Aufwärtsschieben, hinunterschweben

THEMENBILD-PAKET: WINTER: SKITOUREN/SKI
Auf die harte Tour: drei Stunden hinauf, halbe Stunde hinunter, Pausen inklusive.APA/BARBARA GINDL

Der Skitourenwinter steht Österreich noch bevor, doch Vorbereitungen sollte man schon jetzt starten. Denn eine Skitour beginnt bereits zu Hause – mit Konditionsaufbau, Routenplanung und Lawinenwarncheck.

Grasbüschel ragen aus der Schneedecke, mehr angezuckert denn fest zugedeckt scheinen die Höhen vom Arlberg bis zum Stuhleck. In den Alpen braucht es derzeit etwas Fantasie, um sich die Gegend in ihrem Normalzustand vorzustellen. Im Jänner sollten die Hänge eigentlich unter einer ordentlichen Schneedecke liegen und die typischen Muster aufweisen: die Zickzacklinie der Aufstiegsspur. Die Bogen, Haken und Zopfmuster der Abfahrtsspuren.

Schnee hin oder her, mit Saisonbeginn ist der ambitionierte Skitourengeher startklar. Das Set mit den noch leichteren Skiern, Schuhen und der Tourenbindung ersetzt das alte (sofern ein vierstelliges Budget vorhanden). Das Lawinenverschütteten-Suchgerät stammt ebenfalls nicht aus dem Jahre Schnee. Im Rucksack stecken Sonde und Schaufel (weil man nicht nur gerettet werden will, sondern auch andere ausgraben soll). Die Kunststofffelle für den Aufstieg sind sauber eingerollt. Die Apps mit detaillierten Kartenmaterial, dem Lawinenlagebericht und dem regionalen Wetter heruntergeladen. Die nötige Fitness ist vorhanden, auch bei den Kollegen, mit denen man die Skitour startet, alles andere wäre unverantwortlich.

Und dann kommt er endlich, der erste richtige Schnee, allerdings kein unriskantes Material. Locker und noch nicht gesetzt, gehört eine „bodennahe Schwachschicht vom Frühwinter“ zu den häufigeren Auslösern von Lawinen. Die beiden Tiroler Lawinenexperten Rudi Mair und Patrick Nairz haben in den letzten Jahren unzählige Lawinenabgänge und -unfälle analysiert und daraus zehn Gefahrenmuster abgeleitet. Sie ergeben sich aus einem komplexen Zusammenspiel von Wind, Temperaturdifferenzen und Niederschlägen, und man tut gut daran, Wetter und Schneelage nicht nur zum Zeitpunkt rund um eine Tour zu beobachten, sondern den ganzen Winter lang im Auge zu behalten. Je genauer man den Schneedeckenaufbau kennt, desto besser lässt sich entscheiden, wo und ob eine Skitour machbar ist.

In den Flow kommen. Das kritische Zeitfenster ist schließlich noch größer als für den Freerider, der die Bergbahn nutzt, kurz den organisierten Skiraum verlässt und nicht weit draußen im Tiefschnee abfährt: Ein Aufstieg von 1000 Höhenmetern im freien Gelände kann zweieinhalb bis drei Stunden dauern, in denen man vielleicht Hänge quert, die steiler als 35 Grad sind (ab da wird es bei Lawinenwarnstufe drei kritisch), Felsbänder umgehen und auf Graten Balance halten muss.

Wenn man mehrere Stunden hintereinander in der Spur aufwärtsschiebt, schadet es nicht, einen Sinn für Natur und Landschaft zu haben. Zu beobachten, wie der Wind durch die Äste fährt und der Schnee von den Fichten rieselt, die Tierfährten neben der Spur zu lesen, das Geländerelief zu studieren, dem Vogelgezwitscher zu lauschen. Der Aufstieg ist eine stille Angelegenheit, und Pausen dienen eher kurzen Absprachen. Mit jedem Höhenmeter mehr entsteht eine Art Flow, in dem die Bewegung nicht nur anstrengend, sondern auch meditativ ist. Und schweißtreibend, je nach Länge der Tour und Steilheit des Geländes, sodass nach und nach die Schichten abgelegt werden, bis man nur mehr im Funktionsshirt auf dem Gipfel steht. Um sich nach dem heißen Tee aus der Thermoskanne und ein paar euphorischen Minuten wieder in Fleece und Goretex zu schälen und zu überlegen, wo, wie und mit welchen Abständen man abfährt, um die Schneedecke nicht zu stark zu belasten. Da Tiefschnee kein Wunschkonzert ist, sollten konditionell noch Reserven übrig sein, um mit Bruchharsch oder nassem, schwerem Schnee fertig zu werden.

Mittlerweile ist der Skitourengeher da oben nicht mehr allein. Und die Ziele werden immer ambitionierter: Es ist schließlich eine sportliche Leistung, einen Großvenediger oder eine Wildspitze mit Ski zu begehen. Längst ist das freie wilde Skifahren im stobenden Powder zur Gegenkultur des Pistenskifahrens geworden – und ein Schaubild für Touristiker und Markenartikler. Wobei sich der Skifahrer immer weiter differenziert – wie etwa der von Bergbahnern so ungeliebte Pistentourengeher. Er gehört einer anderen Spezies als der Skitourengeher in freier Natur an. Aber wenn der richtige Schnee nicht kommt, wird er wohl auch einmal die Piste ausprobieren.

im Schnee lesen

Tourentipps
„Skitouren light. 100 Touren für Einsteiger und Genießer“, Thomas Neuhold, Verlag Anton Pustet
„Schitouren in den Südalpen II“, Robert Zink u. Martin Assam, Styria Books

Gefahren erkennen
„Lawine. Das Praxis-Handbuch. Die entscheidenden Probleme und Gefahrenmuster erkennen“, Rudi Mair u. Patrick Nairz, Tyrolia-Verlag
Übersicht über Lawinenwarndienste: www.lawine,at