. Vor allem das 21er-Haus scheint heuer im Fokus zu stehen, da reichen sich die Stars die Hände, von Ai Weiwei (ab 14. 7.) über Maria Lassnig und Oswald Oberhuber bis Franz West. Mit Big Names kennt sich nur einer noch so gut aus, Klaus Albrecht Schröder lässt in der Albertina heuer im Frühjahr antreten: Die russischen Avantgarden „Chagall bis Malewitsch“ (ab 26. 2.) und Anselm Kiefer mit seinen riesigen Holzschnitten (ab 18. 3.). In dieser Kategorie tuscht heuer auch das BA-Kunstforum ordentlich auf, mit der ersten österreichischen Retrospektive auf den umstrittenen Maler erotischer Mädchenbilder Balthus (ab 24. 2.) und vor allem auf die klassisch-moderne US-Malerin Georgia O'Keeffe mit ihren ikonischen erotischen Blumenbildern (ab 30. 11.).

Die zweite große Personale einer Frau ist heuer im Leopold-Museum mit der dunklen belgischen Bildhauerin Berlinde de Bruyckere zu finden (ab 8. 4.). Die „Fremden Götter“ (Stammeskunst und ihr Einfluss auf die Moderne) ab 23. 9. sorgt schon international für Beachtung auf einigen Vorschaulisten.

Eine Kooperation mit dem Leopold-Museum hätte sich für die Mumok-Hauptausstellung heuer angeboten (aber nein): „Psyche und Tabu“ bringt endlich die Verbindung von Wiener Aktionismus und der frühen Wiener Moderne von Schiele, Klimt, Gerstl auf den Punkt, hoffentlich (ab 4. März). Das Jahr wird mit einer großen Retrospektive auf den slowakischen Konzeptkünstler Julius Koller beendet (Kuratorenauflauf von Daniel Grúň, Kathrin Rhomberg und Georg Schöllhammer!).

Eine historische Retrospektive auch im MAK, auf den ganzheitlichen Über-Vordenker Friedrich Kiesler (ab 15. 6.). Dem Trend zum Handwerk wird am Jahresende mit „Tradiertes Können in der digitalen Welt“ gehuldigt. Als neuer Trendsetter im direktoralen Wettbewerb steigt heuer erstmals Matti Bunzl ein, in seiner ersten Wien-Museum-Saison bringt er „Sex in Wien“ über „Lust. Kontrolle. Ungehorsam“ ab 15. 9. und zuvor, ab 10. März, eine Geschichte des Praters, woran das Jüdische Museum mit einer eigenen Ausstellung anschließt. Die wohl ambitionierteste Schau im JMW ist aber „Die bessere Hälfte. Jüdische Künstlerinnen bis 1938“ (ab 19. 10.), die Werke von 40 Künstlerinnen u. a. von Tina Blau, Broncia Koller oder Helene Taussig umfasst. Mehr Frauen, darf man sich hier wieder wünschen.

Nikolaus Schafhausen hat immerhin eine Chefdramaturgin für die Kunsthalle Wien an seiner Seite, mit der er heuer u. a. große Ausstellungen zu Automatismus, dem Material Beton in der Kunst und elektronischer Musik (Florian Hecker) auf die Bühne bringt.

Zum Schluss noch ein Jubiläum: Das Kunst-Haus Wien wird heuer süße 25. Wozu man sich u. a. die unverblümten Ansichten (siehe Abb.) des britischen Fotografen Martin Parr schenkt. Just relax, eben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2016)

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