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Börsengewitter in China

FUYANG CHINA JANUARY 06 CHINA OUT An investor observes stock market at an exchange hall on Jan
Rotes Meer: genervter Investor vor der Anzeigetafel der Börse Shanghai am 5. Jänner. China musste den Aktienhandel zu Jahresbeginn zweimal stoppen.imago/China Foto Press

KolumneWarum der China-Crash noch nicht zu Ende ist und die Börsen auch in Europa noch Abwärtspotenzial haben.

Dass die stark aufgeblasene chinesische Börsenblase platzen würde, war vorherzusehen. Dass sie damit gleich Anfang Jänner und in dieser Intensität beginnen würde, wohl eher nicht. Das hat auch hierzulande viele Anleger auf dem falschen Fuß erwischt. Wer sein Depot nicht abgesichert hat, sitzt jetzt also nach wenigen Tagen auf Verlusten, die im Schnitt schon nahe an zehn Prozent herankommen. Das ist kein gutes Omen für ein Börsenjahr, denn eine alte Börsenregel sagt, dass die ersten Handelstage im Jahr normalerweise die Richtung im weiteren Verlauf vorgeben.

Es gibt aber auch bereits Stimmen, die meinen, dass die Märkte überreagiert haben – und damit schon jetzt ausgesprochene Schnäppchen auf den Kurszetteln bereit halten, mit denen kurzfristig Gewinn zu machen sei. Darauf würde ich jetzt nicht bauen.

Faktum ist, dass sich fundamental in China durch das Börsengewitter nichts zum Besseren gewandelt hat und dass aus den restlichen großen Volkswirtschaften wenig ermutigende Konjunkturzeichen kommen. Die kurzzeitige leichte Gegenbewegung an den Märkten zum Wochenschluss war also wohl noch nicht die Wende, sondern höchstens eine Atempause.

Eine, die nur durch massive staatliche Eingriffe in den Markt erreicht wurde. China hat ja in der abgelaufenen Woche wegen frei fallender Kurse nicht nur zwei Mal den Handel an seinen Börsen angehalten, sondern auch umgerechnet an die 100 Mrd. Euro in Marktinterventionen gesteckt. Einfacher gesagt: Der Crash konnte nur aufgehalten werden, weil der Staat zur Börsenstabilisierung massiv Aktien aufgekauft hat.

So etwas kann im Augenblick helfen, die Feuerprobe kommt aber erst, wenn die Interventionen wieder aufhören. Kurz und gut: China könnte noch einige unangenehme Überraschungen für Anleger bereithalten. Und wohl auch für solche, die um chinesische Aktien einen großen Bogen machen. Der für österreichische Anleger zweitwichtigste Markt, nämlich jener in Frankfurt, reagiert, wie man gesehen hat, nämlich auch überdurchschnittlich sensibel auf Erschütterungen im Reich der Mitte. Und das hat seinen Grund: Die 30 im Leitindex DAX notierten Konzerne machen rund ein Sechstel ihres Gewinns in China. Sind also ziemlich direkt betroffen, wenn es in dieser Riesenvolkswirtschaft kracht.

Experten glauben zum jetzigen Zeitpunkt zwar nicht an eine wirklich harte Landung der chinesischen Wirtschaft, aber dass das BIP-Wachstum dort heuer wirklich (die für chinesische Verhältnisse ohnehin schwachen) 6,8 Prozent erreicht, gilt auch als eher unwahrscheinlich.

Kurzum: Ein Einstieg in den fallenden Markt ergibt derzeit keinen Sinn, weil die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass der Boden noch ein Stück entfernt liegt. Analysten schließen nicht aus, dass es an den mitteleuropäischen Märkten noch einmal gut zehn Prozent hinuntergeht, womit dann wirklich beinahe Crash-Niveau erreicht würde.

Anleger, die nicht kurzfristig zocken wollen, bleiben dem Markt vorläufig also am besten fern und nehmen die weiterhin kommenden Kaufempfehlungen von Analysten nur als Anregung für die Zeit nach einer erkennbaren Marktstabilisierung.

JPMorgan beispielsweise hält europäische Autowerte für vergleichsweise attraktiv. Der Grund: Der europäische Automarkt habe sich erfangen, und das mache die Hersteller weniger abhängig von den vergleichsweise großen Risken im amerikanischen und vor allem im chinesischen Markt. Die JPMorgan-Analysten setzen besonders auf Daimler (ISIN DE0007100000),BMW (ISIN DE0005190003) und Peugeot (ISIN FR0000121501). Alle drei haben seit Jahresbeginn überdurchschnittlich (um 13 bis 15 Prozent) Federn lassen müssen. Allerdings, fügen wir hinzu, sind sie damit noch keine Schnäppchen. Dazu muss erst die Gesamtbewegung des Markts zum Stehen kommen.

Eine Kaufempfehlung hat in dieser Woche auch der deutsche Kalikonzern K+S (ISIN DE000KSAG888) bekommen. Bernstein Research hat den Wert auf „Outperform“ hochgestuft und das Kursziel von 26 auf 31 Euro erhöht, was bei einem aktuellen Kurs von knapp über 21 viel Potenzial ergäbe. Allerdings haben gleichzeitig Independent Research und Baader Bank Verkaufsempfehlungen abgegeben und die Kursziele auf 20 bzw. 21 Euro gekappt. Es ist halt derzeit doch ziemlich viel Unsicherheit im Markt . . .

josef.urschitz@diepresse.com

diepresse.com/money

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2016)